Schönen Sommer!

(Foto: Daniel Münderlein)
(Foto: Daniel Münderlein)

Liebe LeserInnen,
Liebe AutorInnen,
Liebe UnterstützerInnen des „Freiraum in der Krise“ Blogs,

das spezielle Sommersemester neigt sich nun dem Ende und der städtische Freiraum füllt sich mittlerweile wieder mit Leben. Die Lehrveranstaltungen dieses besonderen Semesters wurden ohne jeglichen persönlichen Kontakt abgewickelt und es zeigten sich Vor- und Nachteile von digitalen Kulturtechniken. Räumlich entkoppelte Lehre erwies sich trotz einer sehr geringen Vorbereitungszeit als produktive Plattform und neuer Möglichkeitsraum. Gleichzeitig wurde jedoch auch die Sehnsucht nach direktem persönlichen Kontakt und physischer Begegnung deutlich. Die Covid-19 Pandemie regt zum Hinterfragen der Balance von zeitlich bzw. räumlich entkoppelten digitalen Lehrressourcen und der Notwendigkeit von Präsenzlehre an. Für das Wintersemester ergibt sich der Wunsch nach hybriden Formaten, um verantwortungsvoll in den bekannten Lehrbetrieb oder eine „neue Normalität“ zurück zu kehren. Auch der ASL Rundgang des Fachbereichs 6 an der Universität Kassel wurde in den digitalen Raum verlegt und bietet mit der Platform R:EIN verschiedene Formate, um die studentischen Arbeiten des Corona Semesters in Augenschein nehmen zu können. Das Spektrum reicht von der Darstellung in Form von Webseiten und Videos über Audio Beiträge bis hin zu einem per Game Engine virtuell begehbaren R:EINRAUM.

(Screenshot: R:ADIO R:EIN )


Wir wurden vom R:ADIO x R:EDEN eingeladen über diesen Blog zu sprechen, woraus ein halbstündiger Beitrag entstanden ist.

Weiterhin wurde am Fachgebiet Freiraumplanung der Entschluss gefasst aus den vielen interessanten Beiträgen dieser Blogseite eine zusammenhängende Publikation zu erstellen. Dafür konnten erfolgreich finanzielle Mittel akquiriert werden, so dass im Wintersemester mit der konkreten Umsetzung begonnen werden kann.

Wir wünschen allen LeserInnen, AutorInnen und UnterstützerInnen dieses Blogs einen erholsamen und gesundheitsförderlichen Sommer und freuen uns auf zukünftige Entwicklungen im „Freiraum in der Krise“.


Herzliche Grüße

Das Blog Team

Eine kurze – unheimeliche – Geschichte

Der leere Universitätscampus in Kassel (Foto 26.6.2020: Stefanie Hennecke)

Gastbeitrag von Harald Kegler

Es war einmal ein Freiraum: Am 24. Juni 1970 beschloss der Hessische Landtag die Gründung der ersten und einzigen Gesamthochschule (GH). Es bestand die Absicht, einen akademischen Raum besonderer Art zu schaffen, der abwich vom etablierten, sozial selektiven, didaktisch auf Hörigkeit und strikte Disziplinarität ausgerichteten Lehrbetrieb zu einer wahrhaft reformorientierten Hochschule der freien Wissensaneignung. Sicher, so idealtypisch lief es dann nicht, aber der Anspruch war gesetzt. Und dieser bot Studierenden tatsächlich die Chance, nonkonform zu lernen und kritisch in die gesellschaftlichen Prozesse beim Bauen und Planen einzugreifen, zu „alternativen Problemlösungen“ beizutragen, wie es in den programmatischen Konzepten vor 50 Jahren hieß.

Es ist einmal: In Kassel ist inzwischen aus der GH eine Universität geworden. Der akademische Freiraum schwand stückweise, doch blieb noch vieles von der Anfangseuphorie. Das Projektstudium oder die Lerngemeinschaft gehörten dazu. Ein unscheinbares Virus, das die sich im Zuge der Globalisierung und Neoliberalisierung bietenden Freiräume selbst lernend nutzte, versetzte die Welt in eine selbstverordnete Schockstarre. Das ganze hochgerüstete System der globalen Vernetzung, dieser propagierte Welt-Freiraum, wurde zur Falle. Eine kleine Unachtsamkeit und das Virus verbreitete sich schlagartig um die Welt – zunächst im globalen Norden, und dann immer weiter. Überall dort, wo die sozialen Schwachstellen der Gesellschaft offene Flanken boten, setzte es sich fest. Insbesondere dort, wo neoliberale Sorglosigkeit, Privatisierungsorgien im Gesundheitsbereich, soziale Spaltung und verheerendes Politikmissmanagement herrsch(t)en, steigen die Infektionszahlen rasant an. Dabei ist das Virus gar nicht automatisch tödlich, wie die Relation zwischen Infektionszahlen und Todesfällen zeigt. Im Straßenverkehr sind fast genauso viele Tote zu beklagen, was einer weltweiten Pandemie nicht nachsteht.

Es wird einmal gewesen sein: Die Hessische Landesregierung hatte – in einer verständlichen Ad-hoc-Reaktion – den Lockdown für die Hochschulen (wie in anderen Bundesländern auch) verhängt. Der Lehrbetrieb an der Universität Kassel erstarrte. Während Spargelstecher ins Land gelassen wurden – weil sie „systemrelevant“ sind (sic) – wurde der neuen Kollegin aus den USA, die bereits 6 Wochen Quarantäne verlebte, die Einreise verwehrt. Universität wurde als nicht systemrelevant taxiert. Wie bedauerlich. Die alte Universität verwaist. Natur kehrt zurück an den Ort, der eigens für die Studierenden betoniert worden war, Räume mit schlechter Akustik stehen leer. Der persönliche Kontakt im alten Raum ist obsolet geworden. Die Universität, die es gab, gibt es nicht mehr. Skater üben in den einstigen Frei-Räumen akademischer Begegnung. Es wurden bereits Nachnutzungskonzepte erstellt für die einstige Wirkungsstätte universitären Lernens. Nach 50 Jahren war der Betrieb am Ort eingestellt worden. Neues zog an dessen Stelle. Ahnungen beschleichen die Betroffenen: Scheint es abwegig, dass sich im verewigten Lockdown ein Test für die Disziplinierung eines womöglich gesellschaftsverändernden Freiraumakteurs anbahnte? Doch das ist wirklich abwegig. Nach 50 Jahren begann ein Versuch, neue Freiräume zu erkunden. Es war einmal eine Gesamthochschule, die sich anschickte, neue Wege zu beschreiten, soziale Hürden zu überwinden, alternative Problemlösungen für das Ganze zu ersinnen und nonkonforme Menschen zu fördern. Das war einmal systemrelevant. Und da sie nicht gestorben ist, hat es im Irgendwo neue Räume des akademischen Freiseins gegeben …

Public Space & Public Life during COVID 19

Public Space & Public Life during COVID 19 (Screenshot from https://covid19.gehlpeople.com/)

Der dänische Architekt und Stadtplaner Jan Gehl erlangte mit seiner Betrachtung des menschlichen Maßstabes in der gebauten Umwelt weitreichende Popularität. In seinen Buchpublikationen „Cities for People“, „Life between Buildings“ oder „How to study Puplic Life” widmet sich Gehl der Betrachtung von einzelnen Personen oder Personengruppen im städtischen Lebensräumen und deckt Missstände oder Probleme auf. Er zeigt Diskrepanzen zwischen ursprünglich gedachten Verwendungszwecken oder Entwurfsintentionen sowie der tatsächlichen Nutzung auf. Dabei verfolgt Gehl nicht nur das Ziel der Verbesserung von städtebaulicher Infrastruktur und deren Nutzbarkeit für Fahrradfahrer und Spaziergänger, sondern steht auch für mehr Lebensqualität und die Entwicklung von neuen Planungs- und Entwurfsmethoden ein. In seinem Film „The Human Scale“ zeigt er einerseits städtebaulichen Irrwege auf, welche negativ auf die Stadtbevölkerung zurückwirken, und fordert andererseits die Entwicklung eines neuen Werkzeugkoffers für planerische Disziplinen, um solche Fehler in Zukunft zu vermeiden. Gehl arbeitet dabei mit seinem Team an der Schnittstelle zwischen Umweltpsychologie, Soziologie sowie Planung und Architektur um ein besseres Verständnis vom Leben in der Stadt zu erlangen.


Die COVID-19 Pandemie wird von Gehl und seinem Team ebenfalls als Chance begriffen, die Nutzung des öffentlichen Raumes mit dem entwickelten Methodenkoffer unter veränderten Rahmenbedingungen zu untersuchen. Dazu wurde ein Bericht veröffentlicht, welcher im Gegensatz zu den Stimmungsbildern der medialen Berichterstattung auf konkreten empirischen Beobachtungen aufbaut. Es wurden vier Städte in Dänemark für die Untersuchung ausgewählt und mit Hilfe von 60 WissenschaftlerInnen die Nutzung und das Leben im öffentlichen Raum während der Corona Zeit dokumentiert. Für die Untersuchung wurden zwei zentrale Arbeitsfragen formuliert:

  • Werden sich die Dinge wieder normalisieren?
  • Werden die Dinge, welche wir in der Corona Zeit tun, Teil einer „neuen Normalität“ werden.

Die Ergebnisse werden anhand von Snapshots vorgestellt, welche als Themenraster für die beobachten Veränderungen fungieren. Dies umfasst zum Beispiel die Verringerung von Aktivitäten im Öffentlichen Raum, eine Zuwendung zu Erholungsnutzung und Spieleaktivitäten, dem Auftreten von neuen Nutzungsgruppen oder auch neuen Nutzungsformen.  Anhand dieser strukturierten Betrachtung und dem Vergleich zwischen verschiedenen Städten wird deutlich, dass sich verschiedenen Einzelbefunde beobachten lassen und zum Teil auch gegensätzliche Raumnutzungstendenzen während der Pandemie vorliegen. So ist in manchen Freiräumen keine Veränderung zu beobachten, während sich in anderen Untersuchungsgebieten sowohl neue Nutzungsformen als auch neue Nutzergruppen etablieren.

Der vollständige Bericht kann aufgrund seiner Feinkörnigkeit, der innovativen Visualisierung von Raumnutzungsveränderungen und der Strukturierung als wertvoller Beitrag zur Diskussion um den Freiraum in der Krise betrachtet werden.

Planungswissenschaftliche Arbeitsfragen im Umgang mit der Covid-19 Pandemie

Heidelberg Open Space
Warten im Freiraum (Foto: Daniel Münderlein)

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Covid-19 Pandemie wurde in erster Linie aus dem Bereich der medizinischen Forschung, insbesondere der Epidemiologie, getragen, um Eindämmungs- und Mitigationsstrategien zu entwickeln und argumentativ stützen zu können. Die wohl raumwirksamste Bedeutung aus dem entwickelten Strategienarsenal besitzen die Ausgangsbeschränkungen bzw. der Lock Down, welcher auf diesem Blog bereits anhand verschiedener Beispiele intensiv dokumentiert wurde. Während der letzten Monate wurde oder wird die Hälfte der Weltbevölkerung dazu angehalten zu Hause zu bleiben (Sandford 2020). Trotz dieser gravierenden Tragweite der Ausgangsbeschränkungen, lassen sich im Hinblick auf das Leben im öffentlichen Raum unterschiedliche Auswirkungen beobachten. Der Lockdown in Regionen wie Wuhan in China oder in Norditalien wurde sehr restriktiver umgesetzt, während in Mitteleuropa und insbesondere in Skandinavien stark an das Verantwortungsbewusstsein der Einzelperson appelliert wurde und individuelle Entscheidungsfreiräume offenblieben.
Vor diesem Hintergrund entsteht seit einigen Monaten ebenfalls ein reger wissenschaftlicher Diskurs zum Umgang mit Covid-19 und auch anderen zukünftigen Pandemien in Architektur, Stadt-, Freiraum- und Landschaftsplanung. Aufgrund der dynamischen Entwicklungsprozesse werden bisher eher Statements und Kommentare abgegeben, wobei in jüngster Vergangenheit auch wissenschaftliche Fachartikel entstehen (Alter 2020; Florida 2020; Null, S., Smith, H. 2020; Roberts 2020; van der Berg 2020). Dieser Blog versteht sich ebenfalls als Plattform, welcher Informationen sammelt, bündelt und aufbereitetet.
Trotz vieler Prognosen zu den Auswirkungen der Pandemie auf Planungshaltungen, Planungskultur und Planungsaufgaben lassen sich aktuell eher Arbeitsfragen formulieren als fundierte Antworten finden:

  • Wird sich unser Verhältnis zum öffentlichen Raum durch die Covid-19 Pandemie verändern?
  • Wie lange werden die Veränderungen überhaupt andauern?
  • Wird sich ein verändertes Nutzungsverhalten im öffentlichen Raum versteigen oder relativiert sich dieses in Zukunft wieder?
  • Werden öffentliche Räume in Zukunft anders gestaltet oder dimensioniert werden, um für ähnliche Situationen gewappnet zu sein?

Obgleich sich die räumliche Planung mit der gedanklichen Vorwegnahme von raumwirksamen Handeln befasst, werden sich viele Fragen zum „Freiraum in der Krise“ erst nach den gesammelten Erfahrungen beantworten lassen. Vor diesem Hintergrund deuten sich erst die Konturen eines planungswissenschaftlichen Diskurses an, welchen es insbesondere vor dem Hintergrund der Themenfelder Public Health, Umweltgerechtigkeit und Resilienz zu führen gilt. Die Sammlung von präzisen Arbeitsfragen dient somit dem Verständnis der rahmengebenden Diskurslinien und kann ebenfalls als Analyseraster für Einzelbefunde und Erfahrungsberichte dienen. In dem Fachartikel „The Impact of COVID-19 on Public Space: A Review of the Emerging Questions werden Arbeitsfragen gesammelt und gemäß den Kategorien Design, Wahrnehmung und Nutzung sowie Ungleichheiten bzw. Segregation sortiert und gebündelt. Der daraus resultierende Fragenkatalog soll in diesem Beitrag kurz vorgestellt werden, da dieser auch für die auf diesem Blog gesammelten Beiträge strukturelle Rahmenbedingungen schaffen kann.

Design & Gestaltung:

  • Gilt es Straßen und Plätze grundlegend umzugestalten?
  • Erlangt das Thema Public Health eine höhere Priorität in Planung und Architektur durch Pandemie?
  • Werden Grünflächen wie Parks und Gärten in Zukunft anders zu gestalten sein und genutzt werden?
  • Wie sieht die Zukunft von großen und weitläufigen öffentlichen Räumen aus?
  • Wird eine neue Typologie für öffentliche Räume benötigt?
  • Werden sich die temporären Veränderungen der Pandemie in der Zukunft verstetigen?
  • Wie entwickeln sich Mikro-Mobilitäts- und Sharing-Konzepte?
  • Wie verändern sich öffentliche Verkehrsmittel?


Wahrnehmung, Nutzung und Verhalten:

  • Können wir in Zukunft weniger Menschen im öffentlichen Raum beobachten?
  • Wird sich unser Verhalten im öffentlichen Raum verändern?
  • Wird sich das Gefühl für Freiraumkapazitäten verändern?
  • Werden öffentliche Freiräume in Zukunft weniger genutzt und anders reglementiert?
  • Werden wir Einschränkungen der individuellen Freiheit erleben?
  • Wird sich unsere Wahrnehmung von öffentlichem Raum verändern?

Ungleichheit und Segregation:

  • Wie werden die besonderen Bedürfnisse von vulnerablen Gruppen in zukünftige Gestaltungsprozesse einfließen und sich in Nutzung und Regulierung widerspiegeln?
  • Werden Städte im Globalen Süden den informellen Straßenhandel eindämmen oder reglementieren?
  • Wird die Pandemie die Entwicklung des globalen Siedlungssystems dauerhaft unterbrechen oder beinträchtigen?

(Honey-Roses et al. 2020, S. 4)

Die etwas überstrapazierte Forderung von Krise als Chance, hat jedoch auch vor dem Hintergrund der vorgestellten Arbeitsfragen bestand. Die genaue Beschaffenheit und Gestaltung der Post-Covid-19 Freiräume bleibt Gegenstand intensiver Diskussionen und lokaler Aushandlungsprozesse. Die Tragweite von Public Health wird sich in Zukunft jedoch nicht nur auf Fragen nach Wohlbefinden und Lebensqualität beschränken, sondern die Gestaltung und Unterhaltung von krisenfesten und widerstandsfähigen Freiräume einschließen.

Literaturverzeichnis

Alter, L. (2020). Urban design after the coronavirus. https://​www.treehugger.com​/​urban-​design/​urban-​design-​after-​coronavirus.html.

Florida, R. (2020). We’ll Need To Reopen Our Cities. But Not Without Making Changes First., CityLab.

Honey-Roses, J., Anguelovski, I., Bohigas, J., Chireh, V., Daher, C., Konijnendijk, C., Litt, J., Mawani, V., McCall, M., Orellana, A., Oscilowicz, E., Sánchez, U., Senbel, M., Tan, X., Villagomez, E., Zapata, O. & Nieuwenhuijsen, M. (2020). The Impact of COVID-19 on Public Space: A Review of the Emerging Questions.

Null, S., Smith, H. (2020). COVID-19 Could Affect Cities for Years. Here Are 4 Ways They’re Coping Now., TheCityFix: World Resource Institute (WRI).

Roberts, D. (2020). How to make a city livable during lockdown., Vox.

Sandford, A. (2020). Coronavirus: Half of humanity now on lockdown as 90 countries call for confinement, Euronews.

van der Berg, R. (2020). How Will COVID-19 Affect Urban Planning?, TheCityFix.

„Ich habe Nachbarn Teil 1 und 2“

Vorbemerkung von Johanna Niesen

Nachbarschaft in Zeiten der Covid19-Pandemie bekam aufgrund von Kontaktbeschränkungen und der Tatsache, dass viele Menschen sehr viel Zeit in (und um) die eigenen vier Wände verbrachten, eine andere Relevanz. Vor allem zu Beginn der Maßnahmen im März und April waren neue Formen der Nachbarschaftsaktivitäten zu beobachten. Menschen unterstützen sich gegenseitig in Form von organisierten oder spontanen Nachbarschaftshilfen oder tauschten sich über den Gartenzaun oder von Balkon zu Balkon aus. Der folgende Text einer Studierenden entstand bei der Dokumentation der eigenen Wohnsituation im Rahmen des Seminars „Wohnpraktiken in der Verflechtung von Innen- und Außenräumen in Zeiten der Corona-Krise“ und fängt eine Nachbarschaftsgeschichte in Zeiten dieser Ausnahmesituation ein.

Gastbeitrag von Antje Halfter

Ich habe Nachbarn

Es ist Mitte der Woche zwei nach dem Schließen der Geschäfte. Die Selbstisolation zeigt so langsam Wirkung aus unerwarteter Richtung. Von Draußen, um genau zu sein. Als passionierte Couchpotato bin ich zwar grundsätzlich dem „Leben da draußen“ nicht böse gesonnen, aber ich finde es im Allgemeinen nicht so tragisch, wenn das Leben auch draußen bleibt, während ich in meinen vier Wänden einen etwas anderen Rhythmus nachgehe. So kann ich bei Bedarf mich der restlichen Menschheit anschließen, habe aber meine Ruhe oder die Freiheit denselben Song fünfzehn Mal hintereinander zu hören, ohne das Gefühl zu haben, dass er meinen Nachbarn zu den Ohren raushängt. Dass es meinen Mitmenschen und speziell meinen Nachbarn durchaus anders geht, habe ich durch die scheinbar aus Papier geschaffenen Wände nun des Öfteren vernommen, dem jedoch nicht weiter Beachtung geschenkt. Bis zu diesem Tag, denn ich hörte durch meine Musik hindurch einen dumpfen Knall und ein recht enthusiastisch formulierter und vorgetragenen Fluch meiner Nachbarin, die rechts neben mir wohnt. Nun neugierig geworden und etwas besorgt stellte ich die Musik leiser und hörte eine männliche Stimme etwas lauter fragen, was passiert ist und noch alles heile sei. Nicht jedoch aus der Wohnung besagter Nachbarin, sondern aus der Wohnung direkt über mir. Die Antwort folgte nach einem kurzen Zögern. Anscheinend stand ein Topf mit Suppe nicht länger gerade auf der Herdplatte, sondern lag in der nahegelegenen Spüle und hatte auf dem Weg dorthin seinen Inhalt durch das halbe Zimmer verteilt.

Anscheinend war aber nicht nur ich auf den Zwischenfall und das kleine Gespräch über die Stockwerke hinweg aufmerksam geworden, denn eine weitere Nachbarin aus meiner Etage meldete sich zu Wort um zu fragen, wie das passieren konnte. Die erste Nachbarin war trotz der ärgerlichen Situation über das rege Interesse doch amüsiert und antwortete, dass sie eigentlich die Suppe probieren wollte, von ihrem Handy aber etwas abgelenkt worden sei und dann unglücklicherweise mit dem Kochlöffel den Topf etwas von der Herdplatte geschoben hatte. Im Anschluss kippte der Topf und rollte weg. Ein vierter Nachbar aus dem Erdgeschoss meldete sich, um zu fragen, ob sie denn noch Suppe hätte oder jetzt etwas anderes zu Mittag machen müsste. Er hätte sonst noch etwas Dosensuppe auf Vorrat, seine Mutter wäre in Sorge, dass er verhungern würde, wenn er nicht mindestens zehn Dosen Fertigsuppe im Haus hätte. Nach einigem Hin und Her wurde ein Karton vor die Wohnungstür meiner Nachbarin gestellt und jeder, der diese Unterhaltung verfolgt hatte, kam in den ersten Stock und hinterließ Lebensmittel. Dafür, dass ich selten meine Nachbarn persönlich treffen, geschweige denn ihre Namen kenne, waren es doch erstaunlich viele Dosensuppen, die sich nach einigen Minuten in dem Karton angesammelt hatten. 

Ich habe Nachbarn – Zweiter Teil

Dafür das meine Nachbarschaft relativ kontaktscheu ist und sich maximal durch Wände unterhält, entwickeln sich während der Corona-Krise erstaunliche Szenen. Als Hintergrund ist es wichtig zu wissen, dass ich im ersten Stock eines im Innenhof gelegenen Mehrparteienhauses lebe, in dem es primär Ein- und Zweizimmerwohnungen gibt. Entsprechend leben maximal zwei Leute in einer Wohnung und viele sind vom Alter her 20 bis 30 Jahre alt und Studenten oder Berufsanfänger. Insgesamt also eine eher homogene Bewohnerstruktur, auch wenn sich Herkunft, Vorlieben und berufliche Orientierung stark unterscheiden. Wie auch immer, normalerweise geht man sich aus dem Weg oder grüßt kurz, wenn man sich doch mal im Innenhof oder im Treppenhaus begegnet. Trifft man sich dagegen auf der Straße oder gar im Supermarkt, kennt man sich auf einmal nicht mehr.

Genau diese Nachbarschaft hat während der Corona-Krise eine gemeinsame Tradition entwickelt. Beinahe jeden Abend gegen 18, 19 Uhr versammelt man sich im Innenhof, stellt sich in zwei Meter Abständen im Kreis und quatscht miteinander. Kern des ganzen sind zwei Nachbarinnen im Erdgeschoss, die in ihrem Vorgarten stehen und sich über die Hecke hinweg mit den Leuten unterhalten, die entweder von der Arbeit oder vom Einkaufen kommen. Es bildet sich innerhalb von gut fünfzehn Minuten eine kleinere Ansammlung von etwa acht bis zwölf Leuten, die sich über das ständige Tragen von Masken beklagen und immer wieder einer Krankenschwester ihr Mitleid bekunden, die neuesten Öffnungszeiten von Geschäften austauschen, über die Nachbarschaftshilfe eine Dame aus dem zweiten Stock mit Lebensmitteln versorgen und noch viele andere Themen besprechen, die sie gerade bewegen, während trotzdem konsequent darauf geachtet wird den Abstand zu wahren. Die Menschen aus den oberen Stockwerken stellen sich gerne auf den Balkon oder ans Fenster und nehmen ebenfalls an dem Gespräch teil oder hören nur zu.

Richtig Fahrt aufgenommen hat diese neue Tradition interessanterweise erst als die Geschäfte sich wieder öffneten und damit eigentlich dieses allein in der Wohnung sein fast vorbei war. Dennoch scheint es ein Defizit an nachbarschaftlicher Kommunikation gegeben zu haben, die diese Treffen beheben. Und die Damen aus dem Erdgeschoss stellen mittlerweile sogar Desinfektionsmittel auf einen Tisch in eine Heckenlücke, damit man gefahrlos die herumlaufenden Hunde der Nachbarn streicheln kann, da diese für eine nicht unerhebliche Menge an Entertainment sorgen.

Spielplätze: von der Schließung bis zur Öffnung

(Foto 21.03.2020: Stefanie Hennecke)

Beitrag von Stefanie Hennecke

Jetzt, Mitte Juni 2020, erscheint der weitgehende Lockdown des öffentlichen Raums schon wieder weit entfernt. Gehwege, Parks und Spielplätze sind voller Menschen. Die Fotoserie in diesem Blogbeitrag dokumentiert rückblickend die administrativen Stadien der Schließung und Öffnung der Spiel- und Sportplätze in Berlin Schöneberg anhand der an den Eingängen angebrachten offiziellen Schilder und deren inoffiziellen oder gar naturwüchsigen Ergänzungen:

16. März 2020: Die Spiel- und Sportplätze werden geschlossen. Das frisch laminierte Schild leuchtet vor dem Hintergrund der üblichen Spielplatzbeschilderung, die in ihrer Ramponiertheit den Pflegestandard öffentlicher Grünanlagen repräsentiert und deren Wortwahl als „Geschützter Spielplatz“ nun eine interessante Bedeutungsverschiebung erhält. Wer wird in dieser Zeit vor wem geschützt? (Alles wird gut, wir bleiben zu Hause!)

Ergänzt wurde das Schild, das die Sperrung anzeigt, durch eine mit Klebeband an einem Schaukelpfosten angebrachte Botschaft in kindlicher Handschrift, das in dramatischer Weise das öffentliche Kinderspiel mit dem „letzten“ Krankenhausbett koppelt.

(Fotos 21.3.2020: Stefanie Hennecke)

Während die Gehwege sich schnell wieder füllten oder nie richtig leerten, wurde das Spielplatzverbot weitgehend eingehalten und Sämlinge wuchsen auf den ungenutzten Sandflächen. Der Hopfen verlieh dem laminierten, in der strahlenden Maisonne langsam vergilbenden Schild unterdessen einen Hauch von Romantik. Weniger romantisch war der Anblick der immer wieder aufs Neue verknoteten Absperrbänder.

(Fotos 27.4.2020: Stefanie Hennecke)

4. Mai 2020: Die Spielplätze wurden nach genau 50 Tagen wieder geöffnet. Interessanterweise blieben die räumlich an die Spielplätze gekoppelten Bolzplätze weiterhin geschlossen, so dass ab diesem Zeitpunkt der Spielraum erweitert aber gleichzeitig in der Nutzung verdichtet wurde: die nicht mehr zu Hause Bleibenden drängten sich auf weniger Raum als vorher. Das neue, Mitte Juni nun auch bereits wieder vergilbte Schild erklärt die überall einzuhaltenden Abstands- und Hygieneregeln und spricht die in dieser Zeit häufig zu hörende Warnung aus, dass eine erneute Schließung droht, wenn nicht alle vernünftig sind.

(Foto 4.5.2020: Stefanie Hennecke)

1,5 Meter-Design

Über Begegnungen, Distanz und deren Gestaltung

Gastbeitrag von Raamwerk – Studio für Kunst,Sozial, Kommerz

Britta Wagemann, Jero van Nieuwkoop, Marie-Sophie Kammler & Samson Kirschning

Distanz und Gestaltung

Werner, 75 Jahre alt, kauft zum ersten Mal seit langer Zeit wieder selbst ein. Trotz Einkaufshilfe will er endlich mal wieder selbst im Supermarkt herumstöbern. Ein bisschen schüchtern und angespannt betritt er den Laden. Joghurt, Obst und vielleicht mal ein Bierchen heute Abend? Während er nachdenklich mit seinem Einkaufswagen vor dem Regal steht, greift ein anderer Besucher nach ein paar Bier, direkt an Werner vorbei. Gerade als der Mann die Flaschen greift, fängt er auch noch an zu husten. In den Ellenbogen zu husten geht anscheinend nicht. Der verängstigte Werner, der bereits Lungenprobleme hat, ist frustriert. Er fängt an zu schimpfen: „Eineinhalb Meter! Wie schwierig kann es sein.“

Der Frühling 2020 zeichnet ein merkwürdiges Bild: Die Menschen schleichen umeinander herum und geben sich (mal mehr oder weniger) Mühe, die wegen der Virus-Pandemie gebotenen 1,5 Meter Abstand einzuhalten. Gar nicht so einfach. Ob im Supermarkt oder auf der Straße, plötzlich finden wir uns in einem permanenten Prozess des Abwägens wieder. Wie viel sind eigentlich 1,5 Meter? Plötzlich spielen die Selbst- und Raumwahrnehmung eine verstärkte Rolle und was vor Kurzem noch eine Sache der Höflichkeit war, ist heute taktlos – sogar gefährlich. Mit dieser veränderten Situation umzugehen fordert uns alle. Empathie und Geduld sind notwendig. Unsere Motivation bestimmte Auflagen streng einzuhalten, war zu Beginn der Ausnahmesituation überwiegend hoch, aber nach und nach erschlafft sie sichtlich. Wie bei einem Muskel folgt auf die außerordentliche Anspannung unweigerlich eine Entspannung, hier die beginnenden “Lockerungen” der Ausgangsbeschränkungen.

Und nicht zuletzt wird deutlich: Die Distanzgebote sind auch eine Frage der Gestaltung. Ähnlich wie sich Wasser seinen Weg vorbei an Hindernissen sucht, sprudelt die menschliche Kreativität durch die vorgegebenen Einschränkungen. Es ist beeindruckend: Im privaten wie im öffentlichen Raum wird improvisiert wie lange nicht mehr. Der öffentliche Raum, der unser (Zusammen-) Leben ebenso prägt wie er durch soziale Regeln geprägt wird, muss plötzlich angepasst werden: In vielen Supermärkten mahnen Abstands-Streifen auf dem Boden zu Vorsicht und Distanz. Niemand darf den Laden ohne Einkaufswagen betreten, um ohne Nachdenken zu müssen auf Abstand zu bleiben. Und in jedem Moment, in dem wir die Distanz doch nicht einhalten können, werden wir durch Plastikscheiben getrennt. Fast liebevoll und menschlich wirken die selbstgebauten, provisorischen Konstruktionen um Kassen und Theken. Sie sind gebaut um zu schützen und beißen sich gleichzeitig mit der Ästhetik des einheitlichen und meist biederen Designs des Ladens. Wir stellen fest, dass Kreativität und Gestaltungswille durch besondere Situationen, besonders herausgefordert sind, neue Lösungen zu entwickeln. Den gesetzlichen Beschränkungen in Zeiten der Pandemie wird mit kreativem Pragmatismus und ad-hoc Gestaltung begegnet, durch die unser gewohntes Umfeld neue Impulse und Formen bekommt.

Raamwerk gestaltet Begegnungen

Auch Raamwerk, als selbsterklärtes “Studio für Kunst, Sozial, Kommerz”, hat die Corona- Zeit als mögliches Experimentierfeld für die Neugestaltung bestimmter Aspekte in der Gestaltung des öffentlichen Raums direkt angenommen. Kreiert wurde eine Reihe von gestalterischen Interventionen, um unsere Selbstwahrnehmung wie auch unser Raumgefühl im Zusammenleben ganz bewusst zu erleben und zum Neudenken anzuregen.

Die Händchenhaltverlängerung

(Foto: Studio Raamwerk)

Wir brauchen Kontakt, und 1,5 Meter Abstand zu halten ist schwer. Wieviel sind eigentlich 1,5 Meter und inwieweit sind wir selbst und der öffentliche Raum überhaupt dazu in der Lage diesen Abstand konstant einzuhalten? Wie verändert das unsere Begegnungen und was, wenn wir einer Person eigentlich nah sein möchten? Diese und weitere Fragen, konnten Passant*innen bereits zu Beginn der Pandemie selbst ausprobieren. Die 1,5 Meter langen und rosaroten Rundhölzer wurden von Raamwerk an bestimmten Stellen im öffentlichen Raum positioniert und verliehen. Durch die Händchenhaltverlängerung haben Menschen die Möglichkeit miteinander spazieren zu gehen ohne einander direkt an der Hand zu halten. Den Abstand derart plastisch zu sehen, war für viele Passant*innen irritierend, sorgte aber gleichzeitig für schöne Begegnungen, zwischenmenschliche Interaktion und inspirierte den gesehenen Abstand nachzuahmen – im Park, im Supermarkt oder in der Straßenbahn.

Die Corona-Kabine aka Spuckschutz

(Foto: Studio Raamwerk)

Wir wollen Begegnungen, wollen uns näher sein als im Videocall. Mit der Corona-Kabine macht Raamwerk eine Not zur Tugend und schafft ein neues Begegnungsmöbel. Der rollbare Tisch ist durch große Fensterscheiben in Viertel unterteilt und bietet den Benutzer*innen die Möglichkeit zusammen an einem Tisch zu sitzen und sich auszutauschen, zu arbeiten oder zu essen. So wurde das Möbelstück unter anderem für die Aufnahme eines Podcasts zu dem diesjährigen, alternativ gestalteten MADE Festival eingesetzt. Während die Händchenhaltverlängerung als universelles und schnelles Vermittlungswerkzeug benutzt wird, bietet die Corona-Kabine die Möglichkeit sich in geschütztem Rahmen länger und tiefer inhaltlich auszutauschen. Die Mobilität des Begegnungsmöbels ermöglicht es, dieses Setting schnell und unkompliziert herzustellen. Wo auch immer man die Kabine aufstellt, ist ein Rahmen geschaffen, um unkonventionelle Begegnungen zu ermöglichen, sowie Raamwerk es gerne macht. Sicher aber nah und natürlich immer rosarot.

Das Freiluft-Experiment

(Abbildung: Studio Raamwerk)

Ein aufgrund der Kontaktbeschränkungen auf nächstes Jahr verschobenes Raamwerk-Projekt ist das großangelegte Freiluftexperiment zur Gestaltung des öffentlichen Raumes in der Kasseler Innenstadt. Hier ist der untere Teil der städtischen Fußgängerzone, der gleichzeitig die Transitzone zwischen Innenstadt und Hauptcampus der Universität bildet, für den motorisierten Durchgangsverkehr befahrbar. Während der obere Teil eben jener Straße frisch neu gestaltet und mit großen Boulevards zum Flanieren ausgestattet wurde, müssen sich Passant*innen, Kund*innen der vielen internationalen Lebensmittelgeschäfte und Studierende hier auf den viel zu engen Gehwegen dicht an dicht drängen. Ausgehend von dieser Beobachtung hat Raamwerk ein Netzwerk ins Leben gerufen, um den öffentlichen Raum, der hier exemplarisch für viele ähnliche Ecken der Stadt steht, in ein Freiluft-Experiment auf Zeit zu transformieren. Über einen Zeitraum von mehreren Wochen soll hier gemeinsam ausprobiert werden, wie sich die Qualität des Ortes verändern würde, wenn auch die Fahrbahnen als Aufenthaltsort für Fußgänger*innen mit bespielt werden dürfte. Und gerade die Corona-Zeit macht die bestehenden vielfältigen Problematiken noch einmal deutlicher. 1,5 Meter Abstand sind auf den Gehwegen nicht einzuhalten und die Fragen werden lauter: Vielerorts werden die Forderungen nach mehr Platz für Fußgänger*innen gestellt. Sollte das Konzept “Gehweg” nicht vielleicht grundsätzlich überdacht und zu Shared Space Mischnutzungen der Straße übergegangen werden, wie sie in unterschiedlicher Form auch schon vor der Einführung des Autos existierten? Die aktuell stark diskutierten Formen der Mischnutzung haben den gemeinsamen Grundgedanken, die unterschiedlichen Verkehrsteilnehmer*innen gleichberechtigt koexistieren zu lassen. Dies wiederum erfordert eine entsprechende Selbst- und Raumwahrnehmung, ein Bewusstsein für mich und andere. In der Schweiz spricht man hier von sogenannten Begegnungszonen.

Raamwerk fasst den Begriff der Begegnungszone für das Freiluft-Experiment weiter, als nur in Bezug auf Verkehrsteilnehmer*innen und bildet den kreativen Knotenpunkt, der Partner*innen aus der Stadtverwaltung, lokale Gewerbetreibende, die Universität sowie soziokulturelle Akteur*innen der Stadt miteinander vernetzt. Die gestalterische Aufgabe besteht für Raamwerk hier im Sichtbarmachen bestehender Schwierigkeiten, in der Vermittlung von Themen und Anliegen der unterschiedlichen Akteur*innen und der Gestaltung von neuen Begegnungen.

Timing ist alles – und der richtige Zeitpunkt ist jetzt!

Kontakt mit fremden Lebenswirklichkeiten schafft Empathie und ist ein erster Schritt, um zu reflektieren und zu verstehen wie wir mit Veränderung umgehen müssen. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben und timing ist alles: Es ist Zeit, unser Umfeld (und damit auch unsere Städte) revolutionär anders zu nutzen und zu gestalten. Das wird gerade mehr als deutlich.

Um den Grundriss und die Funktionen der Stadt neu zu denken, ist es wichtig sicherzustellen, dass Bürger*innen der Stadt auch als solche verstanden werden und nicht allein als Konsument*innen. Die Schwierigkeit besteht schließlich nicht darin neue Ideen zu entwickeln, sondern vielmehr darin, den alten zu entkommen. Deshalb ist es wichtig, heute die Weichen für einen gesunden und nachhaltigen systemischen Wandel zu stellen und auf unterschiedlichen Ebenen anzugehen. Stadtgestaltung sollte in erster Linie (wieder) zugunsten des menschlichen, kulturellen und sozialen Miteinanders geplant werden. Das Wohlbefinden der Bürger*innen und ein umweltfreundliches, nachhaltiges Handeln müssen dabei im Zentrum stehen.

Die Fragen, denen wir uns dabei zu stellen haben, sind weitreichend und erfordern Mut. Angefangen mit der Frage danach, wie Mobilität und ein sozialerer öffentlicher Raum miteinander einhergehen können, über die wahrgemachte Einbeziehung von Bürger*innen in den Planungsprozess, bis hin zur “Demokratisierung der Straße”. Neugestaltungen aus einer anderen Perspektive umzusetzen, würde bedeuten weniger Platz für Autos und mehr Platz für andere Verkehrsteilnehmende einzuplanen. Neubauprojekte würden z. B. aus der Sicht von Radfahrer*innen oder Fußgänger*innen geplant werden. Es würde aus Sicht von Bürger*innen, zusammen mit Bürger*innen gestaltet, statt Gestaltung von oben herab umzusetzen. Der Ansatz, den Raamwerk und andere Initiativen in der Stadtplanung bereits verfolgen, arbeitet damit, kleinste Eingriffe einfach umzusetzen und so die Motive zum Neudenken bewusster und greifbarer zu machen. Planung und Gestaltung können von den Erfahrungen regelmäßiger Trial-and-Error-Prozesse viel lernen und es entstehen passendere Projekte für die Bürger*innen.

Selbst Lust es mal auszuprobieren? Hier ein paar Anhaltspunkte: Parkplätze umnutzen. Straßen für motorisierten Verkehr sperren. Anreize schaffen, für Bürger*innen, die das Auto stehen lassen. Mehr autofreie Tage.Mehr Straßenfeste. Kurz gesagt; Interventionen, die das individuelle aber auch kollektive Verständnis zum öffentlichen Raum beeinflussen. Mehr Platz für Menschen statt für Maschinen. Denn unsere Mobilität wird nicht lahmgelegt, wenn wir das Auto stehen lassen. Vielmehr fordert es uns auf nach Alternativen zu suchen und eröffnet neue Möglichkeiten. Was wir brauchen, sind neue konsumfreie Begegnungsräume und die Umwandlung des öffentlichen Raumes in einen öffentlichen Aufenthaltsraum.

Vielleicht ist es in der Corona-Zeit geboren worden, das 1,5 Meter-Design und bestenfalls gibt es uns Mut Neues auszuprobieren. Denn manchmal müssen wir raus aus der Komfortzone um zu merken, dass eine Alternative viel komfortabler ist, als vermutet.

Wettbewerb: The Post Corona City

Wettbewerb: The Post Corona City [Quelle: www.nxt-a.de] (Bildschirmfoto: Daniel Münderlein)

Auf diesem Blog wurde bereits intensiv zur neuen planerischen Aufgabenfeldern im Zusammenhang mit Coivid-19 berichtet und Prog-sowie Regnosen erstellt. Nun werden daran anschließend die ersten Wettbewerbe initiiert, welche nach konkreten Lösungen für entleerte öffentliche Räume suchen und Ausgangsbeschränkungen und ökonomische Einbrüche als Ausgangspunkte für die Entwicklung neuer städtische Konzepte begreifen. NXT A lobt unter der Schirmherrschaft von Kerstin Schreyer, Staatsministerin für Wohnen, Bau und Verkehr, den Ideenwettbewerb The Post-Corona City aus.
ArchitektInnen, StadtplanerInnen und LandschaftsarchitektenInnen sind aufgerufen sich an dem Wettbewerb zu beteiligen. Die besten Ideen werden in Print und Online Formaten veröffentlicht. Die Auslobungsunterlagen können hier abgerufen werden.

Die Frist für die Einreichungen wurde bis zum 29. Juni 2020 verlängert.

#socialdistancingcreativity
#flattenthecurve
#resilientcity

Für die Betrachtung von Covid-19 als Chance für Veränderung siehe auch:

Der öffentliche Raum in Krisenzeiten

Der öffentliche Raum in Krisenzeiten [Quelle: Youtube] (Bildschirmfoto: Daniel Münderlein)

Der öffentliche Raum wird aktuell durch diverse Krisen geprägt und bestimmt. Im Kontext der Corona Pandemie spielen Virtualisierung und Digitalisierung eine wichtige Rolle, während die aus den USA stammenden Bewegungen gegen Polizeigewalt und Rassismus den physischen Freiraum in Städten als wichtige Plattform für ihre Protestaktionen einfordern. Im Spagat zwischen diesen sehr unterschiedlichen Krisensituationen wird der öffentliche Raum auf die Probe gestellt und zum Gegenstand intensiver Diskussionen, welche voraussichtlich noch lange Nachhallen werden.

Das Thomas Mann House, das Deutschen Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt am Main und das Online-Magazins BauNetz machen es sich im Rahmen der Langen Nacht der Ideen 2020 des Auswärtigen Amtes zur Aufgabe das Thema „Der öffentliche Raum in Krisenzeiten“ in einem Youtube Broadcast zur Diskussion zu stellen.

Die Übertragung ist für den 19.06.2020 um 20 Uhr geplant.

Nach Lockdown lockt Stadtgrün

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Nach Lockdown lockt Stadtgrün [Quelle: www.galabau.de] (Bildschirmfoto: Daniel Münderlein)

Der Bundesverband Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau e.V. (BGL), der Bund Deutscher Landschaftsarchitekten (bdla), der Bund deutscher Baumschulen (BdB) e.V., der Zentralverband Gartenbau e.V. (ZVG) und der Umweltdachverband Deutscher Naturschutzring (DNR) haben ein gemeinsames Positionspapier zu dem Thema „Gesundheit stärken, Klimaanpassung gestalten, Mittelstand stützen“ auf den Weg gebracht. Die Bedeutung von Stadtgrün als systemrelevante Quelle von Gesundheit wird darin vor dem Hintergrund des aktuellen Corona Lockdown unterstrichen und eine entsprechende finanzielle Absicherung gefordert.