Der epidemiologische Blick auf den öffentlichen Raum

Flatten The Curve (Foto: Daniel Münderlein)

Beitrag von Daniel Münderlein

Mit Begriffen wie ‚Flatten the curve‚ oder ‚Social Distancing‘ sind epidemiologische Maßnahmen zum Umgang bzw. zur Eindämmung der COVID-19 Pandemie in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Die Disziplin der Epidemiologie stützt sich primär auf den Umgang mit statistischen Daten und bereitet diese in Form von Graphen und Diagrammen auf. Der epidemiologische Blick beinhaltet einerseits raumbezogene Komponenten wie die Einhaltung von konkret dimensionierten Abständen zum Infektionsschutz und andererseits begreift dieser Gesellschaft auch als Netzwerk von sozialen Verbindungen, welche als mögliche Ausbreitungswege der Pandemie fungieren können. Wenn wir daher über die Bedeutung von öffentlichem Raum im Kontext von COVID-19 sprechen, gilt es demnach nicht nur über Distanzierung, Verringerung von persönlicher Mobilität oder Homeoffice nachzudenken, sondern auch theoretische Raummodelle im Hinterkopf zu behalten. In diesem Zusammenhang lassen sich mindestens drei verschiedene Konzepte von Raum unterscheiden.

  • Öffentlicher Raum als Diskursraum: Die Bedeutung von öffentlichem Raum als Möglichkeitsrum für politische Auseinandersetzungen oder freie Meinungsäußerung ist im Zuge der Eindämmungsmaßnahmen in den Hintergrund getreten, da Menschenansammlungen vermieden und Kontakte minimiert werden sollen.

  • Öffentlicher Raum als Kontaktraum: Im Kontext mit COVID-19 wird öffentlicher Raum stärker als Kontaktraum mit Bedrohlichem definiert, da dort latente und nicht erkennbare Infektionspotentiale auf den Menschen lauern. Öffentlicher Raum erfährt somit eine partielle Umdeutung, indem er weniger für lebendiges urbanes Leben steht und stärker als Quelle von gesundheitlicher Gefahr und Bedrohung dargestellt wird.

  • Öffentlicher Raum als Intensitäts- und Bewegungsraum: Der pulsierende und dem Leben zugewandte öffentliche Raum scheint während der Pandemie zu erstarren und fungiert in medialer Berichterstattung als Chiffre für Stille, Einsamkeit und Entschleunigung.

In einem Podcast der Bundesstiftung für Baukultur wird von einer neuen Erwartungshaltung an ArchitektInnen und PlanerInnen gesprochen, welche in einem epidemiologischen Gestaltungsanspruch für öffentliche Räume besteht. COVID-19 wird in diesem Zusammenhang mit Sicherheit auch dem Aufgabenfeld Public Health neue Relevanz verleihen. Während der Freiraumplanung disziplingeschichtlich eine gewisse pädagogische und erzieherische Qualität anhaftet, wird diese möglicherweise im Zuge der Pandemie um eine disziplinarische Komponente ergänzt, um gesunde und lebenswerte Freiräume aufrecht zu erhalten und weiterzuentwickeln. Der Freiraumplanung könnte in diesem Zusammenhang die Aufgabe zufallen, FreiraumnutzerInnen zu einem gesunden Freiraumverhalten zu disziplinieren. Das erneute Austarieren von Nähe und Distanz könnte Bestandteil zukünftiger Planungen werden. Auch das Verhältnis von freien nicht codierten Räumen als Nährboden für individuelle Aneignungsprozesse sowie Freiräumen, welche offensiv eine gewisse Nutzung vorgeben, könnte gemäß dem epidemiologischen Blick neu überdacht werden. Möglicherweise können durch Gestaltungs- und Planungsprozesse auch hohe Nutzungsintensitäten zeitlich entzerrt werden, um dem Aufeinandertreffen vieler Menschen auf engem Raum vorzubeugen.

Die Ästhetik des erstarrten Freiraums

Gesperrte Parkanlage (Foto: Daniel Münderlein)

Beitrag von Daniel Münderlein

Die raumwirksamen Konsequenzen der COVID-19 Pandemie zeichnen Bilder von dystopischen Geisterstädten, welche den gewohnten Vorstellungen von pulsierenden und lebendigen Freiräumen entgegenstehen. Leere Bürgersteige, abgesperrte Schulhöfe und Spielplätze oder geschlossene Parkanlagen sind die Folge von Auflagen wie ‚Phyiscal Distancing‘ sowie Ausgangsbeschränkungen, welche von der Exekutive zielstrebig und offensiv durchgesetzt werden. Erstarrte und entleerte Freiräume sowie das staatlich verordnete Freiraumfasten sind somit räumliche manifestierte Auswüchse epidemiologischer Schutz- und Mitigationsstrategien.

Der städtische Ruhepuls hat sich in den letzten Wochen drastisch verringert, was geneigten StadtspaziergängerInnen und UrbanistInnen jedoch auch die Möglichkeit neuer Betrachtungen bietet.  Der Kurzfilm Lockdown Berlin bettet diese Ausnahmeästhetik der erstarrten Freiräume der Millionenmetropole in zwanzig stimmungsvolle Minuten voller eindrücklicher Momentaufnahmen. Dieser cineastische Zugang erklärt die surreale Atmosphäre des Erstarrten städtischen Lebens zum Leitmotiv und zelebriert die einzigarte Ästhetik der Einsamkeit aus dem Lockdown.