Schönen Sommer!

(Foto: Daniel Münderlein)
(Foto: Daniel Münderlein)

Liebe LeserInnen,
Liebe AutorInnen,
Liebe UnterstützerInnen des „Freiraum in der Krise“ Blogs,

das spezielle Sommersemester neigt sich nun dem Ende und der städtische Freiraum füllt sich mittlerweile wieder mit Leben. Die Lehrveranstaltungen dieses besonderen Semesters wurden ohne jeglichen persönlichen Kontakt abgewickelt und es zeigten sich Vor- und Nachteile von digitalen Kulturtechniken. Räumlich entkoppelte Lehre erwies sich trotz einer sehr geringen Vorbereitungszeit als produktive Plattform und neuer Möglichkeitsraum. Gleichzeitig wurde jedoch auch die Sehnsucht nach direktem persönlichen Kontakt und physischer Begegnung deutlich. Die Covid-19 Pandemie regt zum Hinterfragen der Balance von zeitlich bzw. räumlich entkoppelten digitalen Lehrressourcen und der Notwendigkeit von Präsenzlehre an. Für das Wintersemester ergibt sich der Wunsch nach hybriden Formaten, um verantwortungsvoll in den bekannten Lehrbetrieb oder eine „neue Normalität“ zurück zu kehren. Auch der ASL Rundgang des Fachbereichs 6 an der Universität Kassel wurde in den digitalen Raum verlegt und bietet mit der Platform R:EIN verschiedene Formate, um die studentischen Arbeiten des Corona Semesters in Augenschein nehmen zu können. Das Spektrum reicht von der Darstellung in Form von Webseiten und Videos über Audio Beiträge bis hin zu einem per Game Engine virtuell begehbaren R:EINRAUM.

(Screenshot: R:ADIO R:EIN )


Wir wurden vom R:ADIO x R:EDEN eingeladen über diesen Blog zu sprechen, woraus ein halbstündiger Beitrag entstanden ist.

Weiterhin wurde am Fachgebiet Freiraumplanung der Entschluss gefasst aus den vielen interessanten Beiträgen dieser Blogseite eine zusammenhängende Publikation zu erstellen. Dafür konnten erfolgreich finanzielle Mittel akquiriert werden, so dass im Wintersemester mit der konkreten Umsetzung begonnen werden kann.

Wir wünschen allen LeserInnen, AutorInnen und UnterstützerInnen dieses Blogs einen erholsamen und gesundheitsförderlichen Sommer und freuen uns auf zukünftige Entwicklungen im „Freiraum in der Krise“.


Herzliche Grüße

Das Blog Team

„Ich habe Nachbarn Teil 1 und 2“

Vorbemerkung von Johanna Niesen

Nachbarschaft in Zeiten der Covid19-Pandemie bekam aufgrund von Kontaktbeschränkungen und der Tatsache, dass viele Menschen sehr viel Zeit in (und um) die eigenen vier Wände verbrachten, eine andere Relevanz. Vor allem zu Beginn der Maßnahmen im März und April waren neue Formen der Nachbarschaftsaktivitäten zu beobachten. Menschen unterstützen sich gegenseitig in Form von organisierten oder spontanen Nachbarschaftshilfen oder tauschten sich über den Gartenzaun oder von Balkon zu Balkon aus. Der folgende Text einer Studierenden entstand bei der Dokumentation der eigenen Wohnsituation im Rahmen des Seminars „Wohnpraktiken in der Verflechtung von Innen- und Außenräumen in Zeiten der Corona-Krise“ und fängt eine Nachbarschaftsgeschichte in Zeiten dieser Ausnahmesituation ein.

Gastbeitrag von Antje Halfter

Ich habe Nachbarn

Es ist Mitte der Woche zwei nach dem Schließen der Geschäfte. Die Selbstisolation zeigt so langsam Wirkung aus unerwarteter Richtung. Von Draußen, um genau zu sein. Als passionierte Couchpotato bin ich zwar grundsätzlich dem „Leben da draußen“ nicht böse gesonnen, aber ich finde es im Allgemeinen nicht so tragisch, wenn das Leben auch draußen bleibt, während ich in meinen vier Wänden einen etwas anderen Rhythmus nachgehe. So kann ich bei Bedarf mich der restlichen Menschheit anschließen, habe aber meine Ruhe oder die Freiheit denselben Song fünfzehn Mal hintereinander zu hören, ohne das Gefühl zu haben, dass er meinen Nachbarn zu den Ohren raushängt. Dass es meinen Mitmenschen und speziell meinen Nachbarn durchaus anders geht, habe ich durch die scheinbar aus Papier geschaffenen Wände nun des Öfteren vernommen, dem jedoch nicht weiter Beachtung geschenkt. Bis zu diesem Tag, denn ich hörte durch meine Musik hindurch einen dumpfen Knall und ein recht enthusiastisch formulierter und vorgetragenen Fluch meiner Nachbarin, die rechts neben mir wohnt. Nun neugierig geworden und etwas besorgt stellte ich die Musik leiser und hörte eine männliche Stimme etwas lauter fragen, was passiert ist und noch alles heile sei. Nicht jedoch aus der Wohnung besagter Nachbarin, sondern aus der Wohnung direkt über mir. Die Antwort folgte nach einem kurzen Zögern. Anscheinend stand ein Topf mit Suppe nicht länger gerade auf der Herdplatte, sondern lag in der nahegelegenen Spüle und hatte auf dem Weg dorthin seinen Inhalt durch das halbe Zimmer verteilt.

Anscheinend war aber nicht nur ich auf den Zwischenfall und das kleine Gespräch über die Stockwerke hinweg aufmerksam geworden, denn eine weitere Nachbarin aus meiner Etage meldete sich zu Wort um zu fragen, wie das passieren konnte. Die erste Nachbarin war trotz der ärgerlichen Situation über das rege Interesse doch amüsiert und antwortete, dass sie eigentlich die Suppe probieren wollte, von ihrem Handy aber etwas abgelenkt worden sei und dann unglücklicherweise mit dem Kochlöffel den Topf etwas von der Herdplatte geschoben hatte. Im Anschluss kippte der Topf und rollte weg. Ein vierter Nachbar aus dem Erdgeschoss meldete sich, um zu fragen, ob sie denn noch Suppe hätte oder jetzt etwas anderes zu Mittag machen müsste. Er hätte sonst noch etwas Dosensuppe auf Vorrat, seine Mutter wäre in Sorge, dass er verhungern würde, wenn er nicht mindestens zehn Dosen Fertigsuppe im Haus hätte. Nach einigem Hin und Her wurde ein Karton vor die Wohnungstür meiner Nachbarin gestellt und jeder, der diese Unterhaltung verfolgt hatte, kam in den ersten Stock und hinterließ Lebensmittel. Dafür, dass ich selten meine Nachbarn persönlich treffen, geschweige denn ihre Namen kenne, waren es doch erstaunlich viele Dosensuppen, die sich nach einigen Minuten in dem Karton angesammelt hatten. 

Ich habe Nachbarn – Zweiter Teil

Dafür das meine Nachbarschaft relativ kontaktscheu ist und sich maximal durch Wände unterhält, entwickeln sich während der Corona-Krise erstaunliche Szenen. Als Hintergrund ist es wichtig zu wissen, dass ich im ersten Stock eines im Innenhof gelegenen Mehrparteienhauses lebe, in dem es primär Ein- und Zweizimmerwohnungen gibt. Entsprechend leben maximal zwei Leute in einer Wohnung und viele sind vom Alter her 20 bis 30 Jahre alt und Studenten oder Berufsanfänger. Insgesamt also eine eher homogene Bewohnerstruktur, auch wenn sich Herkunft, Vorlieben und berufliche Orientierung stark unterscheiden. Wie auch immer, normalerweise geht man sich aus dem Weg oder grüßt kurz, wenn man sich doch mal im Innenhof oder im Treppenhaus begegnet. Trifft man sich dagegen auf der Straße oder gar im Supermarkt, kennt man sich auf einmal nicht mehr.

Genau diese Nachbarschaft hat während der Corona-Krise eine gemeinsame Tradition entwickelt. Beinahe jeden Abend gegen 18, 19 Uhr versammelt man sich im Innenhof, stellt sich in zwei Meter Abständen im Kreis und quatscht miteinander. Kern des ganzen sind zwei Nachbarinnen im Erdgeschoss, die in ihrem Vorgarten stehen und sich über die Hecke hinweg mit den Leuten unterhalten, die entweder von der Arbeit oder vom Einkaufen kommen. Es bildet sich innerhalb von gut fünfzehn Minuten eine kleinere Ansammlung von etwa acht bis zwölf Leuten, die sich über das ständige Tragen von Masken beklagen und immer wieder einer Krankenschwester ihr Mitleid bekunden, die neuesten Öffnungszeiten von Geschäften austauschen, über die Nachbarschaftshilfe eine Dame aus dem zweiten Stock mit Lebensmitteln versorgen und noch viele andere Themen besprechen, die sie gerade bewegen, während trotzdem konsequent darauf geachtet wird den Abstand zu wahren. Die Menschen aus den oberen Stockwerken stellen sich gerne auf den Balkon oder ans Fenster und nehmen ebenfalls an dem Gespräch teil oder hören nur zu.

Richtig Fahrt aufgenommen hat diese neue Tradition interessanterweise erst als die Geschäfte sich wieder öffneten und damit eigentlich dieses allein in der Wohnung sein fast vorbei war. Dennoch scheint es ein Defizit an nachbarschaftlicher Kommunikation gegeben zu haben, die diese Treffen beheben. Und die Damen aus dem Erdgeschoss stellen mittlerweile sogar Desinfektionsmittel auf einen Tisch in eine Heckenlücke, damit man gefahrlos die herumlaufenden Hunde der Nachbarn streicheln kann, da diese für eine nicht unerhebliche Menge an Entertainment sorgen.

Spielplätze: von der Schließung bis zur Öffnung

(Foto 21.03.2020: Stefanie Hennecke)

Beitrag von Stefanie Hennecke

Jetzt, Mitte Juni 2020, erscheint der weitgehende Lockdown des öffentlichen Raums schon wieder weit entfernt. Gehwege, Parks und Spielplätze sind voller Menschen. Die Fotoserie in diesem Blogbeitrag dokumentiert rückblickend die administrativen Stadien der Schließung und Öffnung der Spiel- und Sportplätze in Berlin Schöneberg anhand der an den Eingängen angebrachten offiziellen Schilder und deren inoffiziellen oder gar naturwüchsigen Ergänzungen:

16. März 2020: Die Spiel- und Sportplätze werden geschlossen. Das frisch laminierte Schild leuchtet vor dem Hintergrund der üblichen Spielplatzbeschilderung, die in ihrer Ramponiertheit den Pflegestandard öffentlicher Grünanlagen repräsentiert und deren Wortwahl als „Geschützter Spielplatz“ nun eine interessante Bedeutungsverschiebung erhält. Wer wird in dieser Zeit vor wem geschützt? (Alles wird gut, wir bleiben zu Hause!)

Ergänzt wurde das Schild, das die Sperrung anzeigt, durch eine mit Klebeband an einem Schaukelpfosten angebrachte Botschaft in kindlicher Handschrift, das in dramatischer Weise das öffentliche Kinderspiel mit dem „letzten“ Krankenhausbett koppelt.

(Fotos 21.3.2020: Stefanie Hennecke)

Während die Gehwege sich schnell wieder füllten oder nie richtig leerten, wurde das Spielplatzverbot weitgehend eingehalten und Sämlinge wuchsen auf den ungenutzten Sandflächen. Der Hopfen verlieh dem laminierten, in der strahlenden Maisonne langsam vergilbenden Schild unterdessen einen Hauch von Romantik. Weniger romantisch war der Anblick der immer wieder aufs Neue verknoteten Absperrbänder.

(Fotos 27.4.2020: Stefanie Hennecke)

4. Mai 2020: Die Spielplätze wurden nach genau 50 Tagen wieder geöffnet. Interessanterweise blieben die räumlich an die Spielplätze gekoppelten Bolzplätze weiterhin geschlossen, so dass ab diesem Zeitpunkt der Spielraum erweitert aber gleichzeitig in der Nutzung verdichtet wurde: die nicht mehr zu Hause Bleibenden drängten sich auf weniger Raum als vorher. Das neue, Mitte Juni nun auch bereits wieder vergilbte Schild erklärt die überall einzuhaltenden Abstands- und Hygieneregeln und spricht die in dieser Zeit häufig zu hörende Warnung aus, dass eine erneute Schließung droht, wenn nicht alle vernünftig sind.

(Foto 4.5.2020: Stefanie Hennecke)

Von neuen und alten Normalitäten in Graz

Gedanken zum Freiraum von Mitarbeiterinnen des Instituts für Städtebau der TU Graz

Gastbeitrag von Eva Schwab und Sabine Bauer

(Teil 1 von 2)

Gehsteige vermessen

Der Kreis beginnt sich zu schließen. Wir waren betroffen von den täglich steigenden Infektionszahlen, sind durch die Isolation gegangen und haben das Homeoffice gemeistert, haben die ersten Lockerungen erlebt und können nun – nach den aktuellen Ankündigungen der österreichischen Bundesregierung, die Maskenpflicht und Ausgangsreglementierungen weitgehend aufheben – berechtigterweise vom baldigen Beginn der vielfach herauf beschworenen „neuen“ Normalität träumen.

Wie wird sie nun aussehen, diese neue Normalität? Die Erfahrungen aus den ersten Lockerungen lassen die vielfältigen Argumente, warum die Covid-19 Krise die Chance auf gesellschaftliche Veränderungen hin zu mehr Nachhaltigkeit beinhaltet (nur als Beispiele seien genannt: Die Welt nach Corona, Drei Krisen gleichzeitig) gelinde gesagt ambitioniert erscheinen.

Die Möglichkeitsfenster, die während der Zeit der eingeschränkten Mobilität im Lockdown offen standen und dem Straßenraum eine neue Bedeutung und neue Nutzbarkeit als öffentlicher Freiraum gaben, mussten mit dem erneuten Anstieg des motorisierten Individualverkehrs (MIV) wieder geschlossen werden.

Menschenmassen stauten sich, um endlich wieder in Möbelhäusern und Baumärkten einkaufen zu können, Automassen wälzten sich über die entsprechenden Zufahrtsstraßen.

Ist daran etwas anders als an jedem normalen Samstag vor Corona?

Etwas anders sieht die Situation in der Innenstadt aus. Abseits der großzügig angelegten Einkaufsstraßen bemühen sich Menschen, auf den schmalen Gehsteigen Abstands- und Verkehrsregeln gleichermaßen einzuhalten – und scheitern entweder an dem einen oder dem anderen. Geschäftsinhaber*innen versuchen, unter Einhaltung der Abstandsregelung den Kund*innen einen angenehmen Einkauf zu ermöglichen und verlegen Ein- und Ausgänge oder markieren Wartezonen. Café-Betreiber*innen versuchen die optimale Verteilung ihrer Sitzgelegenheiten in den Schanigärten zu finden, um zumindest das Potential für genügend Umsatz zu schaffen. Und immer wieder merkt man: Das geht sich nicht aus! Der Raum in seiner derzeitigen Aufteilung reicht nicht aus, um den vielfältigen Anforderungen an ihn gerecht zu werden.

Aber dass Raum der wahre Luxus ist, wissen wir nicht erst seit der Corona Pandemie. Sie hat uns nur wieder einmal eindrücklich die ungleiche Verteilung und Zugänglichkeit der Ressource Raum in unseren Städten vor Augen geführt und sehr nachvollziehbar aufgezeigt, wie viel ausreichend (Frei)Raum mit körperlicher und seelischer Gesundheit zu tun hat.

Befinden wir uns also auch diesbezüglich in einer alten Normalität? Die Ahnung einer neuen zeigt sich in den oben genannten Beispielen vor allem darin, dass die altbekannte Raumaufteilung nicht länger unhinterfragt akzeptiert wird. Mehr noch als vorher beginnt die Diskussion um die faire Verteilung des Freiraums geführt zu werden. Die Erfahrungen der letzten Wochen motivieren Nutzer*innen auf der Suche nach Möglichkeiten, ein gutes urbanes Leben für alle zu schaffen, auch heilige Kühe wie die Priorisierung des MIV und die Selbstverständlichkeit des ruhenden Verkehrs im öffentlichen Raum zumindest diskursiv zu hinterfragen.

In diesen Auseinandersetzungen sehen wir die Ansprüche an den öffentlichen Freiraum wachsen. Er soll qualitativ hochwertig gestalteter Raum für urbanes Leben sein und trotzdem weiterhin tradierten Vorstellungen von Mobilität genüge tun – am besten mit Auto-Stellplätzen für alle direkt vor dem Haus oder dem Geschäft. Noch ist nicht klar, ob dieses Patt in der Prioritätenreihung durch die Erfahrung der letzten Wochen beeinflusst wird, in denen viele aufgrund des Lockdowns die Ruhe und den Platz auf den innerstädtischen Straßen genossen haben. Wir beobachten zumindest mit Interesse, wie Fragen der aktiven Mobilität und des öffentlichen Raums unter dem Eindruck der Corona-Krise Aufwind erfahren.

Ein Beispiel für das wachsende Interesse an diesen Diskussionen bildet die Masterarbeit von Daniela Mrazek, in der sie sich dem Gehen in der Stadt widmet. Sie hat dafür die Grazer Gehwege vermessen und diese dann in zwei Gruppen geteilt: diejenigen, die eine in der ÖNORM B1600 festgeschriebene Mindestbreite für Gehsteige von 1,50 m aufweisen, und diejenigen, die diese Anforderung nicht erfüllen. Das Ergebnis hat in Zeiten der COVID-19 Pandemie eine neue Bedeutung bekommen: Es handelt sich um eine Karte der Stadt Graz, in der gekennzeichnet ist, welche Gehsteige nicht genug Platz bieten, um den geforderten Mindestabstand von 1-1,50 m im Vorbeigehen einzuhalten. Das Facebook-Posting des Instituts für Städtebau zu diesem Thema wurde innerhalb kürzester Zeit um ein Vielfaches häufiger geliked und geteilt als Postings zu anderen Masterarbeiten. Auch die lokale Presse hat über die Erkenntnisse aus Daniela Mrazeks Arbeit berichtet.

(Abbildung 09.06.2020: Facebook, Institut für Städtebau TU Graz)
(Abbildung 09.05.2020: Kleine Zeitung Steiermark)

Das Thema der fußgängerfreundlichen Gestaltung und Nutzbarkeit des öffentlichen Raums ist also im Kontext der Pandemie wieder stärker ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt und die Diskussion darüber wird hoffentlich noch lange Zeit ein Teil der neuen Normalität bleiben. Doch inwiefern sind auch die Anforderungen, die wir an den Raum stellen, neu?

Hier geht es zu Teil 2…

Von neuen und alten Normalitäten in Graz

Gedanken zum Freiraum von Mitarbeiterinnen des Instituts für Städtebau der TU Graz

Gastbeitrag von Eva Schwab und Sabine Bauer

(Teil 2 von 2)

Straßenraum neu verteilen

Dazu ein paar Gedanken aus zwei unserer Lehrveranstaltungen im laufenden Semester, die sich anhand des Beispiels Zinzendorfgasse mit der Neuorganisation des Verkehrs und der Umgestaltung des innerstädtischen Straßenraums beschäftigen.

Die Grazer Zinzendorfgasse liegt in unmittelbarer Nähe der Karl-Franzens-Universität (der größten Grazer Universität). Sie besitzt eine kleinteilige Struktur von Geschäften und Lokalen und lebt von der großen Zahl an Studierenden, für die sie eine wichtige Verbindung zwischen der Universität und dem Stadtpark bzw. der Innenstadt darstellt. Außerhalb der Semester ist die Nutzer*innen-Frequenz allerdings deutlich geringer, wodurch die Geschäftstreibenden vor eine große Herausforderung gestellt werden, die sich auch in Leerständen manifestiert. Parkende Autos begrenzen den verfügbaren Raum in der schmalen Straße außerdem stark und verringern sowohl den nutzbaren Bewegungs- als auch (kommerziellen und konsumfreien) Aufenthaltsraum.

Die Zinzendorfgasse letzten Herbst. (Foto: Martin Grabner)
Die Zinzendorfgasse während des Lockdowns. (Foto: Viktoriya Yeretska)

Der Verein Zinzengrinsen, der aus Geschäftstreibenden der Straße und Anrainer*innen besteht, setzt sich seit einiger Zeit für eine Umgestaltung ein. Er arbeitet mittlerweile mit der Grazer Stadt- und Verkehrsplanung und einem lokalen Architekturbüro zusammen und ist an das Institut für Städtebau mit der Bitte herangetreten, ihn bei der Umgestaltung ihrer Straße zu einer Slow Street mit urbanen Qualitäten zu unterstützen.

Wir wollten dieser Bitte mit einem einwöchigen Workshop und einer Projektübung nachkommen, als mit Semesterbeginn die Krise mit all ihren Schwierigkeiten und Chancen wirksam wurde. So entschieden wir uns, den Workshop dem Thema des Physical Distancing (also der Schaffung von Voraussetzungen für körperliches Abstand halten, ohne das Erzeugen von Social Distancing) zu widmen.

Die Studierenden des Workshops haben dabei den Status Quo erhoben und ihn den (alten und neuen) Anforderungen gegenübergestellt. Schließlich wurden Vorschläge für eine (mehr oder minder) temporäre Adaption der Straße erarbeitet, die Einkaufen, Ausgehen und kulturelle Veranstaltungen unter Einhaltung der nötigen Abstandsregeln ermöglichen können. Dass damit mehr Raum von Fußgänger*innen, Radfahrer*innen und für den Aufenthalt in Anspruch genommen werden muss und dass dieser Raum nur unter Einschränkung des MIV verfügbar werden kann, ging aus der Analyse eindeutig hervor. Ebenso zog sich die Erkenntnis, dass diese Umverteilung die Chance mit sich bringt die Straße grundlegend neu zu denken und zu gestalten, wie ein roter Faden durch alle Arbeiten. (Details zur Lehrveranstaltung)

(Darstellungen: Jago Trelawny-Vernon)

Die Studierenden in der Projektübung arbeiten währenddessen an einem Konzept zur langfristigen Umgestaltung der Straße und einiger Erdgeschoss-Lokale, um der Nutzer*innensaisonalität zu begegnen und die Straße für vielfältige Gruppen interessant zu machen. Die Stärkung der unterschiedlichen Teilräume und ihrer Atmosphären sowie die Reduktion des ruhenden Verkehrs ist allen unterschiedlichen Studierendenprojekten gemeinsam. (Details zur Lehrveranstaltung)

(Darstellung: Dina Sauer und Paula Möller)

Betrachtet man nun diese beiden Ergebnisse, fällt schnell auf, dass sie sich bezüglich der Raumaufteilung nicht wesentlich unterscheiden. Sowohl bei der Entwicklung von kurz- als auch langfristiger Gestaltung zeigt sich, dass die gewünschte Erhöhung der urbanen Qualitäten mit breiteren, multifunktionalen Aufenthalts- und Bewegungsflächen nur durch eine Reduktion der Flächen für ruhenden Verkehr erreichbar ist. Damit sich Menschen sicher und frei bewegen sowie aufhalten können, braucht es nicht nur gute Gestaltung, es braucht auch entsprechend verfügbaren Raum. Für die Zinzendorfgasse kann also abgeleitet werden, dass gute Gestaltung eines menschenfreundlichen Raums nicht nur die kompakte Stadt der kurzen Wege unterstützt sondern gleichzeitig Physical Distancing ermöglicht bzw. vereinfacht.

Verallgemeinert könnte man sagen, dass gut gestalteter und vielfältig nutzbarer urbaner Raum menschlichen Maßstabs krisensicher ist – resilient, wie man es fachgerecht ausdrückt. Unsere Städte brauchen keine speziellen urbanen Räume, die COVID-19 sicher sind, sie brauchen qualitätsvolle Freiräume, die vielfache Nutzungen zulassen, die ökologische Kreisläufe fördern, in denen aktive Mobilität möglich ist und deren aktive Erdgeschosszonen Leben und Arbeiten in der Stadt unterstützen.

Der Verein Zinzengrinsen hat die Ergebnisse unserer Lehrveranstaltungen mit großem Interesse aufgenommen. Ob sie tatsächlich eine Umsetzung erfahren werden?

Auf Basis der aktuellen Verkehrsentwicklungen (also post-lockdown) kann man die Befürchtung entwickeln, dass die Fixierung auf das Auto als die primäre Mobilitätsform nach der Krise ungebrochen bleiben, oder sogar noch stärker werden könnte. Sollten sich die Fahrgastzahlen des unter der Pandemie stark in Mitleidenschaft gezogenen öffentlichen Nahverkehrs nicht wieder stabilisieren, besteht einerseits die Hoffnung, dass ehemalige Öffi-Fahrer*innen sich zukünftig aktiv mit dem Rad oder zu Fuß fortbewegen. Andererseits steht dem aber die Befürchtung gegenüber, dass sich eben diese zukünftig häufiger für den privaten PKW entscheiden. Das Bild des Autos als sicherer, privater Raum könnte durch die Angst vor COVID-19 zusätzlich gestärkt, und der Kampf um den öffentlichen (Verkehrs)Raum noch unerbittlicher werden.

An dieser Stellen geben einander neue und alte Normalität in Graz die Hand und der Kreis schließt sich tatsächlich: Wer traut sich, dem menschengerechten öffentlichen Freiraum den Vorrang zu geben?

Hier geht es zu Teil 1 des Beitrages…

Temporäre Spielstraßen

(Foto 10.05.2020: Stefanie Hennecke)

Beitrag von Stefanie Hennecke

Seit Anfang Mai können im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg an Sonntagen Straßen temporär für den Autoverkehr gesperrt werden, um während der pandemiebedingten Einschränkungen zusätzliche wohnungsnahe Freiräume in dicht bewohnten und mit Freiräumen unterversorgten Stadtquartieren anbieten zu können. Für eine Testphase bis Mitte Juni können in diesem Bezirk 19 solcher temporärer Spielstraßen von interessierten Anwohner*innen beantragt werden, inzwischen ermöglichen auch andere Bezirke wie Neukölln oder Pankow diese Möglichkeiten. Bedingung für die Genehmigung ist, dass sich ausreichend freiwillige Helfer*innen als „Kiezlots*innen“ dazu bereit erklären, ehrenamtlich die Straßensperrung zu überwachen.

Für die Zeit der Sperrung ist die Durchfahrt für Autos aber auch für Fahrräder nicht erlaubt. Bereits in den gesperrten Straßenabschnitten parkende Autos können begleitet von den Kiezlots*innen bei Bedarf wegfahren.

(Fotos 10.05.2020: Stefanie Hennecke)

Nach den Pop-up-Radwegen ist diese Möglichkeit der temporären Spielstraße ein zweiter Schritt, wie Berliner Bezirke die Umverteilung des Straßenraums aktiv vorantreiben. In einer dritten Stufe ist seit dem letzten Maiwochenende auf Antrag die temporäre Sperrung von Straßenteilstücken für ein Wochenende auch dann möglich, wenn sich Gastronomiebetreibende zusammenschließen und gemeinsam beantragen, Bürgersteig und Fahrbahn für die Außenbestuhlung nutzen zu wollen.

Die Umverteilung des Straßenraums in Berlin ist auch Gegenstand einer wissenschaftlichen Studie der TU Berlin und des Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC), die die ethischen Aspekte dieser Frage beleuchtet und an verschiedenen Beispiel-Szenarien für Berliner Straßen diskutiert.

Beim Besuch einer temporären Spielstraße nähe Südstern in Berlin am 10.5.2020 fielen mir zwei freiraumplanerisch relevante Aspekte ins Auge:

Delegation an Freiwillige

Die temporären Spielstraßen stehen und fallen mit der Bereitschaft ehrenamtlicher Helfer*innen, ihre Freizeit in Warnwesten an Straßenabsperrungen zu verbringen. Weder Polizei- noch Ordnungsamtkräfte waren vor Ort, um den Verkehrsversuch zu regulieren. Damit steht das Projekt auf sehr wackeligen Füßen und trägt den Charakter eines Zugeständnisses der Stadtverwaltung an einige Aktive. Eine politische Wende in der urbanen Verkehrspolitik manifestiert sich darin noch nicht. Ein weiteres Detail macht die Tendenz deutlich, die Sorge und Aushandlung um die Nutzung um den öffentlichen wohnungsnahen Freiraum als Angelegenheit der Anwohner*innen zu verstehen. Für die Zeit der temporären Sperrung wurde den Kiezlots*innen auch ein Schlüssel für die Öffnung von Hydranten überlassen, so dass Anwohner*innen die Gelegenheit nutzen konnten, Straßenbäume und öffentliche Freiflächen selbst zu wässern. Auch die öffentliche Pflege wird so in die Freiwilligkeit hineindelegiert.

(Foto 10.05.2020: Stefanie Hennecke)

Konflikt Fuß- und Radverkehr

Die Kiezlots*innen berichteten, dass die größten Konflikte mit Radfahrer*innen ausgetragen werden mussten, die sich weigerten, in der temporär gesperrten Zone vom Fahrrad abzusteigen und zu schieben. Offenbar fühlt man sich als Radfahrer*in intuitiv auf der Seite der „Guten“ in der Verkehrswendediskussion und sieht sich von Verkehrsversuchen zu Gunsten des Spiel- und Fußverkehrsnutzung nicht angesprochen. Ich habe dieses Phänomen an mir selber festgestellt, als ich zunächst ganz selbstverständlich in die Spielstraße hineingeradelt bin. Das unbeschwerte Kreuz- und Querrennen zwischen Hauszugang und Fahrbahn vor allem von Kindern ist aber nur möglich, wenn kein schneller Querungsverkehr, auch nicht von Fahrrädern, zur Gefahr wird. Erst unter dieser Bedingung kann der neue Freiraum Straße in ähnlicher Weise wie eine Wiese im Park genutzt werden.

Dass das Miteinander von Fuß- und Radverkehr im enger werdenden urbanen Straßenraum zu Konflikten führt, ist offensichtlich und wird z. B. vom Interessenverband des Fußverkehrs Fuß e.V. intensiv thematisiert. Die Aushandlung zwischen den verschiedenen Interessen aufgrund verschiedener Geschwindigkeiten muss geführt werden. Das kann aber immer nur in Relation zu dem sehr viel größeren und lebensgefährlicheren Konflikt zwischen Autoverkehr auf der einen und Fuß- und Radverkehr auf der anderen Seite diskutiert werden. Stünden in den Spielstraßen keine überdimensionierten und damit die Sicht behindernden Autos herum, wäre die Gefahr nämlich sehr viel geringer, dass Fuß- und Radverkehre kollidieren. Auch in Parkanlagen kommt das nur selten vor. 

Geschlossene Bildungsfreiräume

(Foto 19.April 2020: Stefanie Hennecke)

Beitrag von Stefanie Hennecke

Weltweit wurden Schulen, (Volks-)Hochschulen und Universitäten im analogen Raum geschlossen und verlegten den Unterricht die digitale Welt.

(Fotos 19. und 20.April 2020: Stefanie Hennecke)

Inzwischen werden die Gebäude für den Unterricht und den Prüfungsbetrieb nach und nach wieder geöffnet. Die Forderung nach einem Abstand von 1,5 Metern stellt die verantwortlichen Direktorien aber vor große raum-logistische Herausforderungen. Zeitlich versetzte Pausen, Markierungen auf dem Schulhofgelände mit der Anweisung, ausschließlich innerhalb der Kreidekreise zu stehen und ein Einbahnstraßensystem beim Betreten, Durchqueren und Verlassen der Schule sind die Konsequenzen für die Freiräume auf dem Schulgelände. Das vor der Schule abgestellte Fahrrad kann nur durch einen Spaziergang außen rund um die Schule wieder erreicht werden.

(Fotos Mai 2020: Gregor Hennecke)

Rituale des Bringens und Abholens der Grundschulkinder durch Eltern werden aus hygienischen Überlegungen untersagt.

(Fotos 10.05.2020: Stefanie Hennecke)

Wie das bisherige Raummodell Schule und Hochschule in absehbarer Zeit unter der 1,50-Meter-Abstandbedingung wieder in Betrieb genommen werden kann, bleibt weiterhin völlig unklar. Das sind keine optimistisch stimmenden Aussichten für das kommende Schuljahr und Wintersemester. Vielleicht inspirieren sie aber Planer*innen zu neuen Schulraumkonzepten diesseits des digitalen Raums?

Tutto andrà bene

(Foto: Daniel Münderlein)

Irgendwann werden Historiker fragen: Was haben die Leute im Jahr 2020 gedacht, wie sie aus dem Zustand des „cocooning“ herauskommen wollen, in den sie durch Covid-19 geraten waren, und wie sie dann künftig leben wollen? Forscherinnen könnten in Regierungsmitteilungen und Medienberichten nach Antworten suchen und dort zum Großen und Ganzen fündig werden. Sie werden Einiges über Visionen für eine nachhaltige Zukunft lesen, über innovative Beteiligungsformate, über die Bedeutung von Wissenschaft, über Zukunftsräte und „Futures Literacy“ als Schulfach (Stefan Brandt, Direktor des ‚Futuriums‘, in seinem Beitrag „Jetzt die Zukunft erfinden“, DIE ZEIT, 22, 20.05.20, S. 37).

Na, das klingt ja wunderbar, finden die Historiker. Aber die Frage ist doch, was haben die Leute wirklich gedacht, im Dorf, in der Stadt? Wie sah es damals hinter den Kulissen aus, hinter den Bühnen, auf denen die große Erzählung gemeinschaftlich bewältigter Bedrohung aufgeführt wurde? Als das alles beherrschende Thema sich in mehrere Teile aufzulösen begann und Freigang wieder erlaubt war, haben die Leute dann begonnen nicht mehr nur von Tag zu Tag zu denken, mehr zu tun als gelegentlich gemeinsam zu singen? Haben sie damals damit begonnen, was Fotos von breiten Gängen zwischen Biertischen und Parkbänken nahelegen, Abstand als neuen Ausdruck menschlicher Nähe zu verstehen? Wie erklären sich unsere Historikerinnen Befunde verschiedener Video-Clips, wo Menschen gemeinsam spazieren gehen, im Abstand von zwei Metern zueinander, wo Tanz- und Fitness-Studios öffentliche Plätze in Beschlag nehmen, die mit Klebestreifen in Zweimeterraster eingeteilt sind, sich so den öffentlichen Raum mit Straßenmusikern und Straßenkünstlerinnen teilen, und zwar selbst in Ländern, wo Tanzen im Freien, anders als etwa in Argentinien und China, vor dem Jahr 2020 unüblich war?

Bei ihrer Suche nach Erklärungen könnten unsere fiktiven Geschichtswissenschaftlerinnen bei Durchsicht von Immobilien- und Finanzmitteilungen fündig werden. Unter dem Titel „Wie Deutschland während des Lockdowns shoppt“ veröffentlichte zum Beispiel eine eBay GmbH (28.05.2020) Ergebnisse ihrer Marktbeobachtungen und machte anhand veränderten Konsumverhaltens neue „Post-Lockdown-Lifestyles“ und Trends zu „einer neuen Outdoor-Quality-Time“ aus, die, so die Schlussfolgerung, dauerhaft eine wichtige Rolle spielen dürften. Zugelegt hatten, nachdem sich anfangs alle mit Papier (rätselhaft) und Desinfektionsmitteln (nachvollziehbar) eingedeckt hatten, „post-lockdown“ vor allem Fitnessgeräte und -kurse aller Art (sind das Leute, die meinen das Virus kommt nicht ins Haus?), Freizeit- und Sportgeräte, Fahrräder, Fahrradzubehör, usw. (vermutlich Leute, die sich im Freien vor Ansteckung sicher fühlen). In der Immobilienwirtschaft, so legen Anzeigen von Maklerbüros nahe, lassen sich ab Mitte des Jahres 2020 Trends beobachten, wonach sich Teile des Privat- und Arbeitsalltags wandeln und Menschen ihre Ansprüche an Wohnen, Arbeiten und Freizeitangebote dauerhaft ändern („Spielzimmer, Kino, Gemüsegarten“ von Sven Odia, FAZ Nr. 124, 29.05.20, Seite 13). Neben der Nachfrage nach flexiblen Raumaufteilungen in Wohnung, Haus und Garten zeichnen sich Trends zunehmenden Interesses an gemeinschaftlich zu organisierenden und zugleich individuell auszuübenden Tätigkeiten ab, wie (große Überraschung) das Gärtnern, das „Walking“, der gemeinsame Lauftreff, das Picknick in kleinen Gruppen. Die Lage ist, wie immer bei Immobilien, ausschlaggebend; im Wert steigen der Zugang zur Grünanlage und zum vielfältig nutzbaren Stadtplatz, die Nähe zu Naherholungsgebieten und Naturparks, und, wo möglich, die Verfügbarkeit eines Obst- und Gemüsegartens.

Nicht zu vernachlässigen ist, wie unsere Historiker herausgefunden haben, die Wetterberichte im Laufe der Zeit zu verfolgen. So lassen sich im Jahr 2020 interessante Beziehungen zwischen „Outdoor-Quality-Time“, Wärme und Sonnenschein ausmachen. Ob dieses Beziehungen sind, die dauerhaft gut gehen können?

Stadttiere oder Tierstädte?

Gastbeitrag von Mieke Roscher

(Foto 19.5.2020: Mieke Roscher, Bremen)

Letztes Jahr hat unsere Vermieter den Hinterhof „hübsch“ gemacht, ein paar Zierbeete angelegt und vor allem einen kleinen Baum in die Mitte des Hofes gepflanzt. Dieses Frühjahr sind dort zwei dicke Tauben eingezogen, eigentlich viel zu schwer für das zarte Bäumchen, aber sie schätzen wohl, dass der Hof nicht oft genutzt wurde und der Vermieter in Berlin im Corona-Lockdown ausharrte. Der Vermieter, so viel sei verraten, war bei seiner Inspektion jetzt nicht mehr so begeistert. Rotkehlchen wären schön gewesen, hätten wahrscheinlich auch in sein ästhetisches Empfinden eines Bremer Hinterhofes gepasst, auch Meisen wären wohl eine Zierde gewesen, aber nicht Tauben. Dabei hatten die nur die Gelegenheit am Schopf gegriffen, einmal nicht verjagt zu werden und sich einen schönen Platz gesucht, 200 Meter Luftlinie zur Weser, Grünanlagen nebenan, Katzendichte überschaubar. Was will „Taube“ mehr.

So wie diese Tauben scheinen auch andere Tiere die Gunst der Stunde einer Menschenwelt in Quarantäne genutzt zu haben, um mehr oder weniger attraktive Orte aufzusuchen, zu erkunden oder gar zu besetzten, die für sie eigentlich nicht vorgesehen waren. Bilder von Bergziegen in walisischen Dörfern, die damit beschäftigt sind die Grünrabatten zu stutzen, Pumas, die in Santiago de Chile Parkhäuser erkunden, Coyoten, die die verlassen Straßen von San Francisco und Chicago auf der Suche nach Beute durchstreifen, machten die Runde.

Anders als unser Vermieter sind aber die meisten Menschen entzückt darüber, dass plötzlich Rehe, gar nicht mehr scheu, vor ihren Fenstern die Blumen abfressen oder freuen sich über Affen, die auf Thailands Straßen geradezu zügellos ihrem animalischen Wesen freien Lauf lassen . Sie werden nicht nur geduldet. Es scheint etwas Tröstendes darin zu liegen, dass wenigsten die Tiere noch ihren Spaß haben.

Vor gut 20 Jahren hatten die Kulturgeografen Chris Wilbert und Chris Philo von den sogenannten „Animal Spaces“ und „Beastly Places“ gesprochen und unter ersteren die den Tieren vom Menschen zugewiesenen Orte und Landschaften verstanden, also die Tierparks, die Weiden und Ställe, aber auch die Laboratorien und Schlachthäuser. Beastly Places sind hingegen jene Orte menschlicher Nutzung und Planung, die sich Tiere selbst aneignen.

Vor Corona waren die Posterchildren dieser Beastly Places wohl die von Wildschweinen in Berlin gründlich durchgegrabenen Vorgärten oder die von Waschbären in Kassel geräuberten Mülltonnen. Mit dem Lockdown, der in Deutschland natürlich nie ein solcher war, aber wir leben nun mal in einer globalen Welt und da wird gerne das Worst-case Vokabular übernommen, schien sich die ganze Welt in Beastly Places zu verwandeln. Zumindest suggerierten dies die Bilder, die aus den wirklich vom Lockdown betroffenen Gebieten über die Medien auf allen Kanälen zu uns kamen. Dass Tiere dabei die Ordnung des von Landschaftsgärtner*innen, Landschaftsarchitekt*innen und Hobbypflanzer*innen geplanten Ideals einer Menschenstadt mitunter sichtbar durcheinanderbrachten, wurde, außer von den unmittelbar Betroffenen, vor allem mit Amüsement, Heiterkeit und Wohlgefallen aufgenommen. „Das sind die Bilder, die wir momentan brauchen“, entfuhr es mehr als einmal Moderator*innen durchaus seriöser Nachrichtensendungen. Bilderstrecken gab es auch in vielen Zeitungen und Zeitschriften (etwa beim Guardian oder in National Geographic).

Solche Züge nahm die Vorstellung einer Welt an, die zwar aus den Fugen geraten zu sein scheint, aber in der immerhin die Tiere ihre Freude haben, dass bald gefälschte Bilder zirkulierten die vortäuschen sollten, dass nun endlich wieder Delfine in den Lagunen Venedigs zu sehen wären oder dass Elefanten in chinesischen Teeplantagen ihren Rausch ausschlafen würden. Schnell gab es offensichtliche Überzeichnungen, etwa die Darstellung von sogenannten Spreedelfinen.

Was hier zu beobachten ist, ist einerseits eine Hoffnungsnarrative, in der in der tierlichen Aneignung menschlicher Räume eine Rückkehr in eine normalere, natürlichere Zeit suggeriert wird, mit der der Corona-Pandemie also etwas Gutes abgewonnen werden soll, anderseits, und dass zeigen insbesondere die Überzeichnungen auf eine humorvolle Art und Weise, dass sich die Natur die von Menschen zu lange dominierte Welt zurückholen würde.

Diese Vorstellung ist natürlich nicht nur positiv beladen. Jede Menge Horror- und Apokalypsefilme beginnen genau mit so einem Szenario. Von Planet of the Apes zu 28 Days later oder I am Legend. Die Welt ist radikal von Menschen entvölkert, überlebt haben aber die Tiere, Halbwesen oder Zombies. In diesem Tabula Rasa-Bild, das nicht Neuanfang, sondern allenfalls totale Vernichtung suggeriert, die sich insbesondere in den Städten zeigt, die nur noch Ruinen sind, gibt es keinen Neuanfang, jedenfalls nicht für die Menschheit: Beastly Places in der Totale. Wie wichtig aber die Verquickung von Raum, Landschaften und Tieren für unsere Vorstellung von Welt ist, zeigt sich in beiden Bildern. Sowohl Ordnung wie Unordnung, Raumaneignung und -verlust lassen sich mit einem tierlichen Gegenüber besser erzählen. Hier in Bremen scheint zumindest vorübergehend wieder Ordnung eingezogen zu sein. Die Tauben haben sich jetzt, zur Freude des Vermieters, einen neuen Platz gesucht und in Nachbars Garten neues Domizil bezogen: In den Wipfeln eines Ahorns, außerhalb der Reichweite des Menschen – oder zumindest des Vermieters.

Literatur: Philo, Chris / Wilbert, Chris (2000): Animal Spaces, beastly Places: An introduction, in: Dies. (Hg.), Animal Spaces, Beastly Places: New geographies of human-animal relations, London, S. 1–34.

Ein Stimmungsbild aus Christchurch in Neuseeland

(Foto: Andreas Wesener)

Ein Beitrag von Daniel Münderlein
(Fotos und Hintergrundinformationen wurden freundlicherweise von Andreas Wesener bereitgestellt)

Trotz seiner idyllischen Lage auf der Südinsel von Neuseeland ist die Stadt Christchurch mittlerweile erfahren im Umgang mit Krisensituationen. Bedingt durch tektonische Prozesse wurde Christchurch in der Vergangenheit durch verschiedene Erdbeben erschüttert, welche insbesondere in den Jahren 2010 und 2011 für dramatische stadtstrukturelle Veränderungen sorgten. Der ‚central business district‘ verlor in Folge der Naturkatastrophe um die 800 Gebäude und einige Bereiche der Stadt wurden zu ‚red zones‘ erklärt und aus Sicherheitsgründen vollständig aus der Nutzung genommen. Diese Beschädigungen sowie die Maßnahmen zur Krisenbewältigung resultierten in einem unmittelbaren Verlust von urbaner Qualität sowie einem Gefühl von Leere. Für Christchurch wurde so die Dystopie einer Stadt ohne Stadtzentrum konkrete Realität.

„The feeling of emptiness is overwhelming”

(Wesener 2015, S.2)

Im Umgang mit dieser traumatischen Situation fiel den städtischen Freiräumen rasch eine besondere Bedeutung zu. Improvisierte Aneignungsprozesse, Streetart, temporärer Urbanismus, Pop-up Urbanism sowie organisierte Zwischennutzungen wie Tanzflächen und Gemeinschaftsgärten wurden rasch wichtige Bestandteile einer informellen Krisenbewältigungsstrategie, welche aus der Zivilbevölkerung initiiert wurden und stadtübergreifende Strahlkraft erlangten. Zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen widmen sich diesen Post-Earthquake Phänomenen im Kontext von Resilienzforschung verbunden mit der Frage nach der Widerstandsfähigkeit von Städten und urbanen Gemeinschaften.  Soziale Netzwerke sowie dem Stiften von Sinn durch kollaborative Praktiken und Aneignungsprozesse im Freiraum scheint eine besondere Bedeutung zuzufallen.

Die aktuelle COVID-19 Pandemie in Christchurch reiht sich vor diesem Hintergrund in eine Reihe von Krisensituationen ein und bietet Anschlussfähigkeit an Diskurse, welche städtische Nähe und Dichte kritisch hinterfragen. Zum einen ist stadträumliche Dichte eine Voraussetzung für soziale Interaktionen aber zum anderen erscheint sie im Kontext mit Erdbeben und Pandemien als Risikofaktor. Christchurch orientiert sich in der Krisenbewältigung an dem Motto ‚being together but apart‘ und die Regierung initiierte im Umgang mit COVID-19 einen strickten ‚lock down‘. Neuseeland ist auf Grund seiner isolierten Lage sowie den einzigartigen Ökosystemen besonders empfindlich gegenüber importierten Krankheitserregern oder Viren. Die Regierung handelte unverzüglich und erließ im März ein umfassendes Reiseembargo, welches internationalen Flugverkehr sowie nationales Reisen innerhalb des Landes unterband.  Weiterhin wurden zahlreiche Infektionstests durchgeführt, um ein detailliertes Bild der räumlichen Verteilung der Pandemie zu gewinnen. Die Maßnahmen erweisen sich momentan als effizient und die Infektionszahlen scheinen unter Kontrolle. Über die zukünftige Entwicklung von COIVD-19 sowie die Auswirkungen auf Stadt- und Freiraumplanung wird weiterhin intensiv diskutiert.

(Fotos: Andreas Wesener)