1,5 Meter-Design

Über Begegnungen, Distanz und deren Gestaltung

Gastbeitrag von Raamwerk – Studio für Kunst,Sozial, Kommerz

Britta Wagemann, Jero van Nieuwkoop, Marie-Sophie Kammler & Samson Kirschning

Distanz und Gestaltung

Werner, 75 Jahre alt, kauft zum ersten Mal seit langer Zeit wieder selbst ein. Trotz Einkaufshilfe will er endlich mal wieder selbst im Supermarkt herumstöbern. Ein bisschen schüchtern und angespannt betritt er den Laden. Joghurt, Obst und vielleicht mal ein Bierchen heute Abend? Während er nachdenklich mit seinem Einkaufswagen vor dem Regal steht, greift ein anderer Besucher nach ein paar Bier, direkt an Werner vorbei. Gerade als der Mann die Flaschen greift, fängt er auch noch an zu husten. In den Ellenbogen zu husten geht anscheinend nicht. Der verängstigte Werner, der bereits Lungenprobleme hat, ist frustriert. Er fängt an zu schimpfen: „Eineinhalb Meter! Wie schwierig kann es sein.“

Der Frühling 2020 zeichnet ein merkwürdiges Bild: Die Menschen schleichen umeinander herum und geben sich (mal mehr oder weniger) Mühe, die wegen der Virus-Pandemie gebotenen 1,5 Meter Abstand einzuhalten. Gar nicht so einfach. Ob im Supermarkt oder auf der Straße, plötzlich finden wir uns in einem permanenten Prozess des Abwägens wieder. Wie viel sind eigentlich 1,5 Meter? Plötzlich spielen die Selbst- und Raumwahrnehmung eine verstärkte Rolle und was vor Kurzem noch eine Sache der Höflichkeit war, ist heute taktlos – sogar gefährlich. Mit dieser veränderten Situation umzugehen fordert uns alle. Empathie und Geduld sind notwendig. Unsere Motivation bestimmte Auflagen streng einzuhalten, war zu Beginn der Ausnahmesituation überwiegend hoch, aber nach und nach erschlafft sie sichtlich. Wie bei einem Muskel folgt auf die außerordentliche Anspannung unweigerlich eine Entspannung, hier die beginnenden “Lockerungen” der Ausgangsbeschränkungen.

Und nicht zuletzt wird deutlich: Die Distanzgebote sind auch eine Frage der Gestaltung. Ähnlich wie sich Wasser seinen Weg vorbei an Hindernissen sucht, sprudelt die menschliche Kreativität durch die vorgegebenen Einschränkungen. Es ist beeindruckend: Im privaten wie im öffentlichen Raum wird improvisiert wie lange nicht mehr. Der öffentliche Raum, der unser (Zusammen-) Leben ebenso prägt wie er durch soziale Regeln geprägt wird, muss plötzlich angepasst werden: In vielen Supermärkten mahnen Abstands-Streifen auf dem Boden zu Vorsicht und Distanz. Niemand darf den Laden ohne Einkaufswagen betreten, um ohne Nachdenken zu müssen auf Abstand zu bleiben. Und in jedem Moment, in dem wir die Distanz doch nicht einhalten können, werden wir durch Plastikscheiben getrennt. Fast liebevoll und menschlich wirken die selbstgebauten, provisorischen Konstruktionen um Kassen und Theken. Sie sind gebaut um zu schützen und beißen sich gleichzeitig mit der Ästhetik des einheitlichen und meist biederen Designs des Ladens. Wir stellen fest, dass Kreativität und Gestaltungswille durch besondere Situationen, besonders herausgefordert sind, neue Lösungen zu entwickeln. Den gesetzlichen Beschränkungen in Zeiten der Pandemie wird mit kreativem Pragmatismus und ad-hoc Gestaltung begegnet, durch die unser gewohntes Umfeld neue Impulse und Formen bekommt.

Raamwerk gestaltet Begegnungen

Auch Raamwerk, als selbsterklärtes “Studio für Kunst, Sozial, Kommerz”, hat die Corona- Zeit als mögliches Experimentierfeld für die Neugestaltung bestimmter Aspekte in der Gestaltung des öffentlichen Raums direkt angenommen. Kreiert wurde eine Reihe von gestalterischen Interventionen, um unsere Selbstwahrnehmung wie auch unser Raumgefühl im Zusammenleben ganz bewusst zu erleben und zum Neudenken anzuregen.

Die Händchenhaltverlängerung

(Foto: Studio Raamwerk)

Wir brauchen Kontakt, und 1,5 Meter Abstand zu halten ist schwer. Wieviel sind eigentlich 1,5 Meter und inwieweit sind wir selbst und der öffentliche Raum überhaupt dazu in der Lage diesen Abstand konstant einzuhalten? Wie verändert das unsere Begegnungen und was, wenn wir einer Person eigentlich nah sein möchten? Diese und weitere Fragen, konnten Passant*innen bereits zu Beginn der Pandemie selbst ausprobieren. Die 1,5 Meter langen und rosaroten Rundhölzer wurden von Raamwerk an bestimmten Stellen im öffentlichen Raum positioniert und verliehen. Durch die Händchenhaltverlängerung haben Menschen die Möglichkeit miteinander spazieren zu gehen ohne einander direkt an der Hand zu halten. Den Abstand derart plastisch zu sehen, war für viele Passant*innen irritierend, sorgte aber gleichzeitig für schöne Begegnungen, zwischenmenschliche Interaktion und inspirierte den gesehenen Abstand nachzuahmen – im Park, im Supermarkt oder in der Straßenbahn.

Die Corona-Kabine aka Spuckschutz

(Foto: Studio Raamwerk)

Wir wollen Begegnungen, wollen uns näher sein als im Videocall. Mit der Corona-Kabine macht Raamwerk eine Not zur Tugend und schafft ein neues Begegnungsmöbel. Der rollbare Tisch ist durch große Fensterscheiben in Viertel unterteilt und bietet den Benutzer*innen die Möglichkeit zusammen an einem Tisch zu sitzen und sich auszutauschen, zu arbeiten oder zu essen. So wurde das Möbelstück unter anderem für die Aufnahme eines Podcasts zu dem diesjährigen, alternativ gestalteten MADE Festival eingesetzt. Während die Händchenhaltverlängerung als universelles und schnelles Vermittlungswerkzeug benutzt wird, bietet die Corona-Kabine die Möglichkeit sich in geschütztem Rahmen länger und tiefer inhaltlich auszutauschen. Die Mobilität des Begegnungsmöbels ermöglicht es, dieses Setting schnell und unkompliziert herzustellen. Wo auch immer man die Kabine aufstellt, ist ein Rahmen geschaffen, um unkonventionelle Begegnungen zu ermöglichen, sowie Raamwerk es gerne macht. Sicher aber nah und natürlich immer rosarot.

Das Freiluft-Experiment

(Abbildung: Studio Raamwerk)

Ein aufgrund der Kontaktbeschränkungen auf nächstes Jahr verschobenes Raamwerk-Projekt ist das großangelegte Freiluftexperiment zur Gestaltung des öffentlichen Raumes in der Kasseler Innenstadt. Hier ist der untere Teil der städtischen Fußgängerzone, der gleichzeitig die Transitzone zwischen Innenstadt und Hauptcampus der Universität bildet, für den motorisierten Durchgangsverkehr befahrbar. Während der obere Teil eben jener Straße frisch neu gestaltet und mit großen Boulevards zum Flanieren ausgestattet wurde, müssen sich Passant*innen, Kund*innen der vielen internationalen Lebensmittelgeschäfte und Studierende hier auf den viel zu engen Gehwegen dicht an dicht drängen. Ausgehend von dieser Beobachtung hat Raamwerk ein Netzwerk ins Leben gerufen, um den öffentlichen Raum, der hier exemplarisch für viele ähnliche Ecken der Stadt steht, in ein Freiluft-Experiment auf Zeit zu transformieren. Über einen Zeitraum von mehreren Wochen soll hier gemeinsam ausprobiert werden, wie sich die Qualität des Ortes verändern würde, wenn auch die Fahrbahnen als Aufenthaltsort für Fußgänger*innen mit bespielt werden dürfte. Und gerade die Corona-Zeit macht die bestehenden vielfältigen Problematiken noch einmal deutlicher. 1,5 Meter Abstand sind auf den Gehwegen nicht einzuhalten und die Fragen werden lauter: Vielerorts werden die Forderungen nach mehr Platz für Fußgänger*innen gestellt. Sollte das Konzept “Gehweg” nicht vielleicht grundsätzlich überdacht und zu Shared Space Mischnutzungen der Straße übergegangen werden, wie sie in unterschiedlicher Form auch schon vor der Einführung des Autos existierten? Die aktuell stark diskutierten Formen der Mischnutzung haben den gemeinsamen Grundgedanken, die unterschiedlichen Verkehrsteilnehmer*innen gleichberechtigt koexistieren zu lassen. Dies wiederum erfordert eine entsprechende Selbst- und Raumwahrnehmung, ein Bewusstsein für mich und andere. In der Schweiz spricht man hier von sogenannten Begegnungszonen.

Raamwerk fasst den Begriff der Begegnungszone für das Freiluft-Experiment weiter, als nur in Bezug auf Verkehrsteilnehmer*innen und bildet den kreativen Knotenpunkt, der Partner*innen aus der Stadtverwaltung, lokale Gewerbetreibende, die Universität sowie soziokulturelle Akteur*innen der Stadt miteinander vernetzt. Die gestalterische Aufgabe besteht für Raamwerk hier im Sichtbarmachen bestehender Schwierigkeiten, in der Vermittlung von Themen und Anliegen der unterschiedlichen Akteur*innen und der Gestaltung von neuen Begegnungen.

Timing ist alles – und der richtige Zeitpunkt ist jetzt!

Kontakt mit fremden Lebenswirklichkeiten schafft Empathie und ist ein erster Schritt, um zu reflektieren und zu verstehen wie wir mit Veränderung umgehen müssen. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben und timing ist alles: Es ist Zeit, unser Umfeld (und damit auch unsere Städte) revolutionär anders zu nutzen und zu gestalten. Das wird gerade mehr als deutlich.

Um den Grundriss und die Funktionen der Stadt neu zu denken, ist es wichtig sicherzustellen, dass Bürger*innen der Stadt auch als solche verstanden werden und nicht allein als Konsument*innen. Die Schwierigkeit besteht schließlich nicht darin neue Ideen zu entwickeln, sondern vielmehr darin, den alten zu entkommen. Deshalb ist es wichtig, heute die Weichen für einen gesunden und nachhaltigen systemischen Wandel zu stellen und auf unterschiedlichen Ebenen anzugehen. Stadtgestaltung sollte in erster Linie (wieder) zugunsten des menschlichen, kulturellen und sozialen Miteinanders geplant werden. Das Wohlbefinden der Bürger*innen und ein umweltfreundliches, nachhaltiges Handeln müssen dabei im Zentrum stehen.

Die Fragen, denen wir uns dabei zu stellen haben, sind weitreichend und erfordern Mut. Angefangen mit der Frage danach, wie Mobilität und ein sozialerer öffentlicher Raum miteinander einhergehen können, über die wahrgemachte Einbeziehung von Bürger*innen in den Planungsprozess, bis hin zur “Demokratisierung der Straße”. Neugestaltungen aus einer anderen Perspektive umzusetzen, würde bedeuten weniger Platz für Autos und mehr Platz für andere Verkehrsteilnehmende einzuplanen. Neubauprojekte würden z. B. aus der Sicht von Radfahrer*innen oder Fußgänger*innen geplant werden. Es würde aus Sicht von Bürger*innen, zusammen mit Bürger*innen gestaltet, statt Gestaltung von oben herab umzusetzen. Der Ansatz, den Raamwerk und andere Initiativen in der Stadtplanung bereits verfolgen, arbeitet damit, kleinste Eingriffe einfach umzusetzen und so die Motive zum Neudenken bewusster und greifbarer zu machen. Planung und Gestaltung können von den Erfahrungen regelmäßiger Trial-and-Error-Prozesse viel lernen und es entstehen passendere Projekte für die Bürger*innen.

Selbst Lust es mal auszuprobieren? Hier ein paar Anhaltspunkte: Parkplätze umnutzen. Straßen für motorisierten Verkehr sperren. Anreize schaffen, für Bürger*innen, die das Auto stehen lassen. Mehr autofreie Tage.Mehr Straßenfeste. Kurz gesagt; Interventionen, die das individuelle aber auch kollektive Verständnis zum öffentlichen Raum beeinflussen. Mehr Platz für Menschen statt für Maschinen. Denn unsere Mobilität wird nicht lahmgelegt, wenn wir das Auto stehen lassen. Vielmehr fordert es uns auf nach Alternativen zu suchen und eröffnet neue Möglichkeiten. Was wir brauchen, sind neue konsumfreie Begegnungsräume und die Umwandlung des öffentlichen Raumes in einen öffentlichen Aufenthaltsraum.

Vielleicht ist es in der Corona-Zeit geboren worden, das 1,5 Meter-Design und bestenfalls gibt es uns Mut Neues auszuprobieren. Denn manchmal müssen wir raus aus der Komfortzone um zu merken, dass eine Alternative viel komfortabler ist, als vermutet.