Abstand oder: Das Gefühl für die Distanz

(Foto: Michael Strobl)

Gastbeitrag von Matthias Seidel

Sehr bald, nachdem die Sars-Cov-2-Pandemie Mitteleuropa erreicht hatte, wurde klar: Sich einander nicht zu nahe zu kommen, Abstand zu halten, ist eine der wenigen gesicherten Möglichkeiten, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Als räumliches Maß dafür hat sich in Deutschland eine Distanz von 1,50 m durchgesetzt. Empfohlen waren anfangs kurzzeitig auch 2 m, während gleichzeitig etwa in dem schwer getroffenen Italien wie auch in Österreich 1 m für ausreichend gehalten wurden. Doch hat man sich gesellschaftlich erst einmal auf ein Maß geeinigt, stellt sich tagtäglich die Frage der Umsetzung: Wie kann die Einhaltung dieser Abstandsregeln in der Praxis gelingen? Woran kann jede*r Einzelne sich denn orientieren, um das rechte Maß zu erreichen und dann zu halten? 

Diese Fragen haben mittlerweile insbesondere Ladenbesitzer, im Zuge der schrittweisen Wiederöffnung ihrer Geschäfte, mit Markierungen auf dem Boden beantwortet. Dabei wird jedoch entsprechend dieser spezifischen Situationen immer linear operiert: für eine Reihe von Menschen, die sich geduldig anstellen und dabei einander nicht zu nahe kommen sollen. Was aber ist in der Fläche? Und gar im Raum? 

Aus ganz eigenem Erleben drängten sich mir diese Fragen schon sehr bald auf. Denn trotz des Beginns des Lockdown in Deutschland konnte ich weiterhin einen Vorteil der Erdgeschosszone in Berliner Straßen nutzen – nämlich das Arbeiten am Rande des öffentlichen Raums, quasi auf dem Gehweg. Das hat in jahrelanger Praxis insgesamt zu ganz eigenen Erfahrungen geführt, ist nochmal deutlich anders als Home-Office auf dem eigenen Balkon [wie z. B. im Beitrag von Johanna Niesen zu diesem Blog vom 12. Mai 2020 erwähnt], und könnte an sich den Stoff für einen eigenen Text zu sozialer Kontaktaufnahme und Kontaktpflege aber auch zu Konflikten und Problemlagen des Zusammenlebens im städtischen Raum und Alltag hergeben. 

Für den hier relevanten aktuellen Zusammenhang aber ist die Beobachtung ausschlaggebend, die ich alltäglich vor meinem schon seit Anfang März geschlossenen Ladenlokal machen konnte: Eindeutig ist, dass es den Passant*innen an Erfahrungswerten für Distanzen schlicht fehlt. Kaum eine*r hatte ein „Gefühl“ dafür, was 1,50 m Abstand für räumliches Sich-begegnen tatsächlich bedeutet. Jede*r, der sich mit dem Rad bewegt, hat das leidvoll verinnerlicht, angesichts viel zu nah vorbeirasender PKW und LKW [wo mittlerweile innerorts 1,50 m Abstand vorgeschrieben sind, siehe die jüngste StVO Novelle]. Aber als Fußgänger*in waren solche Distanzgebote im bisherigen Leben gar nicht existent – und sind daher auch nicht erlernt oder eingeübt worden. In den vor Ort geführten Gesprächen mit Nachbar*innen oder Bekannten habe ich das eine oder andere Mal die jeweiligen Einschätzungen mithilfe eines Maßbands oder Zollstocks überprüft. Es ergab sich, dass die meisten 1,50 m wie 2 m empfanden, gemessene 2 m sogar eher wie deren 3…

So ist die Idee entstanden, eine Visualisierung in Form einer Urban Intervention mit minimalen Mitteln vor dem eigenen Arbeits- und Lebensraum anzulegen: Das „Social-Distancing-Grid“. Um eine Orientierung zu bieten, die in alle drei Raumdimensionen greift, wählte ich das Mittel des Rasters: Durch weiße Kreuze aus textilem Klebeband habe ich entlang der Ladenfront sowie in Richtung Bordstein jeweils das Maß von 1,50 m markiert, gemessen von Kreuzungspunkt zu Kreuzungspunkt. So sind 12 Felder [à jeweils 2,25 m²] entstanden. Zusätzlich habe ich das Raster an einer Stelle um ein Kreuz auf 1,50 m Höhe ergänzt. Die Möglichkeit dazu bietet sich an der Straßenlaterne: Sie hat genau 3 m Abstand von der Fassade, sodass sie einen Verweis auf die dritte Dimension passgenau aufnehmen kann. Das Maß auch in die Höhe abzutragen, ist im Umfeld von zu Fuß Gehenden in der Tat auch von Bedeutung: Denn es kommt eben nicht nur im Gespräch mit einem Gegenüber vor – quasi auf Augenhöhe – dass man z.B. feuchter ausspricht, als es einem lieb ist. Für den auf dem Sims des bodentiefen Schaufensters Sitzenden zählt auch, in welcher Höhe die verstärkt vorbeitrabenden [Neo-]Jogger*innen ihre diversen Tröpfchen und Aerosole unwillkürlich absondern. Es wird dabei klar: Der Unterschied von Sitz- zu Laufhöhe ist deutlich zu gering, hinsichtlich des empfohlenen Mindestabstands…

Wie in einer Plangrafik hätte ich nun die Maße auf dem Pflaster eintragen können, um das Verständnis und eine leichtere Zugänglichkeit zur Absicht des Rasterfelds bei den Vorbeigehenden zu fördern. Dabei hätte ich auch noch den Abstand von 2,12 m leicht zeigen können, diagonal von Punkt zu Punkt: Denn bei 1,50 m Seitenlänge ist das dann jener mathematisch leicht zu ermittelnde Abstand [1,5 x 1,41 (Wurzel aus 2) = 2,12]. Doch zugunsten einer weniger didaktischen und vielmehr auf dialogische Erklärungen ausgerichteten Herangehensweise habe ich darauf verzichtet. Zudem erzeugt das Rasterfeld ohne Beschriftung eine leicht rätselhafte Anmutung – und steigert dessen Wirkung eher noch. Nicht zu vergessen, dass sich so auch ein Verweis auf Inhalte ergibt, die es normalerweise hinter der Ladentür zu entdecken gibt: drj art projects ist ein Ausstellungsraum für konzeptuelle und minimale Kunst + Architektur.

So hat das Rasterfeld zudem auch eine perspektivische Funktion für künftige Ausstellungseröffnungen oder dergleichen: Bei Zusammenkünften kleiner bis mittelgroßer Gruppen von Besucher*innen werden sich alle, die sich dann im Freien versammeln, leicht vergegenwärtigen können, welchen Abstand einzuhalten eigentlich sinnvoll ist – selbst wenn das allgemeine Bewusstsein dafür im Alltag derzeit bereits wieder zu verschwinden scheint.