Schönen Sommer!

(Foto: Daniel Münderlein)
(Foto: Daniel Münderlein)

Liebe LeserInnen,
Liebe AutorInnen,
Liebe UnterstützerInnen des „Freiraum in der Krise“ Blogs,

das spezielle Sommersemester neigt sich nun dem Ende und der städtische Freiraum füllt sich mittlerweile wieder mit Leben. Die Lehrveranstaltungen dieses besonderen Semesters wurden ohne jeglichen persönlichen Kontakt abgewickelt und es zeigten sich Vor- und Nachteile von digitalen Kulturtechniken. Räumlich entkoppelte Lehre erwies sich trotz einer sehr geringen Vorbereitungszeit als produktive Plattform und neuer Möglichkeitsraum. Gleichzeitig wurde jedoch auch die Sehnsucht nach direktem persönlichen Kontakt und physischer Begegnung deutlich. Die Covid-19 Pandemie regt zum Hinterfragen der Balance von zeitlich bzw. räumlich entkoppelten digitalen Lehrressourcen und der Notwendigkeit von Präsenzlehre an. Für das Wintersemester ergibt sich der Wunsch nach hybriden Formaten, um verantwortungsvoll in den bekannten Lehrbetrieb oder eine „neue Normalität“ zurück zu kehren. Auch der ASL Rundgang des Fachbereichs 6 an der Universität Kassel wurde in den digitalen Raum verlegt und bietet mit der Platform R:EIN verschiedene Formate, um die studentischen Arbeiten des Corona Semesters in Augenschein nehmen zu können. Das Spektrum reicht von der Darstellung in Form von Webseiten und Videos über Audio Beiträge bis hin zu einem per Game Engine virtuell begehbaren R:EINRAUM.

(Screenshot: R:ADIO R:EIN )


Wir wurden vom R:ADIO x R:EDEN eingeladen über diesen Blog zu sprechen, woraus ein halbstündiger Beitrag entstanden ist.

Weiterhin wurde am Fachgebiet Freiraumplanung der Entschluss gefasst aus den vielen interessanten Beiträgen dieser Blogseite eine zusammenhängende Publikation zu erstellen. Dafür konnten erfolgreich finanzielle Mittel akquiriert werden, so dass im Wintersemester mit der konkreten Umsetzung begonnen werden kann.

Wir wünschen allen LeserInnen, AutorInnen und UnterstützerInnen dieses Blogs einen erholsamen und gesundheitsförderlichen Sommer und freuen uns auf zukünftige Entwicklungen im „Freiraum in der Krise“.


Herzliche Grüße

Das Blog Team

Public Space & Public Life during COVID 19

Public Space & Public Life during COVID 19 (Screenshot from https://covid19.gehlpeople.com/)

Der dänische Architekt und Stadtplaner Jan Gehl erlangte mit seiner Betrachtung des menschlichen Maßstabes in der gebauten Umwelt weitreichende Popularität. In seinen Buchpublikationen „Cities for People“, „Life between Buildings“ oder „How to study Puplic Life” widmet sich Gehl der Betrachtung von einzelnen Personen oder Personengruppen im städtischen Lebensräumen und deckt Missstände oder Probleme auf. Er zeigt Diskrepanzen zwischen ursprünglich gedachten Verwendungszwecken oder Entwurfsintentionen sowie der tatsächlichen Nutzung auf. Dabei verfolgt Gehl nicht nur das Ziel der Verbesserung von städtebaulicher Infrastruktur und deren Nutzbarkeit für Fahrradfahrer und Spaziergänger, sondern steht auch für mehr Lebensqualität und die Entwicklung von neuen Planungs- und Entwurfsmethoden ein. In seinem Film „The Human Scale“ zeigt er einerseits städtebaulichen Irrwege auf, welche negativ auf die Stadtbevölkerung zurückwirken, und fordert andererseits die Entwicklung eines neuen Werkzeugkoffers für planerische Disziplinen, um solche Fehler in Zukunft zu vermeiden. Gehl arbeitet dabei mit seinem Team an der Schnittstelle zwischen Umweltpsychologie, Soziologie sowie Planung und Architektur um ein besseres Verständnis vom Leben in der Stadt zu erlangen.


Die COVID-19 Pandemie wird von Gehl und seinem Team ebenfalls als Chance begriffen, die Nutzung des öffentlichen Raumes mit dem entwickelten Methodenkoffer unter veränderten Rahmenbedingungen zu untersuchen. Dazu wurde ein Bericht veröffentlicht, welcher im Gegensatz zu den Stimmungsbildern der medialen Berichterstattung auf konkreten empirischen Beobachtungen aufbaut. Es wurden vier Städte in Dänemark für die Untersuchung ausgewählt und mit Hilfe von 60 WissenschaftlerInnen die Nutzung und das Leben im öffentlichen Raum während der Corona Zeit dokumentiert. Für die Untersuchung wurden zwei zentrale Arbeitsfragen formuliert:

  • Werden sich die Dinge wieder normalisieren?
  • Werden die Dinge, welche wir in der Corona Zeit tun, Teil einer „neuen Normalität“ werden.

Die Ergebnisse werden anhand von Snapshots vorgestellt, welche als Themenraster für die beobachten Veränderungen fungieren. Dies umfasst zum Beispiel die Verringerung von Aktivitäten im Öffentlichen Raum, eine Zuwendung zu Erholungsnutzung und Spieleaktivitäten, dem Auftreten von neuen Nutzungsgruppen oder auch neuen Nutzungsformen.  Anhand dieser strukturierten Betrachtung und dem Vergleich zwischen verschiedenen Städten wird deutlich, dass sich verschiedenen Einzelbefunde beobachten lassen und zum Teil auch gegensätzliche Raumnutzungstendenzen während der Pandemie vorliegen. So ist in manchen Freiräumen keine Veränderung zu beobachten, während sich in anderen Untersuchungsgebieten sowohl neue Nutzungsformen als auch neue Nutzergruppen etablieren.

Der vollständige Bericht kann aufgrund seiner Feinkörnigkeit, der innovativen Visualisierung von Raumnutzungsveränderungen und der Strukturierung als wertvoller Beitrag zur Diskussion um den Freiraum in der Krise betrachtet werden.

Planungswissenschaftliche Arbeitsfragen im Umgang mit der Covid-19 Pandemie

Heidelberg Open Space
Warten im Freiraum (Foto: Daniel Münderlein)

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Covid-19 Pandemie wurde in erster Linie aus dem Bereich der medizinischen Forschung, insbesondere der Epidemiologie, getragen, um Eindämmungs- und Mitigationsstrategien zu entwickeln und argumentativ stützen zu können. Die wohl raumwirksamste Bedeutung aus dem entwickelten Strategienarsenal besitzen die Ausgangsbeschränkungen bzw. der Lock Down, welcher auf diesem Blog bereits anhand verschiedener Beispiele intensiv dokumentiert wurde. Während der letzten Monate wurde oder wird die Hälfte der Weltbevölkerung dazu angehalten zu Hause zu bleiben (Sandford 2020). Trotz dieser gravierenden Tragweite der Ausgangsbeschränkungen, lassen sich im Hinblick auf das Leben im öffentlichen Raum unterschiedliche Auswirkungen beobachten. Der Lockdown in Regionen wie Wuhan in China oder in Norditalien wurde sehr restriktiver umgesetzt, während in Mitteleuropa und insbesondere in Skandinavien stark an das Verantwortungsbewusstsein der Einzelperson appelliert wurde und individuelle Entscheidungsfreiräume offenblieben.
Vor diesem Hintergrund entsteht seit einigen Monaten ebenfalls ein reger wissenschaftlicher Diskurs zum Umgang mit Covid-19 und auch anderen zukünftigen Pandemien in Architektur, Stadt-, Freiraum- und Landschaftsplanung. Aufgrund der dynamischen Entwicklungsprozesse werden bisher eher Statements und Kommentare abgegeben, wobei in jüngster Vergangenheit auch wissenschaftliche Fachartikel entstehen (Alter 2020; Florida 2020; Null, S., Smith, H. 2020; Roberts 2020; van der Berg 2020). Dieser Blog versteht sich ebenfalls als Plattform, welcher Informationen sammelt, bündelt und aufbereitetet.
Trotz vieler Prognosen zu den Auswirkungen der Pandemie auf Planungshaltungen, Planungskultur und Planungsaufgaben lassen sich aktuell eher Arbeitsfragen formulieren als fundierte Antworten finden:

  • Wird sich unser Verhältnis zum öffentlichen Raum durch die Covid-19 Pandemie verändern?
  • Wie lange werden die Veränderungen überhaupt andauern?
  • Wird sich ein verändertes Nutzungsverhalten im öffentlichen Raum versteigen oder relativiert sich dieses in Zukunft wieder?
  • Werden öffentliche Räume in Zukunft anders gestaltet oder dimensioniert werden, um für ähnliche Situationen gewappnet zu sein?

Obgleich sich die räumliche Planung mit der gedanklichen Vorwegnahme von raumwirksamen Handeln befasst, werden sich viele Fragen zum „Freiraum in der Krise“ erst nach den gesammelten Erfahrungen beantworten lassen. Vor diesem Hintergrund deuten sich erst die Konturen eines planungswissenschaftlichen Diskurses an, welchen es insbesondere vor dem Hintergrund der Themenfelder Public Health, Umweltgerechtigkeit und Resilienz zu führen gilt. Die Sammlung von präzisen Arbeitsfragen dient somit dem Verständnis der rahmengebenden Diskurslinien und kann ebenfalls als Analyseraster für Einzelbefunde und Erfahrungsberichte dienen. In dem Fachartikel „The Impact of COVID-19 on Public Space: A Review of the Emerging Questions werden Arbeitsfragen gesammelt und gemäß den Kategorien Design, Wahrnehmung und Nutzung sowie Ungleichheiten bzw. Segregation sortiert und gebündelt. Der daraus resultierende Fragenkatalog soll in diesem Beitrag kurz vorgestellt werden, da dieser auch für die auf diesem Blog gesammelten Beiträge strukturelle Rahmenbedingungen schaffen kann.

Design & Gestaltung:

  • Gilt es Straßen und Plätze grundlegend umzugestalten?
  • Erlangt das Thema Public Health eine höhere Priorität in Planung und Architektur durch Pandemie?
  • Werden Grünflächen wie Parks und Gärten in Zukunft anders zu gestalten sein und genutzt werden?
  • Wie sieht die Zukunft von großen und weitläufigen öffentlichen Räumen aus?
  • Wird eine neue Typologie für öffentliche Räume benötigt?
  • Werden sich die temporären Veränderungen der Pandemie in der Zukunft verstetigen?
  • Wie entwickeln sich Mikro-Mobilitäts- und Sharing-Konzepte?
  • Wie verändern sich öffentliche Verkehrsmittel?


Wahrnehmung, Nutzung und Verhalten:

  • Können wir in Zukunft weniger Menschen im öffentlichen Raum beobachten?
  • Wird sich unser Verhalten im öffentlichen Raum verändern?
  • Wird sich das Gefühl für Freiraumkapazitäten verändern?
  • Werden öffentliche Freiräume in Zukunft weniger genutzt und anders reglementiert?
  • Werden wir Einschränkungen der individuellen Freiheit erleben?
  • Wird sich unsere Wahrnehmung von öffentlichem Raum verändern?

Ungleichheit und Segregation:

  • Wie werden die besonderen Bedürfnisse von vulnerablen Gruppen in zukünftige Gestaltungsprozesse einfließen und sich in Nutzung und Regulierung widerspiegeln?
  • Werden Städte im Globalen Süden den informellen Straßenhandel eindämmen oder reglementieren?
  • Wird die Pandemie die Entwicklung des globalen Siedlungssystems dauerhaft unterbrechen oder beinträchtigen?

(Honey-Roses et al. 2020, S. 4)

Die etwas überstrapazierte Forderung von Krise als Chance, hat jedoch auch vor dem Hintergrund der vorgestellten Arbeitsfragen bestand. Die genaue Beschaffenheit und Gestaltung der Post-Covid-19 Freiräume bleibt Gegenstand intensiver Diskussionen und lokaler Aushandlungsprozesse. Die Tragweite von Public Health wird sich in Zukunft jedoch nicht nur auf Fragen nach Wohlbefinden und Lebensqualität beschränken, sondern die Gestaltung und Unterhaltung von krisenfesten und widerstandsfähigen Freiräume einschließen.

Literaturverzeichnis

Alter, L. (2020). Urban design after the coronavirus. https://​www.treehugger.com​/​urban-​design/​urban-​design-​after-​coronavirus.html.

Florida, R. (2020). We’ll Need To Reopen Our Cities. But Not Without Making Changes First., CityLab.

Honey-Roses, J., Anguelovski, I., Bohigas, J., Chireh, V., Daher, C., Konijnendijk, C., Litt, J., Mawani, V., McCall, M., Orellana, A., Oscilowicz, E., Sánchez, U., Senbel, M., Tan, X., Villagomez, E., Zapata, O. & Nieuwenhuijsen, M. (2020). The Impact of COVID-19 on Public Space: A Review of the Emerging Questions.

Null, S., Smith, H. (2020). COVID-19 Could Affect Cities for Years. Here Are 4 Ways They’re Coping Now., TheCityFix: World Resource Institute (WRI).

Roberts, D. (2020). How to make a city livable during lockdown., Vox.

Sandford, A. (2020). Coronavirus: Half of humanity now on lockdown as 90 countries call for confinement, Euronews.

van der Berg, R. (2020). How Will COVID-19 Affect Urban Planning?, TheCityFix.

Wettbewerb: The Post Corona City

Wettbewerb: The Post Corona City [Quelle: www.nxt-a.de] (Bildschirmfoto: Daniel Münderlein)

Auf diesem Blog wurde bereits intensiv zur neuen planerischen Aufgabenfeldern im Zusammenhang mit Coivid-19 berichtet und Prog-sowie Regnosen erstellt. Nun werden daran anschließend die ersten Wettbewerbe initiiert, welche nach konkreten Lösungen für entleerte öffentliche Räume suchen und Ausgangsbeschränkungen und ökonomische Einbrüche als Ausgangspunkte für die Entwicklung neuer städtische Konzepte begreifen. NXT A lobt unter der Schirmherrschaft von Kerstin Schreyer, Staatsministerin für Wohnen, Bau und Verkehr, den Ideenwettbewerb The Post-Corona City aus.
ArchitektInnen, StadtplanerInnen und LandschaftsarchitektenInnen sind aufgerufen sich an dem Wettbewerb zu beteiligen. Die besten Ideen werden in Print und Online Formaten veröffentlicht. Die Auslobungsunterlagen können hier abgerufen werden.

Die Frist für die Einreichungen wurde bis zum 29. Juni 2020 verlängert.

#socialdistancingcreativity
#flattenthecurve
#resilientcity

Für die Betrachtung von Covid-19 als Chance für Veränderung siehe auch:

Der öffentliche Raum in Krisenzeiten

Der öffentliche Raum in Krisenzeiten [Quelle: Youtube] (Bildschirmfoto: Daniel Münderlein)

Der öffentliche Raum wird aktuell durch diverse Krisen geprägt und bestimmt. Im Kontext der Corona Pandemie spielen Virtualisierung und Digitalisierung eine wichtige Rolle, während die aus den USA stammenden Bewegungen gegen Polizeigewalt und Rassismus den physischen Freiraum in Städten als wichtige Plattform für ihre Protestaktionen einfordern. Im Spagat zwischen diesen sehr unterschiedlichen Krisensituationen wird der öffentliche Raum auf die Probe gestellt und zum Gegenstand intensiver Diskussionen, welche voraussichtlich noch lange Nachhallen werden.

Das Thomas Mann House, das Deutschen Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt am Main und das Online-Magazins BauNetz machen es sich im Rahmen der Langen Nacht der Ideen 2020 des Auswärtigen Amtes zur Aufgabe das Thema „Der öffentliche Raum in Krisenzeiten“ in einem Youtube Broadcast zur Diskussion zu stellen.

Die Übertragung ist für den 19.06.2020 um 20 Uhr geplant.

Nach Lockdown lockt Stadtgrün

Nach_Lockdown_lockt_Stadtgrün
Nach Lockdown lockt Stadtgrün [Quelle: www.galabau.de] (Bildschirmfoto: Daniel Münderlein)

Der Bundesverband Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau e.V. (BGL), der Bund Deutscher Landschaftsarchitekten (bdla), der Bund deutscher Baumschulen (BdB) e.V., der Zentralverband Gartenbau e.V. (ZVG) und der Umweltdachverband Deutscher Naturschutzring (DNR) haben ein gemeinsames Positionspapier zu dem Thema „Gesundheit stärken, Klimaanpassung gestalten, Mittelstand stützen“ auf den Weg gebracht. Die Bedeutung von Stadtgrün als systemrelevante Quelle von Gesundheit wird darin vor dem Hintergrund des aktuellen Corona Lockdown unterstrichen und eine entsprechende finanzielle Absicherung gefordert.

Corinna – Keine(r) kommt raus! Urbaner Podcastspaziergang

Urbaner Podcastspaziergang des AAA (Bildschirmfoto: Daniel Münderlein)

Das Autonome Architektur Atelier in Bremen begreift urbane Spaziergänge als Mittel der Kommunikation zu und über städtische Belange. Dabei steht das gemeinsame Erleben und Vermitteln von interessanten Orten und Strecken in der Hansestadt an der Weser im Vordergrund. Da Corona die Durchführung von gemeinsamen Stadtspaziergängen in den letzten Monaten erschwerte, machte sich das AAA über alternative Möglichkeiten Gedanken. Das Ergebnis ist ein Urbaner Podcastspaziergang, welcher sich als audiovisuelle Dokumentation von städtischen Erkundungstouren versteht und im Sinne des Distanzhaltens stark frequentierte Orte ausspart, um sich abseits ausgetretener Pfade der Entdeckung von neuen und unbekannten Orte hinzugeben. Wer sich trotz Corona den urbanen Erkundungstouren anschließen möchte, kann dies nun durch den frei zugänglichen Podcast tun und sich sogar gezielt an bestimmten Zwischenstationen ein- und ausklinken.

Die Corona-Geisterstädte

In der arte Reportage werden Metropolen im Lockdown dokumentiert. Das öffentliche Leben von vormals pulsierende Großstädten kommt aktuell fast vollständig zum Erliegen. Im Fokus der Betrachtung stehen Paris, New York, Venedig und London. Die Reportage entdeckt jedoch auch eine neue und entschleunigte Form von urbaner Schönheit, welche die Atmosphäre von leeren Gassen, ungenutzte Plätzen und stillen Kanälen einschließt.

Re: Die Corona-Geisterstädte
Metropolen im Lockdown


Ein ähnlicher Blick auf den erstarrten Freiraum von Berlin ist auch in diesem Beitrag zu finden.

Ein Stimmungsbild aus Christchurch in Neuseeland

(Foto: Andreas Wesener)

Ein Beitrag von Daniel Münderlein
(Fotos und Hintergrundinformationen wurden freundlicherweise von Andreas Wesener bereitgestellt)

Trotz seiner idyllischen Lage auf der Südinsel von Neuseeland ist die Stadt Christchurch mittlerweile erfahren im Umgang mit Krisensituationen. Bedingt durch tektonische Prozesse wurde Christchurch in der Vergangenheit durch verschiedene Erdbeben erschüttert, welche insbesondere in den Jahren 2010 und 2011 für dramatische stadtstrukturelle Veränderungen sorgten. Der ‚central business district‘ verlor in Folge der Naturkatastrophe um die 800 Gebäude und einige Bereiche der Stadt wurden zu ‚red zones‘ erklärt und aus Sicherheitsgründen vollständig aus der Nutzung genommen. Diese Beschädigungen sowie die Maßnahmen zur Krisenbewältigung resultierten in einem unmittelbaren Verlust von urbaner Qualität sowie einem Gefühl von Leere. Für Christchurch wurde so die Dystopie einer Stadt ohne Stadtzentrum konkrete Realität.

„The feeling of emptiness is overwhelming”

(Wesener 2015, S.2)

Im Umgang mit dieser traumatischen Situation fiel den städtischen Freiräumen rasch eine besondere Bedeutung zu. Improvisierte Aneignungsprozesse, Streetart, temporärer Urbanismus, Pop-up Urbanism sowie organisierte Zwischennutzungen wie Tanzflächen und Gemeinschaftsgärten wurden rasch wichtige Bestandteile einer informellen Krisenbewältigungsstrategie, welche aus der Zivilbevölkerung initiiert wurden und stadtübergreifende Strahlkraft erlangten. Zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen widmen sich diesen Post-Earthquake Phänomenen im Kontext von Resilienzforschung verbunden mit der Frage nach der Widerstandsfähigkeit von Städten und urbanen Gemeinschaften.  Soziale Netzwerke sowie dem Stiften von Sinn durch kollaborative Praktiken und Aneignungsprozesse im Freiraum scheint eine besondere Bedeutung zuzufallen.

Die aktuelle COVID-19 Pandemie in Christchurch reiht sich vor diesem Hintergrund in eine Reihe von Krisensituationen ein und bietet Anschlussfähigkeit an Diskurse, welche städtische Nähe und Dichte kritisch hinterfragen. Zum einen ist stadträumliche Dichte eine Voraussetzung für soziale Interaktionen aber zum anderen erscheint sie im Kontext mit Erdbeben und Pandemien als Risikofaktor. Christchurch orientiert sich in der Krisenbewältigung an dem Motto ‚being together but apart‘ und die Regierung initiierte im Umgang mit COVID-19 einen strickten ‚lock down‘. Neuseeland ist auf Grund seiner isolierten Lage sowie den einzigartigen Ökosystemen besonders empfindlich gegenüber importierten Krankheitserregern oder Viren. Die Regierung handelte unverzüglich und erließ im März ein umfassendes Reiseembargo, welches internationalen Flugverkehr sowie nationales Reisen innerhalb des Landes unterband.  Weiterhin wurden zahlreiche Infektionstests durchgeführt, um ein detailliertes Bild der räumlichen Verteilung der Pandemie zu gewinnen. Die Maßnahmen erweisen sich momentan als effizient und die Infektionszahlen scheinen unter Kontrolle. Über die zukünftige Entwicklung von COIVD-19 sowie die Auswirkungen auf Stadt- und Freiraumplanung wird weiterhin intensiv diskutiert.

(Fotos: Andreas Wesener)

Das Post-Corona Zeitalter?!

Beitrag von Daniel Münderlein

Aktuell sind verschiedene Lockerungen im Umgang mit der Covid-19 Pandemie zu beobachten, welche für viele Menschen als Indiz für die erhoffte Rückkehr zur Normalität aufgefasst werden. Trotz allem bleibt die Frage bestehen, wann die Corona wirklich vorbei sein wird und welche Welt uns danach erwartet.  Hinsichtlich der zeitlichen Entwicklung der Pandemie existieren unterschiedliche Prognosen.

Gemeinhin wird vermutet, dass erst die Fertigstellung der Impfstoffentwicklung einen wichtigen Meilenstein im Umgang mit Corona darstellt. Auch die Erlangung von Herdenimmunität, also der Erkrankung und Genesung von einem größeren Teil der Bevölkerung, könnte einen bedeutsamen Schritt auf der Rückkehr zur Normalität darstellen. Wie lange nun die Einführung eines Impfstoffes auf sich warten lässt oder die Ausbildung von Immunität in größeren Teilen der Bevölkerung andauert, vermag aktuell wohl niemand zu prognostizieren. Dies liegt zum einen an dem hohen Infektionspotential von Corona und zum anderen begründet es sich aus dem grundsätzlichen Charakter von Pandemien. Diese sind in ihrer Natur und in ihrem Verlauf einzigartig und können daher auch nicht auf der Grundlage von Erfahrungswerten beurteilt werden. So kann auch der mögliche Erfolg von Eindämmungsmaßnahmen, wie dem ‚Phyiscal Distancing‘ und die, auf diesem Blog umfangreich dokumentierte, Einschränkung der Nutzung des öffentlichen Raumes nicht konsequent evaluiert werden, da keine entsprechenden Vergleichswerte existieren.  

In Anbetracht dieses gesellschaftlichen Schwebezustandes und des aktuellen Ausnahemodus hat es sich das Zukunftsinstitut zur Aufgabe gemacht, über die Welt nach Corona nachzudenken. Zu diesem Zweck werden verschiedene Zukunftsbilder entwickelt, welche mögliche „Zukünfte“ in einem Post-Corona Zeitalter beschreiben.

  • Szenario 1: Die totale Isolation – Alle gegen alle
  • Szenario 2: System-Crash – Permanenter Krisenmodus
  • Szenario 3: Neo-Tribes – Der Rückzug ins Private
  • Szenario 4: Adaption – Die resiliente Gesellschaft

(Quelle: Nach Corona: Kommt die resiliente Gesellschaft?)

Beitrag „Nach Corona: Kommt die resiliente Gesellschaft?“ (Bildschirmfoto: Daniel Münderlein)

Methodisch stützt sich das Institut weniger eine Prognose von Unvorhersehbarem, sondern auf eine gedankliche Rückschau aus der Zukunft in die aktuelle Gegenwart. Mit dieser Betrachtung in Form einer Re-Gnose geht nicht nur die aktuell verbreitete Identifikation von Gefahren, Risiken und Probleme einher, sondern es gelingt auch ein optimistischer Blick in die Zukunft. Dieser beruht zum Beispiel auf einem Sprung in der Weiterentwicklung und Etablierung von digitalen Kulturtechniken und digitalen Bildungsangeboten, sowie in einer Neugewichtung des multilokalen Arbeitens. Auch eine Wiederzuwendung zu lokalen Wirtschaftsressourcen und kurzen Wertschöpfungsketten wird diskutiert. Für den Erholungssektor könnte das Post-Corona Zeitalter die Reduzierung von Fernreisen sowie die Wiederentdeckung von regionalen Erholungsangeboten und -destinationen bedeuten.

In der entsprechenden Publikation des Zukunftsinstituts wird Corona als Möglichkeit aufgefasst, sich intensiv mit der Zukunft bzw. möglichen „Zukünften“ auseinander zu setzen und sich zu vergegenwärtigen, dass die pandemische Tiefenkrise nicht zwangsläufig eine Schockstarre sein muss. Als gesellschaftlicher Schönheitsschlaf betrachtet, bietet diese verschiedene Optionen zur Entwicklung neuer zukunftstauglicher Visionen sowie der Reinterpretation aktueller ökonomischer, ökologischer und sozialer Narrative.