Abstandsregeln 3: Gesperrte Bänke

Beitrag von Inken Formann

Gesperrte Bänke in der Louisenstraße in Bad Homburg
(Foto 28.04.2020: Inken Formann)

Die Nutzung von Bänken ist in Zeiten von Corona in den städtischen Freiräumen reglementiert. Die Stadt Bad Homburg hat in der Haupteinkaufsstraße eine Lösung zur Wahrung des Abstands zwischen Erholungssuchenden gefunden, die sie sich perfiderweise als Geschenk tarnt.

Regenbogenfenster

Regenbogenfenster (Foto: Johanna Niesen)

Beitrag von Johanna Niesen

Es ist schon fast zu einem Wettstreit geworden: wer hat den schönsten, größten buntesten Regenbogen im Fenster. Es wirkt so, als sei diese Aktion von Eltern gestartet worden um ihre Kinder zu beschäftigen und um ihnen auf den täglichen Spaziergängen anhand der Regenbogen erklären zu können, dass auch andere Familien Abstand halten müssen, andere Kinder nicht in die Kita gehen dürfen, ihre Freunde / Freundinnen nicht sehen können und auch die Großeltern nicht besuchen.

(Fotos April 2020: Johanna Niesen, Göttingen)

Der epidemiologische Blick auf den öffentlichen Raum

Flatten The Curve (Foto: Daniel Münderlein)

Beitrag von Daniel Münderlein

Mit Begriffen wie ‚Flatten the curve‚ oder ‚Social Distancing‘ sind epidemiologische Maßnahmen zum Umgang bzw. zur Eindämmung der COVID-19 Pandemie in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Die Disziplin der Epidemiologie stützt sich primär auf den Umgang mit statistischen Daten und bereitet diese in Form von Graphen und Diagrammen auf. Der epidemiologische Blick beinhaltet einerseits raumbezogene Komponenten wie die Einhaltung von konkret dimensionierten Abständen zum Infektionsschutz und andererseits begreift dieser Gesellschaft auch als Netzwerk von sozialen Verbindungen, welche als mögliche Ausbreitungswege der Pandemie fungieren können. Wenn wir daher über die Bedeutung von öffentlichem Raum im Kontext von COVID-19 sprechen, gilt es demnach nicht nur über Distanzierung, Verringerung von persönlicher Mobilität oder Homeoffice nachzudenken, sondern auch theoretische Raummodelle im Hinterkopf zu behalten. In diesem Zusammenhang lassen sich mindestens drei verschiedene Konzepte von Raum unterscheiden.

  • Öffentlicher Raum als Diskursraum: Die Bedeutung von öffentlichem Raum als Möglichkeitsrum für politische Auseinandersetzungen oder freie Meinungsäußerung ist im Zuge der Eindämmungsmaßnahmen in den Hintergrund getreten, da Menschenansammlungen vermieden und Kontakte minimiert werden sollen.

  • Öffentlicher Raum als Kontaktraum: Im Kontext mit COVID-19 wird öffentlicher Raum stärker als Kontaktraum mit Bedrohlichem definiert, da dort latente und nicht erkennbare Infektionspotentiale auf den Menschen lauern. Öffentlicher Raum erfährt somit eine partielle Umdeutung, indem er weniger für lebendiges urbanes Leben steht und stärker als Quelle von gesundheitlicher Gefahr und Bedrohung dargestellt wird.

  • Öffentlicher Raum als Intensitäts- und Bewegungsraum: Der pulsierende und dem Leben zugewandte öffentliche Raum scheint während der Pandemie zu erstarren und fungiert in medialer Berichterstattung als Chiffre für Stille, Einsamkeit und Entschleunigung.

In einem Podcast der Bundesstiftung für Baukultur wird von einer neuen Erwartungshaltung an ArchitektInnen und PlanerInnen gesprochen, welche in einem epidemiologischen Gestaltungsanspruch für öffentliche Räume besteht. COVID-19 wird in diesem Zusammenhang mit Sicherheit auch dem Aufgabenfeld Public Health neue Relevanz verleihen. Während der Freiraumplanung disziplingeschichtlich eine gewisse pädagogische und erzieherische Qualität anhaftet, wird diese möglicherweise im Zuge der Pandemie um eine disziplinarische Komponente ergänzt, um gesunde und lebenswerte Freiräume aufrecht zu erhalten und weiterzuentwickeln. Der Freiraumplanung könnte in diesem Zusammenhang die Aufgabe zufallen, FreiraumnutzerInnen zu einem gesunden Freiraumverhalten zu disziplinieren. Das erneute Austarieren von Nähe und Distanz könnte Bestandteil zukünftiger Planungen werden. Auch das Verhältnis von freien nicht codierten Räumen als Nährboden für individuelle Aneignungsprozesse sowie Freiräumen, welche offensiv eine gewisse Nutzung vorgeben, könnte gemäß dem epidemiologischen Blick neu überdacht werden. Möglicherweise können durch Gestaltungs- und Planungsprozesse auch hohe Nutzungsintensitäten zeitlich entzerrt werden, um dem Aufeinandertreffen vieler Menschen auf engem Raum vorzubeugen.

Alles wird gut, wir bleiben zu Hause

Beitrag von Stefanie Hennecke

(Foto 05.04.2020: Matthias Seidel)

In einem Berliner Miethaus der Gründerzeit ist Anfang April 2020 neben einem von Kindern ausgemalten Regenbogenvordruck zu lesen: „Alles wird gut. Wir bleiben zuhause“. Der Regenbogen schwebt über einem Einfamilienhaus im Grünen.

(Foto 05.04.2020: Matthias Seidel)

Die Kombination von Bild und Text mutet wie ein Abgesang auf die Errungenschaften der modernen Freiraumplanung an. Dass alle Kinder unabhängig vom Einkommen der Eltern oder dem Geschlecht in der dichten Stadt im Freien spielen können, ohne Aufsicht aber dennoch sicher etwa vor den Gefahren des zunehmenden Verkehrs, war seit dem beginnenden 20. Jahrhundert eine zentrale Begründung für die Einrichtung von Spielplätzen und öffentlichen Parkanlagen. Die Freiraumplanung sieht es seit ihren Anfängen als eine ihrer Aufgaben an, die gerechte Verteilung und angemessene Ausstattung der grünen Infrastruktur für das verdichtete Wohnen einzufordern.

Das Gegenmodell dazu, das Einfamilienhaus im Grünen, ist zwar nach wie vor der Wunschtraum vieler. Unbestreitbar ist aber auch, dass dieser Wunschtraum notwendigerweise einer kleinen Minderheit vorbehalten bleiben wird, im Angesicht des Klimawandels nicht nachhaltig ist und für die große Masse das Wohnen anders organisiert werden muss. Dass mit dem Ziel der Eindämmung der Covid-19-Pandemie das „Zuhausebleiben“ eine Zeitlang für sinnvoll erachtet wird, ist nachvollziehbar. Dass dieser Akt der Selbstbeschränkung aber mit dem Regenbogen über dem romantischen Häuschen aus vergangenen Zeiten sowie der Hoffnung auf das umfassende „Gutwerden“ verbunden wird, macht besorgt. Ebenso dass diese Aussagen den ausmalenden Kindern in den Mund gelegt werden. Die demokratischen Errungenschaften des grünen innerstädtischen Freiraums sollten nicht mit so lieblichen und letztlich elitär-konservativen Bildbeigaben in Quarantäne genommen werden.

Science-Fiction-Motive im Corona-Alltag

Beitrag von Friederike Meyer-Roscher

15 Feuerwehr- und Polizeiautos fahren am 21. März 2020 durch München und eine Computerstimme ermahnt die Anwohner*innen über einen Lautsprecher, zu Hause zu bleiben:

„Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, derzeit gelten strenge Ausgangsbeschränkungen. Bleiben Sie zu Hause. Der Gang zur Arbeit, zum Arzt oder zum Lebensmitteleinkauf ist weiterhin möglich. Zuwiderhandlungen werden hart bestraft“ (Bericht auf www.br.de)

(Video 21.03.2020: Friederike Meyer-Roscher)

Das erinnert an Lautsprecherdurchsagen, wie Sie in Science-Fiction-Filmen vorkommen. Typischerweise werden sie in den Filmen von automatisierten Fahrzeugen oder Robotern verbreitet, die sich durch die regnerischen oder von Smog belasteten Straßen der Megacities bewegen und bei Zuwiderhandlungen unmittelbar bestrafend eingreifen.

So beispielsweise in einer Szene aus Blade Runner 2049 (USA 2017, Regisseur Denis Villeneuve, Timecode 00:15:15, EAN 4 030521 748446, deutsche Sprache): Die Gasse ist fast menschenleer, es regnet stark und ist neblig, die Computerstimme eines massiven Fahrzeugs befiehlt in Dauerschleife: „Achtung, Abstand halten!“

Ein weiteres Beispiel findet sich im Science-Fiction-Film Elysium, als der Hauptdarsteller auf dem Weg zur Arbeit ist. (USA 2013, Regisseur Neill Blomkamp, Timecode 00:05:59, EAN 4 030521 730649, deutsche Sprache). Die Lautsprecherdurchsage fordert: „Bitte bilden Sie eine geordnete Schlange. Ihr Bus ist da.“ Der Hauptdarsteller wird etwas später in der Schlange stehend von Robotern kontrolliert und zeigt nicht umgehend den Inhalt seines Rucksacks. Daraufhin wird er mit Gewalt dazu gezwungen: „Bürger zeigt zivilen Ungehorsam. (…) Die Null-Toleranz-Regel gilt für alle Bürger.“

Auch andere dystopische Aspekte der eingeschränkten Freiraumnutzung erinnern an Motive des Science-Fiction-Films: In vielen bekannten Einstellungen sind ganze Städte weitestgehend verwaist wie in Kampf der Welten (USA 1953, Regisseur Byron Haskin)/Krieg der Welten (USA 2005, Regisseur Steven Spielberg)/I Am Legend (USA 2007, Regisseur Francis Lawrence).

In anderen Science-Fiction-Filmen hat sich die Natur die anthropologisch geprägten Räume bereits zurückerobert wie in Oblivion (USA 2013, Regisseur Joseph Kosinski) oder After Earth (USA 2013, Regisseur M. Night Shyamalan). Hier sind in der Handlung immer Naturkatastrophen oder Invasionen vorangegangen.

In dem 2009 erschienen Film Surrogates (USA, Regisseur Jonathan Mostow) halten sich die Menschen ausschließlich in ihren Wohnungen auf und gehen aus Sicherheitsgründen nicht mehr in den Außenraum. Lediglich ihre Surrogates (Roboter, die sie mit ihren Gedanken steuern) bewegen sich im öffentlichen Raum. Die Emotionen der Surrogates können ihre Besitzer ebenfalls empfinden; der öffentliche Raum wird jedoch nur virtuell wahrgenommen und nicht real.  Ein weiteres typisches Motiv im Sci-Fi ist die Unterscheidung zwischen „arm“ und „reich“ in Bezug auf die Möglichkeiten der Freiraumnutzung. Nur die „Reichen“ können sich grüne private Oasen leisten, wie z.B. in Elysium (s.o.). In den Tagen des Shutdowns seit Mitte März 2020 sind ebenfalls diejenigen im Vorteil, die Zugang zu einem privat nutzbaren Garten haben oder die ein Haus auf dem Land besitzen. In den Münchner Stadtteilen Maxvorstadt, Schwabing oder im Lehel beispielsweise sind wohl viele aufs Land „verschwunden“. Das aktuelle Parkplatzangebot führt zu dieser Vermutung.

Die Ästhetik des erstarrten Freiraums

Gesperrte Parkanlage (Foto: Daniel Münderlein)

Beitrag von Daniel Münderlein

Die raumwirksamen Konsequenzen der COVID-19 Pandemie zeichnen Bilder von dystopischen Geisterstädten, welche den gewohnten Vorstellungen von pulsierenden und lebendigen Freiräumen entgegenstehen. Leere Bürgersteige, abgesperrte Schulhöfe und Spielplätze oder geschlossene Parkanlagen sind die Folge von Auflagen wie ‚Phyiscal Distancing‘ sowie Ausgangsbeschränkungen, welche von der Exekutive zielstrebig und offensiv durchgesetzt werden. Erstarrte und entleerte Freiräume sowie das staatlich verordnete Freiraumfasten sind somit räumliche manifestierte Auswüchse epidemiologischer Schutz- und Mitigationsstrategien.

Der städtische Ruhepuls hat sich in den letzten Wochen drastisch verringert, was geneigten StadtspaziergängerInnen und UrbanistInnen jedoch auch die Möglichkeit neuer Betrachtungen bietet.  Der Kurzfilm Lockdown Berlin bettet diese Ausnahmeästhetik der erstarrten Freiräume der Millionenmetropole in zwanzig stimmungsvolle Minuten voller eindrücklicher Momentaufnahmen. Dieser cineastische Zugang erklärt die surreale Atmosphäre des Erstarrten städtischen Lebens zum Leitmotiv und zelebriert die einzigarte Ästhetik der Einsamkeit aus dem Lockdown.

Abstandsregeln 2: Gesperrte Spielplätze oder gesperrte Straßen?

Gesperrter Spielplatz in Kassel (Foto: Daniel Münderlein)

Beitrag von Stefanie Hennecke

Eine erste Maßnahme des gesellschaftlichen Shutdown in Deutschland war die Absperrung von Spiel- und Sportplätzen. Mit dem Argument, dass zu viele Menschen bei dem schöner werdenden Wetter die Kontaktvermeidungsgebote missachten würden, wurden Orte des öffentlichen Inkontakttretens gesperrt. Seitdem steht Kindern und Jugendlichen kein speziell für sie gestalteter Freiraum in der öffentlichen Sphäre oder im halböffentlichen Bereich von Vereinssportplätzen oder Schulhöfen zur Verfügung. Diese Einschränkung des real nutzbaren Raumes für den Aufenthalt erscheint paradox, wenn andererseits das Gebot der Stunde ist, Abstand voneinander zu halten.

Die Sperrung von öffentlichen Freiräumen könnte auch noch weitergehen, so die Drohung, wenn sich nicht alle regelgerecht verhalten. So forderte in Berlin die Polizeigewerkschaft die Schließung von Parkanlagen, wenn die Distanzregeln nicht eingehalten werden (Newsblog des Tagesspiegel online am 1.4.2020). Das veraltete pädagogische Modell der „wenn-dann“-Drohung scheint allgemein gesellschaftsfähig und akzeptiert. Gleichzeitig werden aber alle Menschen in Deutschland dazu aufgefordert, sich nach wie vor im Freien aufzuhalten, um die Immunabwehr zu stärken und fit und gesund zu bleiben.

Wie soll das funktionieren?

Aus Perspektive der Freiraumplanung wäre eine alternative Möglichkeit zur immer weiteren Einschränkung von Freiraum über Verbote die radikale Erweiterung des nutzbaren Freiraums. Dies würde auch besser zur gebotenen individuellen Gesundheitsfürsorge passen.

Warum werden nicht alle verfügbaren Freiräume – Sportplätze, Schulhöfe, Spielplätze, Friedhöfe – ab sofort ganztägig geöffnet und zur individuellen Bewegung zur Verfügung gestellt?

Warum werden nicht einzelne Straßen für gewisse Zeiten am Tag oder in der Woche für den motorisierten Individualverkehr gesperrt und für alle, die sich zu Fuß oder zumindest ohne Motor fortbewegen wollen, damit gefahrlos nutzbar? Warum wird dieses Modell bislang nur zaghaft für die temporäre Schaffung von zusätzlichen Fahrradwegen verfolgt? (Siehe dazu Felix Hackenbruck, Tagesspiegel 9.4.2020)

In Kassel sollte am 24. April 2020 eigentlich ein Verkehrsversuch starten (z. B. HNA-Bericht dazu): Für einige Wochen wäre die Untere Königstraße zwischen dem Holländischen Platz und dem Stern für den MIV gespertt gewesen, um den Raum alternativ nutzen zu können. Dieses Experiment wurde wegen der Pandemie abgesagt. Eine Durchführung wäre aber gerade in dieser Zeit ein Gewinn für die Menschen in einem dicht bewohnten Stadtviertel mit nur sehr wenigen öffentlichen Freiräumen gewesen.

Die Stadt New York City hat vorgemacht, dass das geht und sperrte ab Anfang April zeitgleich mit der Schließung der Spielplätze einzelne Straßen für den Autoverkehr, um den Menschen die Möglichkeit des gefahrlosen Aufenthalts im Freien zu ermöglichen (nbc New York).

Die Kontrolle über das Abstandhalten der Individuen voneinander übernimmt gerade der Staat in dem vorwegnehmenden Urteil, dass die Einzelnen sich ansonsten gewiss verantwortungslos verhalten würden. Es käme auf den Versuch an, etwas anderes auszuprobieren.

Gesperrte Freiräume – Ein Stimmungsbild aus München

Beitrag von Friederike Meyer-Roscher

(Foto Ende März 2020: Friederike Meyer-Roscher)
(Foto Anfang März 2020: Johanna Hennecke)

Die Eisbachwelle ist schon seit Beginn der Ausgangsbeschränkungen im März 2020 gesperrt. Die Surferinnen am Eisbach sind normalerweise ein Wahrzeichen von Münchens Freiraumkultur. Viele Touristinnen strömen dorthin, um die Surfer*innen zu beobachten. Aus der ganzen Welt reisen Surfbegeisterte an, um die Eisbachwelle zu bezwingen. Nicht nur tagsüber sondern auch nachts mit zusätzlicher Beleuchtung wird dort diesem sportlichen Vergnügen nachgegangen.

Fällt die Biergartensaison aus? Gerade bei schönem Wetter sind in ganz Bayern die Biergärten gut besucht. Aktuell ist diese bayerische Freiraumkultur verboten.

Abstandsregeln 1: Neue Fahrradwege zur Vermeidung von Ansteckung

Fahrradfahrer halten Abstand in der Karlsaue in Kassel (Foto: Daniel Münderlein)

Beitrag von Stefanie Hennecke

In den letzten Jahren fanden viele Aktivitäten zur Förderung des Fuß- und Fahrradverkehrs in Deutschland aber auch weltweit statt. Im Jahr 2016 war in Berlin ein Volksentscheid zur Förderung des Fahrradverkehrs, der so genannte Radentscheid erfolgreich. Im Juni 2018 verabschiedete das Land Berlin das erste Radverkehrs- und Mobilitätsgesetz in Deutschland. Dem erfolgreichen Radentscheid folgten zahlreiche Initiativen in anderen Kommunen in Deutschland, auch in Kassel.

Diesen Initiativen geht es um eine Umverteilung des ausschließlich für den motorisierten Verkehr genutzten Straßenraums. Fahrrad- und Fußverkehr sollen mehr Raum erhalten. Für den ruhenden Verkehr und für die Fahrstreifen genutzte Flächen sollen dafür reduziert werden (Siehe z. B. Agora Verkehrswende: und deren kürzlich veröffentlichtes Infographik-Comic: „Abgefahren“

Mitten in diese Diskussionen und politischen Aktivitäten platzt nun die Corona-Pandemie und Kommunen weltweit ermöglichen in kürzester Zeit Schritte, die zuvor noch in unendlich weiter Ferne zu liegen schienen :

Aus der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá wird bereits am 18. März 2020 gemeldet, dass ergänzend zu den bereits bestehenden 550 Kilometern Fahrradwegen nun wegen der Covid-19-Pandemie weitere 117 Kilometer an temporären Fahrradwegen eingerichtet werden, um eine gesunde, sichere und ansteckungsfreie Fortbewegung mit dem Fahrrad in der Stadt zu ermöglichen. (Davon berichtet der Weblog Zukunft Mobilität. Die Fahrradwege entstehen durch die Sperrung von Fahrspuren zwischen 6.00 und 19.30 Uhr.

Auch in Berlin wurden bereits am 25. März 2020 im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg testweise temporäre neue Fahrradstreifen eingerichtet (Vgl. die Berichterstattung des Vereins Changing Cities dazu). Nach einer erfolgreichen Testphase diskutieren nun alle Berliner Bezirke weitere Möglichkeiten für den kurzfristigen Ausbau der Fahrradinfrastruktur, was auf der Basis des Fahrradgesetzes rechtlich leichter umzusetzen ist. Und mehrere Petitionen und offene Briefe fordern in diesen Tagen bundesweit von der Politik (offener Brief IASS-Potsdam), den Kommunen (Petition Faire Straßen), oder dem Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (Offener Brief Changing Cities) weitere Maßnahmen zum Ausbau von Fuß- und Radverkehr.

Die hinter diesen Initiativen stehende Argumentation führt an, dass die Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs ein Ansteckungsrisiko berge. Das Radfahren oder Zufußgehen fördere hingegen die Abwehrkräfte und die allgemeine Gesundheit. Das aber nur, wenn man sich sicher und angstfrei durch die Stadt bewegen könne und sich gegenseitig beim Warten an Ampeln oder während des Überholens nicht zu Nahe komme. Diese Argumente überzeugen offenbar auch die Kommunalpolitik, so dass es inzwischen auch in zahlreichen anderen Kommunen zu ähnlichen Aktivitäten gekommen ist, wie ein Newsletter des Vereins Changing Cities berichtet.

Durch die Berichterstattung über die Corona-Krise an den Rand der Wahrnehmung gerückt wurde übrigens die Verabschiedung der Novelle der Straßenverkehrsordnung in Deutschland am 23. März 2020. Neu sind jezt verbindliche Abstandsregeln für das Überholen von Fahrrädern im Straßenverkehr von 1,5 Metern innerorts und 2 Metern außerorts festgelegt worden, die auch in Nach-Coronazeiten noch gelten werden (Siehe BMVI).