Abstand oder: Das Gefühl für die Distanz

(Foto: Michael Strobl)

Gastbeitrag von Matthias Seidel

Sehr bald, nachdem die Sars-Cov-2-Pandemie Mitteleuropa erreicht hatte, wurde klar: Sich einander nicht zu nahe zu kommen, Abstand zu halten, ist eine der wenigen gesicherten Möglichkeiten, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Als räumliches Maß dafür hat sich in Deutschland eine Distanz von 1,50 m durchgesetzt. Empfohlen waren anfangs kurzzeitig auch 2 m, während gleichzeitig etwa in dem schwer getroffenen Italien wie auch in Österreich 1 m für ausreichend gehalten wurden. Doch hat man sich gesellschaftlich erst einmal auf ein Maß geeinigt, stellt sich tagtäglich die Frage der Umsetzung: Wie kann die Einhaltung dieser Abstandsregeln in der Praxis gelingen? Woran kann jede*r Einzelne sich denn orientieren, um das rechte Maß zu erreichen und dann zu halten? 

Diese Fragen haben mittlerweile insbesondere Ladenbesitzer, im Zuge der schrittweisen Wiederöffnung ihrer Geschäfte, mit Markierungen auf dem Boden beantwortet. Dabei wird jedoch entsprechend dieser spezifischen Situationen immer linear operiert: für eine Reihe von Menschen, die sich geduldig anstellen und dabei einander nicht zu nahe kommen sollen. Was aber ist in der Fläche? Und gar im Raum? 

Aus ganz eigenem Erleben drängten sich mir diese Fragen schon sehr bald auf. Denn trotz des Beginns des Lockdown in Deutschland konnte ich weiterhin einen Vorteil der Erdgeschosszone in Berliner Straßen nutzen – nämlich das Arbeiten am Rande des öffentlichen Raums, quasi auf dem Gehweg. Das hat in jahrelanger Praxis insgesamt zu ganz eigenen Erfahrungen geführt, ist nochmal deutlich anders als Home-Office auf dem eigenen Balkon [wie z. B. im Beitrag von Johanna Niesen zu diesem Blog vom 12. Mai 2020 erwähnt], und könnte an sich den Stoff für einen eigenen Text zu sozialer Kontaktaufnahme und Kontaktpflege aber auch zu Konflikten und Problemlagen des Zusammenlebens im städtischen Raum und Alltag hergeben. 

Für den hier relevanten aktuellen Zusammenhang aber ist die Beobachtung ausschlaggebend, die ich alltäglich vor meinem schon seit Anfang März geschlossenen Ladenlokal machen konnte: Eindeutig ist, dass es den Passant*innen an Erfahrungswerten für Distanzen schlicht fehlt. Kaum eine*r hatte ein „Gefühl“ dafür, was 1,50 m Abstand für räumliches Sich-begegnen tatsächlich bedeutet. Jede*r, der sich mit dem Rad bewegt, hat das leidvoll verinnerlicht, angesichts viel zu nah vorbeirasender PKW und LKW [wo mittlerweile innerorts 1,50 m Abstand vorgeschrieben sind, siehe die jüngste StVO Novelle]. Aber als Fußgänger*in waren solche Distanzgebote im bisherigen Leben gar nicht existent – und sind daher auch nicht erlernt oder eingeübt worden. In den vor Ort geführten Gesprächen mit Nachbar*innen oder Bekannten habe ich das eine oder andere Mal die jeweiligen Einschätzungen mithilfe eines Maßbands oder Zollstocks überprüft. Es ergab sich, dass die meisten 1,50 m wie 2 m empfanden, gemessene 2 m sogar eher wie deren 3…

So ist die Idee entstanden, eine Visualisierung in Form einer Urban Intervention mit minimalen Mitteln vor dem eigenen Arbeits- und Lebensraum anzulegen: Das „Social-Distancing-Grid“. Um eine Orientierung zu bieten, die in alle drei Raumdimensionen greift, wählte ich das Mittel des Rasters: Durch weiße Kreuze aus textilem Klebeband habe ich entlang der Ladenfront sowie in Richtung Bordstein jeweils das Maß von 1,50 m markiert, gemessen von Kreuzungspunkt zu Kreuzungspunkt. So sind 12 Felder [à jeweils 2,25 m²] entstanden. Zusätzlich habe ich das Raster an einer Stelle um ein Kreuz auf 1,50 m Höhe ergänzt. Die Möglichkeit dazu bietet sich an der Straßenlaterne: Sie hat genau 3 m Abstand von der Fassade, sodass sie einen Verweis auf die dritte Dimension passgenau aufnehmen kann. Das Maß auch in die Höhe abzutragen, ist im Umfeld von zu Fuß Gehenden in der Tat auch von Bedeutung: Denn es kommt eben nicht nur im Gespräch mit einem Gegenüber vor – quasi auf Augenhöhe – dass man z.B. feuchter ausspricht, als es einem lieb ist. Für den auf dem Sims des bodentiefen Schaufensters Sitzenden zählt auch, in welcher Höhe die verstärkt vorbeitrabenden [Neo-]Jogger*innen ihre diversen Tröpfchen und Aerosole unwillkürlich absondern. Es wird dabei klar: Der Unterschied von Sitz- zu Laufhöhe ist deutlich zu gering, hinsichtlich des empfohlenen Mindestabstands…

Wie in einer Plangrafik hätte ich nun die Maße auf dem Pflaster eintragen können, um das Verständnis und eine leichtere Zugänglichkeit zur Absicht des Rasterfelds bei den Vorbeigehenden zu fördern. Dabei hätte ich auch noch den Abstand von 2,12 m leicht zeigen können, diagonal von Punkt zu Punkt: Denn bei 1,50 m Seitenlänge ist das dann jener mathematisch leicht zu ermittelnde Abstand [1,5 x 1,41 (Wurzel aus 2) = 2,12]. Doch zugunsten einer weniger didaktischen und vielmehr auf dialogische Erklärungen ausgerichteten Herangehensweise habe ich darauf verzichtet. Zudem erzeugt das Rasterfeld ohne Beschriftung eine leicht rätselhafte Anmutung – und steigert dessen Wirkung eher noch. Nicht zu vergessen, dass sich so auch ein Verweis auf Inhalte ergibt, die es normalerweise hinter der Ladentür zu entdecken gibt: drj art projects ist ein Ausstellungsraum für konzeptuelle und minimale Kunst + Architektur.

So hat das Rasterfeld zudem auch eine perspektivische Funktion für künftige Ausstellungseröffnungen oder dergleichen: Bei Zusammenkünften kleiner bis mittelgroßer Gruppen von Besucher*innen werden sich alle, die sich dann im Freien versammeln, leicht vergegenwärtigen können, welchen Abstand einzuhalten eigentlich sinnvoll ist – selbst wenn das allgemeine Bewusstsein dafür im Alltag derzeit bereits wieder zu verschwinden scheint.

Ithaca, NY, May 14th

Gastbeitrag von David Yearsley

Ithaca, NY (Foto 14. Mai 2020: David Yearsley)

I’ve always thought basketball the most American of sports. Baseball purports to be the “national pastime,” but it is similar to English cricket, indeed, likely derived from it—though sporting patriots contest the claim. Baseball conjures the American agrarian idyll with its grass field (now often artificial) and a pace of play beyond the tyranny of time: the length of the game is not dictated by a clock but goes on until the last player has had his chance. The longest major league game went for more than eight hours.

As the most violent of team sports, football might also seem to draw on forces fundamentally “American.” Its ideology is territorial, militaristic. The Market has weighed in the matter, too: the sport has the most fans, and its professional league is the most lucrative in the world.

But drive across the United States and you’ll see more basketball being played than football, baseball, or soccer. Basketball is the most popular kids sport.

James Naismith, a Canadian transplant to the USA, invented basketball in a YMCA in Springfield, Massachusetts. A physical educator of Christian stamp, Naismith had been charged with devising an activity that would keep unruly kids fit and organized in the harsh winter months. The game should be safe but exertive, communal yet competitive.  Naismith’s most brilliant innovation was to conceive of a goal that could not be directly defended. Instead, he suspended the goal—a wooden fruit basket—out of reach above the heads of the players.  The first game was played under his direction in December of 1891.

In a gym, basketball takes place on hardwood floors, but, weather permitting, it is played outdoors on asphalt. Every schoolyard in the country has an outdoor court that is open even when the school and its gym aren’t.  At these public courts or at your driveway basket you can shoot around by yourself, and if you can find another person you’ve got a game of one-on-one.  It is a more democratic game than baseball: basketball requires less real estate, less equipment, is more accessible. Even if basketball evokes mythic heartland images of a kid on an Indiana farmstead shooting at a basket pegged to a pole, it thrives as an urban game.

Much is made of the importance of jumping in basketball. The soaring heroics of Michael Jordan long ago became a global brand. But mastery with the hands is more important: dribbling, shooting, and—crucially—passing.  That is its crucial difference with what the Americans call soccer:  that global game’s genius derives from (almost completely) denying its players the use of those quintessentially human attributes—hands with opposable thumbs.

Passing has become an ominous word during the pandemic, describing as it does not just communication of a ball but of the virus. Passing a basketball can do both. Thus NBA players were the first to be tested rigorously for Covid-19 in the United States; their special access to these medical services did not go unremarked.

American basketball became a world game long ago. It entered the Olympics in 1936. European, African, and Asian players now join the NBA in ever greater numbers.  In a few years Dirk Nowitzki will be the first German inductee into the Naismith Basketball Hall of Fame in Springfield, Massachusetts.

Cornell University in Ithaca, New York is 400 kilometers directly west from Springfield.  Spread across a bluff overlooking a long, deep lake, the campus has many indoor and outdoor basketball courts.

On Friday, March 13th the university sent its students home.  Many did not have to go extremely far, returning to their families in affluent districts in and around New York City and elsewhere on the Atlantic seaboard. Not all Cornell students come from wealthy backgrounds; there is financial aid for those of limited means. But many pay the full cost, which now runs to around $70,000 per year.

As at universities in Europe and elsewhere in North America, an increasing number of students come from the People’s Republic of China.  Most of them could not get back to China in March and remained in campus dormitories.

Basketball is claimed by many to be the most popular sport in China (and not just by marketers eager to exploit more fully the Chinese market). Kobe Bryant was the most celebrated athlete in the country, and the NBA its most popular professional league. There has been a Chinese league of twenty teams (the CBA) for 25  years, and China has sent a handful of players to the NBA. Americans go to play in China, too. Kenneth Faried, formerly of the Houston Rockets, signed a deal for $4.4 million with the Zhenjiang Lions this past November.

I live in a neighborhood just below the university. When there’s a basketball game going on at the outdoor court on the edge of the campus, I can just about hear the sound of shouting and dribbling—especially when there is no traffic noise, as now during the lockdown. As of March 13th all the university gymnasiums were shut to students, but not the outdoor courts.

Cooped up in their dorms, the Chinese students came out to play. The Upstate New York weather in March was mostly warm and clear. Winter did eventually return: it snowed in Ithaca just last week. But after the shutdown there were plenty of chances for outdoor basketball.

On my afternoon walks I would stop and watch the Chinese play. Many were pretty good, and the games seemed to have enjoyable flow and energy. Occasionally I thought about joining in, but there was the social distancing order, not to mention my old knees.  

These pick-up games continued through March.

At his daily pandemic briefing on April 1st, New York Governor Andrew Cuomo addressed the problem: „I’ve talked about this for weeks. I warned people that if they didn’t stop the density and the games in the playgrounds—you can’t play basketball; you can’t come in contact with each other—that we would close the playgrounds.“ New York City playgrounds were closed that same day.

By early April it was widely being reported that the virus had shut down regular pick-up games across the country, many states less vigorous in their quarantine measures than New York. 

At Cornell red warning tape went up around the courts, but even this did little to discourage the student players from having full-court games or from forming smaller groups at one of the two baskets at either end of the court.

As I walked by the court a few weeks ago I noticed that the metal rims had been removed from the backboards. Clearly a directive from the university administration had come down to dismantle the possibility of having a game. But that afternoon a young Chinese man and two Chinese women were playing nonetheless. They were having a great time: passing, dribbling, shooting up at the basket-less backboard. One had to assume that they had formed a social group throughout the lockdown, so what was the harm in having fun on an otherwise empty court?

I watched them from afar, captivated by their joy in basketball without a basket—a long way from home playing a game without a goal.

Schließung der Goetheanlage in Kassel

Gastbeitrag von Dr. Frank Lorberg, Kassel

Schild an einem Zugang zur Goetheanlage (Foto 01.05.2020: Frank Lorberg)

Die aktuelle Covid-19 Epidemie berührt Fragen zum Selbstverständnis der Freiraumplanung. Im Widerspruch zur paternalistischen Grünplanung, die vorgibt, besser als die von ihren Entscheidungen betroffenen Menschen zu wissen, was diese bräuchten, erhebt die emanzipatorische Freiraumplanung den Anspruch, dass die Menschen selbstverantwortlich mit ihren Freiräumen umgehen können und Planungsämter allenfalls treuhänderisch für die öffentlichen Freiräume zuständig sind. Damit sind die Verfügung über Freiräume, deren Qualität und Brauchbarkeit zentrale Themen der Freiraumplanung. Dieser Anspruch bedeutet in Krisenzeiten, einerseits zu analysieren, wer die Krise wie definiert, d. h. zu fragen, ob das Problem überhaupt besteht, unter welchen Annahmen es plausibel erscheint, oder ob es anders formuliert werden müsste, und andererseits zu beobachten, wie Menschen sich unter den geänderten Bedingungen in Freiräumen verhalten und welche Freiräume sie wozu nutzen, um aus diesen empirischen Analysen planerische Konzepte zu entwickeln, die die Handlungsmöglichkeiten der Menschen in Freiräumen unter den spezifischen Bedingungen der Krise erweitern. Dazu bedarf es unter anderem der Kritikfähigkeit, die vor allem aus Beobachtungsgabe, Kreativität und Vernunft besteht.

Erfreulicherweise wurden, nachdem die Hessische Landesregierung am 04. Mai 2020 die Sperrung von Spielplätzen aufgehoben hatte, in Kassel die Goetheanlage und der Stadthallengarten wieder geöffnet. Die Grünanlagen waren über anderthalb Monate lang für Nutzer*innen verschlossen. Was war geschehen? In Reaktion auf Covid-19 wurden am 16. März 2020 in Deutschland die Schulen geschlossen, was für die meisten Schüler*innen schlicht schulfrei bedeutete. Da die Tage sonnig und für die Jahreszeit ungewöhnlich heiß waren, strömten viele Jugendliche in die Grünanlagen. So auch in Kassel. In der Goetheanlage im Vorderen Westen, dem Stadtteil Kassels mit der höchsten Einwohner*innendichte und wenigen privaten Freiräumen, versammelten sich viele junge Leute und feierten am 17. und 18. März bis in die milde Nacht hinein. Da die Versammlungen, die nach der Infektionsschutzverordnung verboten sind, von der Polizei nicht dauerhaft aufgelöst werden konnten, ließ die Stadtverwaltung am 19. März die gesamte Grünanlage für alle Bewohner*innen sperren und untersagte ebenso den Zutritt zum Stadthallengarten. Damit waren zwei wichtige Grünanalgen im Vorderen Westen für Nutzer*innen verschlossen, während der Aschrottpark und das Tannenwäldchen, die sich auf den Kuppen von zwei Hügeln befinden, geöffnet blieben. Diese weiterhin zugänglichen Grünanlagen verfügen im Unterschied zu den gesperrten Grünanlagen nur über kleine ebene Abschnitte und deutlich weniger Ruhebänke. Trotz dieser geringeren Aufenthaltsqualität hatten die Sperrungen zur Folge, dass Bewohner*innen des Vorderen Westens – Familien, Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Senior*innen – zum Aufenthalt im Freien auf den Aschrottpark und das Tannenwäldchen auswichen. Die Maßnahmen führten letztlich zur Konzentration der Freiraumnutzungen sowohl in den Grünanlagen als auch auf den Gehwegen, da vor allem die gesperrten Grünanlagen gewöhnlich als Durchgangsraum für Fußgänger*innen dienen und von Jogger*innen genutzt werden.

Die Situation auf den zu engen Gehwegen, auf denen der empfohlene Sicherheitsabstand von 1,5 Metern nur schwer einzuhalten ist, wurde und wird immer noch dadurch verstärkt, dass im Straßenfreiraum die Fahrbahnen weiterhin dem Automobilverkehr vorbehalten bleiben und Fußgänger*innen verpflichtet sind, den Gehweg zu nutzen, auch wenn er überfüllt ist. In einem vom Geschosswohnungsbau dominierten Quartier mit hoher Einwohner*innendichte sind wohnungsnahe Freiräume, die vor den Gefahren des Automobilverkehrs geschützt sind, gerade für Familien mit kleinen Kindern wichtig, für die sich nach der Schließung der Grünanlagen die Wege auf den engen Gehwegen verlängert hatten. Die gesperrten Grünanlagen wurden regelmäßig vom Personal des Ordnungsamtes kontrolliert, das Nutzer*innen, die in den annähernd menschenleeren Anlagen unterwegs waren, zum Verlassen aufforderte. Dies ist hinsichtlich der Abstandsregeln widersinnig, da die Wahrscheinlichkeit, das Virus zu verbreiten, hier deutlich geringer ist, als in den rege genutzten Grünanlagen und auf den Gehwegen.

Interessant ist darüber hinaus die Beobachtung, dass in den geöffneten Grünanlagen die Jugendlichen, die dort ebenso wie in der Goetheanlage hätten sich versammeln und feiern können, dies nicht taten. Die Stadtverwaltung hätte also von einem Lernprozess und der Einsicht der Jugendlichen ausgehen können und dementsprechend Goetheanlage wie Stadthallengarten wieder für die Allgemeinheit öffnen können. Dies ist aber nicht geschehen; Stadthallengarten und Goetheanlage blieben fast zwei Monate lang geschlossen. Die Anfrage des Autors vom 21. April 2020 ans Ordnungsamt Kassel nach den Gründen der selektiven Sperrung der Grünanlagen, in dem auch auf die aktuelle Freiraumsituation und auf das verantwortungsbewusste Verhalten der Nutzer*innen hingewiesen wurde, ist bislang nicht beantwortet worden. Wie ist das Verhalten der Stadtverwaltung zu verstehen? Könnte es sein, dass der Stadtverwaltung das Vertrauen in die Einsichtsfähigkeit der Bürger*innen fehlt? Ein Vertrauen, das sie umgekehrt von Bürger*innen für ihre Entscheidungen, die hinsichtlich von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit verantwortungsbewusst getroffen werden sollen, einfordert.

Vertrauen ist ein zentrales Element der Demokratie. Im wechselseitigen Spiel demokratischer Entscheidungen wird politische Macht und das Gewaltmonopol – beides gefährliche Instrumente, wie man aus der Geschichte lernen kann – der Exekutive befristet überlassen und von dieser dem demokratischen Souverän, den Bürger*innen zurückgegeben – immer im Vertrauen, dass die Macht nicht gegen die Demokratie ergriffen wird. Dieses Vertrauen, dass die Bürger*innen eigenverantwortlich mit Macht umgehen können und urteilsfähig sind, scheint auf Seiten der Stadtverwaltung verloren gegangen und durch Disziplinierung und Kontrolle ersetzt worden zu sein. Je länger aber die Einschränkung von öffentlichen Freiräumen dauerten, desto deutlicher regte sich dagegen politischer Widerspruch sowohl implizit im alltäglichen Verhalten der Bürger*innen, indem z.B. immer mehr Menschen die gesperrte Goetheanlage betreten haben, als auch explizit in fachlichen und planungspolitischen Diskussionen über die Notwendigkeit von Freiräumen – gerade in Zeiten von Epidemien.

Das Post-Corona Zeitalter?!

Beitrag von Daniel Münderlein

Aktuell sind verschiedene Lockerungen im Umgang mit der Covid-19 Pandemie zu beobachten, welche für viele Menschen als Indiz für die erhoffte Rückkehr zur Normalität aufgefasst werden. Trotz allem bleibt die Frage bestehen, wann die Corona wirklich vorbei sein wird und welche Welt uns danach erwartet.  Hinsichtlich der zeitlichen Entwicklung der Pandemie existieren unterschiedliche Prognosen.

Gemeinhin wird vermutet, dass erst die Fertigstellung der Impfstoffentwicklung einen wichtigen Meilenstein im Umgang mit Corona darstellt. Auch die Erlangung von Herdenimmunität, also der Erkrankung und Genesung von einem größeren Teil der Bevölkerung, könnte einen bedeutsamen Schritt auf der Rückkehr zur Normalität darstellen. Wie lange nun die Einführung eines Impfstoffes auf sich warten lässt oder die Ausbildung von Immunität in größeren Teilen der Bevölkerung andauert, vermag aktuell wohl niemand zu prognostizieren. Dies liegt zum einen an dem hohen Infektionspotential von Corona und zum anderen begründet es sich aus dem grundsätzlichen Charakter von Pandemien. Diese sind in ihrer Natur und in ihrem Verlauf einzigartig und können daher auch nicht auf der Grundlage von Erfahrungswerten beurteilt werden. So kann auch der mögliche Erfolg von Eindämmungsmaßnahmen, wie dem ‚Phyiscal Distancing‘ und die, auf diesem Blog umfangreich dokumentierte, Einschränkung der Nutzung des öffentlichen Raumes nicht konsequent evaluiert werden, da keine entsprechenden Vergleichswerte existieren.  

In Anbetracht dieses gesellschaftlichen Schwebezustandes und des aktuellen Ausnahemodus hat es sich das Zukunftsinstitut zur Aufgabe gemacht, über die Welt nach Corona nachzudenken. Zu diesem Zweck werden verschiedene Zukunftsbilder entwickelt, welche mögliche „Zukünfte“ in einem Post-Corona Zeitalter beschreiben.

  • Szenario 1: Die totale Isolation – Alle gegen alle
  • Szenario 2: System-Crash – Permanenter Krisenmodus
  • Szenario 3: Neo-Tribes – Der Rückzug ins Private
  • Szenario 4: Adaption – Die resiliente Gesellschaft

(Quelle: Nach Corona: Kommt die resiliente Gesellschaft?)

Beitrag „Nach Corona: Kommt die resiliente Gesellschaft?“ (Bildschirmfoto: Daniel Münderlein)

Methodisch stützt sich das Institut weniger eine Prognose von Unvorhersehbarem, sondern auf eine gedankliche Rückschau aus der Zukunft in die aktuelle Gegenwart. Mit dieser Betrachtung in Form einer Re-Gnose geht nicht nur die aktuell verbreitete Identifikation von Gefahren, Risiken und Probleme einher, sondern es gelingt auch ein optimistischer Blick in die Zukunft. Dieser beruht zum Beispiel auf einem Sprung in der Weiterentwicklung und Etablierung von digitalen Kulturtechniken und digitalen Bildungsangeboten, sowie in einer Neugewichtung des multilokalen Arbeitens. Auch eine Wiederzuwendung zu lokalen Wirtschaftsressourcen und kurzen Wertschöpfungsketten wird diskutiert. Für den Erholungssektor könnte das Post-Corona Zeitalter die Reduzierung von Fernreisen sowie die Wiederentdeckung von regionalen Erholungsangeboten und -destinationen bedeuten.

In der entsprechenden Publikation des Zukunftsinstituts wird Corona als Möglichkeit aufgefasst, sich intensiv mit der Zukunft bzw. möglichen „Zukünften“ auseinander zu setzen und sich zu vergegenwärtigen, dass die pandemische Tiefenkrise nicht zwangsläufig eine Schockstarre sein muss. Als gesellschaftlicher Schönheitsschlaf betrachtet, bietet diese verschiedene Optionen zur Entwicklung neuer zukunftstauglicher Visionen sowie der Reinterpretation aktueller ökonomischer, ökologischer und sozialer Narrative.

Anders Demonstrieren

Beitrag von Stefanie Hennecke

(Bildschirmfoto 24.4.2020: Stefanie Hennecke)

Eine wichtige politische Funktion des öffentlichen Freiraums ist derzeit außer Kraft gesetzt. Er darf seit Mitte März in Deutschland nur noch sehr eingeschränkt als Ort des politischen Protestes genutzt werden. Auch wenn die Nutzung für Demonstrationen in der Geschichtsschreibung der öffentlichen Parks und Plätze oft eine Randnotiz ist, die meist eher die entstandenen Schäden an Hecken und Rasenflächen betont als den gesellschaftlichen Mehrwert der Möglichkeit der Ausübung demokratischer Grundrechte auf unverbauten innerstädtischen Flächen, so ist Möglichkeit der Versammlung zum politischen Meinungsaustausch doch ein konstituierendes Element für öffentliche Grünflächen.

Hennecke, Stefanie 2012: Der Park als politischer Raum – Ein Rückblick auf Nutzungskonzepte und Nutzungsgeschichten öffentlicher Parkanlagen. In: Stadt + Grün/Das Gartenamt, 61. Jg., Februar 2012, S. 7-12.

Das Demonstrieren im öffentlichen Raum wurde in den ersten Erlassen zur Bekämpfung der Pandemie in Deutschland seit Mitte März mit dem Verweis auf einzuhaltende Abstandregeln weitgehend untersagt. Mit den Lockerungen sind seit dem 20. April 2020 nun in einigen Bundesländern wieder Versammlungen von bis zu 50 Personen erlaubt, wenn Abstandsregeln eingehalten werden.

Am 1. Mai 2020 wurde zum Tag der Arbeit unter diesen Bedingungen in vielen Städten kleinere Demonstrationen im öffentlichen Raum abgehalten, einige Gruppen verlegten das Demonstrieren ins private Auto und veranstalteten einen Autokorso (Pressemitteilung Berlin 30.4.2020). Der Deutsche Gewerkschaftsbund hielt seine Großdemonstration allerdings im Internet ab (DGB).

Auch der schon seit Langem für den 26. April 2020 geplante globale Klimastreik von Fridays for Future wurde als Internetdemonstration durchgeführt (siehe Bildschirmfoto des Livestreams). Die Bewegung Fridays for Future (FFF) entwickelte sich aus dem individuellen Schulstreik, den die schwedische Schülerin Greta Thunberg im August 2018 begann. In Deutschland wurde FFF im März 2019 zu einer großen Schulstreik- und Demonstrations-Bewegung und entfaltete ihre bisher größte Mobilisierungskraft zum Globalen Klimastreiktag am 20. September 2019 mit weltweit mehreren Hundertausenden Teilnehmer*innen in vielen Städten. Jetzt sind die Schulen geschlossen, können also nicht bestreikt werden und die Möglichkeit für öffentliche und medienwirksame Massenproteste ist ausgesetzt. Der globale Klimastreik wurde am 26. April 2020 also ins Internet verlegt und die Teilnehmer*innenzahl über Netzklicks während des Livestreams und Voranmeldungen in einem Internetportal ermittelt.

Stellvertretend für die Menschen legten die Aktivisti*innen auf  der Wiese vor dem Reichstag in Berlin als Zeichen des Massenprotests 15.000 vorab von Protestierenden selbst gefertigte, gesammelt ausgedruckte und für 24 Stunden in Quarantäne genommene Plakate aus, die über Drohnenfotos ein Gefühl der Vielen im Regierungsviertel erzeugten. Die physische Präsenz im analogen Raum scheint für das Demonstrieren nicht verzichtbar (Internetauftritt FFF).

Eine ähnliche Stellvertreterdemonstration fand bundesweit am 24. April mit Stühlen statt, die Gastronomiebetreiber*innen auf öffentlichen Plätzen aufstellten, um auf die ihre wirtschaftliche Existenz bedrohende Lage aufmerksam zu machen. (z. B. Berichterstattung im WDR)

Die Bilder dieser Demonstration wecken Erinnerungen an die Aufstellung von frei beweglichen und kostenfrei nutzbaren Stühlen im öffentlichen Raum, wie es in den 1970er Jahren beliebt war. Inzwischen sind etwa die weißen mit Metalldraht bespannten die Stühle, die man sich je nach Sonnenstand und Gruppengröße platzieren konnte, vom Marienplatz in München längst verschwunden. Sie würden den dichten Strom der Menschen in der überfüllten Fußgängerzone nur behindern. In Zürich auf dem Sechseläutenplatz wurden in den letzten Jahren aber neue robuste und frei verstellbare „öffentliche Stühle“ aufgestellt.

Die von der Gastronomie im öffentlichen Raum angebotenen Sitzgelegenheiten sind hingegen immer mit der Pflicht zum Konsum verbunden. Hier entzünden sich seit vielen Jahren intensive Diskussionen über den öffentlichen Raum und seine Kommerzialisierung oder Rückeroberung …

(Bildschirmfoto 24.4.2020: Stefanie Hennecke)

Alles wird gut, wir bleiben zu Hause

Beitrag von Stefanie Hennecke

(Foto 05.04.2020: Matthias Seidel)

In einem Berliner Miethaus der Gründerzeit ist Anfang April 2020 neben einem von Kindern ausgemalten Regenbogenvordruck zu lesen: „Alles wird gut. Wir bleiben zuhause“. Der Regenbogen schwebt über einem Einfamilienhaus im Grünen.

(Foto 05.04.2020: Matthias Seidel)

Die Kombination von Bild und Text mutet wie ein Abgesang auf die Errungenschaften der modernen Freiraumplanung an. Dass alle Kinder unabhängig vom Einkommen der Eltern oder dem Geschlecht in der dichten Stadt im Freien spielen können, ohne Aufsicht aber dennoch sicher etwa vor den Gefahren des zunehmenden Verkehrs, war seit dem beginnenden 20. Jahrhundert eine zentrale Begründung für die Einrichtung von Spielplätzen und öffentlichen Parkanlagen. Die Freiraumplanung sieht es seit ihren Anfängen als eine ihrer Aufgaben an, die gerechte Verteilung und angemessene Ausstattung der grünen Infrastruktur für das verdichtete Wohnen einzufordern.

Das Gegenmodell dazu, das Einfamilienhaus im Grünen, ist zwar nach wie vor der Wunschtraum vieler. Unbestreitbar ist aber auch, dass dieser Wunschtraum notwendigerweise einer kleinen Minderheit vorbehalten bleiben wird, im Angesicht des Klimawandels nicht nachhaltig ist und für die große Masse das Wohnen anders organisiert werden muss. Dass mit dem Ziel der Eindämmung der Covid-19-Pandemie das „Zuhausebleiben“ eine Zeitlang für sinnvoll erachtet wird, ist nachvollziehbar. Dass dieser Akt der Selbstbeschränkung aber mit dem Regenbogen über dem romantischen Häuschen aus vergangenen Zeiten sowie der Hoffnung auf das umfassende „Gutwerden“ verbunden wird, macht besorgt. Ebenso dass diese Aussagen den ausmalenden Kindern in den Mund gelegt werden. Die demokratischen Errungenschaften des grünen innerstädtischen Freiraums sollten nicht mit so lieblichen und letztlich elitär-konservativen Bildbeigaben in Quarantäne genommen werden.

Science-Fiction-Motive im Corona-Alltag

Beitrag von Friederike Meyer-Roscher

15 Feuerwehr- und Polizeiautos fahren am 21. März 2020 durch München und eine Computerstimme ermahnt die Anwohner*innen über einen Lautsprecher, zu Hause zu bleiben:

„Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, derzeit gelten strenge Ausgangsbeschränkungen. Bleiben Sie zu Hause. Der Gang zur Arbeit, zum Arzt oder zum Lebensmitteleinkauf ist weiterhin möglich. Zuwiderhandlungen werden hart bestraft“ (Bericht auf www.br.de)

(Video 21.03.2020: Friederike Meyer-Roscher)

Das erinnert an Lautsprecherdurchsagen, wie Sie in Science-Fiction-Filmen vorkommen. Typischerweise werden sie in den Filmen von automatisierten Fahrzeugen oder Robotern verbreitet, die sich durch die regnerischen oder von Smog belasteten Straßen der Megacities bewegen und bei Zuwiderhandlungen unmittelbar bestrafend eingreifen.

So beispielsweise in einer Szene aus Blade Runner 2049 (USA 2017, Regisseur Denis Villeneuve, Timecode 00:15:15, EAN 4 030521 748446, deutsche Sprache): Die Gasse ist fast menschenleer, es regnet stark und ist neblig, die Computerstimme eines massiven Fahrzeugs befiehlt in Dauerschleife: „Achtung, Abstand halten!“

Ein weiteres Beispiel findet sich im Science-Fiction-Film Elysium, als der Hauptdarsteller auf dem Weg zur Arbeit ist. (USA 2013, Regisseur Neill Blomkamp, Timecode 00:05:59, EAN 4 030521 730649, deutsche Sprache). Die Lautsprecherdurchsage fordert: „Bitte bilden Sie eine geordnete Schlange. Ihr Bus ist da.“ Der Hauptdarsteller wird etwas später in der Schlange stehend von Robotern kontrolliert und zeigt nicht umgehend den Inhalt seines Rucksacks. Daraufhin wird er mit Gewalt dazu gezwungen: „Bürger zeigt zivilen Ungehorsam. (…) Die Null-Toleranz-Regel gilt für alle Bürger.“

Auch andere dystopische Aspekte der eingeschränkten Freiraumnutzung erinnern an Motive des Science-Fiction-Films: In vielen bekannten Einstellungen sind ganze Städte weitestgehend verwaist wie in Kampf der Welten (USA 1953, Regisseur Byron Haskin)/Krieg der Welten (USA 2005, Regisseur Steven Spielberg)/I Am Legend (USA 2007, Regisseur Francis Lawrence).

In anderen Science-Fiction-Filmen hat sich die Natur die anthropologisch geprägten Räume bereits zurückerobert wie in Oblivion (USA 2013, Regisseur Joseph Kosinski) oder After Earth (USA 2013, Regisseur M. Night Shyamalan). Hier sind in der Handlung immer Naturkatastrophen oder Invasionen vorangegangen.

In dem 2009 erschienen Film Surrogates (USA, Regisseur Jonathan Mostow) halten sich die Menschen ausschließlich in ihren Wohnungen auf und gehen aus Sicherheitsgründen nicht mehr in den Außenraum. Lediglich ihre Surrogates (Roboter, die sie mit ihren Gedanken steuern) bewegen sich im öffentlichen Raum. Die Emotionen der Surrogates können ihre Besitzer ebenfalls empfinden; der öffentliche Raum wird jedoch nur virtuell wahrgenommen und nicht real.  Ein weiteres typisches Motiv im Sci-Fi ist die Unterscheidung zwischen „arm“ und „reich“ in Bezug auf die Möglichkeiten der Freiraumnutzung. Nur die „Reichen“ können sich grüne private Oasen leisten, wie z.B. in Elysium (s.o.). In den Tagen des Shutdowns seit Mitte März 2020 sind ebenfalls diejenigen im Vorteil, die Zugang zu einem privat nutzbaren Garten haben oder die ein Haus auf dem Land besitzen. In den Münchner Stadtteilen Maxvorstadt, Schwabing oder im Lehel beispielsweise sind wohl viele aufs Land „verschwunden“. Das aktuelle Parkplatzangebot führt zu dieser Vermutung.

Abstandsregeln 2: Gesperrte Spielplätze oder gesperrte Straßen?

Gesperrter Spielplatz in Kassel (Foto: Daniel Münderlein)

Beitrag von Stefanie Hennecke

Eine erste Maßnahme des gesellschaftlichen Shutdown in Deutschland war die Absperrung von Spiel- und Sportplätzen. Mit dem Argument, dass zu viele Menschen bei dem schöner werdenden Wetter die Kontaktvermeidungsgebote missachten würden, wurden Orte des öffentlichen Inkontakttretens gesperrt. Seitdem steht Kindern und Jugendlichen kein speziell für sie gestalteter Freiraum in der öffentlichen Sphäre oder im halböffentlichen Bereich von Vereinssportplätzen oder Schulhöfen zur Verfügung. Diese Einschränkung des real nutzbaren Raumes für den Aufenthalt erscheint paradox, wenn andererseits das Gebot der Stunde ist, Abstand voneinander zu halten.

Die Sperrung von öffentlichen Freiräumen könnte auch noch weitergehen, so die Drohung, wenn sich nicht alle regelgerecht verhalten. So forderte in Berlin die Polizeigewerkschaft die Schließung von Parkanlagen, wenn die Distanzregeln nicht eingehalten werden (Newsblog des Tagesspiegel online am 1.4.2020). Das veraltete pädagogische Modell der „wenn-dann“-Drohung scheint allgemein gesellschaftsfähig und akzeptiert. Gleichzeitig werden aber alle Menschen in Deutschland dazu aufgefordert, sich nach wie vor im Freien aufzuhalten, um die Immunabwehr zu stärken und fit und gesund zu bleiben.

Wie soll das funktionieren?

Aus Perspektive der Freiraumplanung wäre eine alternative Möglichkeit zur immer weiteren Einschränkung von Freiraum über Verbote die radikale Erweiterung des nutzbaren Freiraums. Dies würde auch besser zur gebotenen individuellen Gesundheitsfürsorge passen.

Warum werden nicht alle verfügbaren Freiräume – Sportplätze, Schulhöfe, Spielplätze, Friedhöfe – ab sofort ganztägig geöffnet und zur individuellen Bewegung zur Verfügung gestellt?

Warum werden nicht einzelne Straßen für gewisse Zeiten am Tag oder in der Woche für den motorisierten Individualverkehr gesperrt und für alle, die sich zu Fuß oder zumindest ohne Motor fortbewegen wollen, damit gefahrlos nutzbar? Warum wird dieses Modell bislang nur zaghaft für die temporäre Schaffung von zusätzlichen Fahrradwegen verfolgt? (Siehe dazu Felix Hackenbruck, Tagesspiegel 9.4.2020)

In Kassel sollte am 24. April 2020 eigentlich ein Verkehrsversuch starten (z. B. HNA-Bericht dazu): Für einige Wochen wäre die Untere Königstraße zwischen dem Holländischen Platz und dem Stern für den MIV gespertt gewesen, um den Raum alternativ nutzen zu können. Dieses Experiment wurde wegen der Pandemie abgesagt. Eine Durchführung wäre aber gerade in dieser Zeit ein Gewinn für die Menschen in einem dicht bewohnten Stadtviertel mit nur sehr wenigen öffentlichen Freiräumen gewesen.

Die Stadt New York City hat vorgemacht, dass das geht und sperrte ab Anfang April zeitgleich mit der Schließung der Spielplätze einzelne Straßen für den Autoverkehr, um den Menschen die Möglichkeit des gefahrlosen Aufenthalts im Freien zu ermöglichen (nbc New York).

Die Kontrolle über das Abstandhalten der Individuen voneinander übernimmt gerade der Staat in dem vorwegnehmenden Urteil, dass die Einzelnen sich ansonsten gewiss verantwortungslos verhalten würden. Es käme auf den Versuch an, etwas anderes auszuprobieren.

Abstandsregeln 1: Neue Fahrradwege zur Vermeidung von Ansteckung

Fahrradfahrer halten Abstand in der Karlsaue in Kassel (Foto: Daniel Münderlein)

Beitrag von Stefanie Hennecke

In den letzten Jahren fanden viele Aktivitäten zur Förderung des Fuß- und Fahrradverkehrs in Deutschland aber auch weltweit statt. Im Jahr 2016 war in Berlin ein Volksentscheid zur Förderung des Fahrradverkehrs, der so genannte Radentscheid erfolgreich. Im Juni 2018 verabschiedete das Land Berlin das erste Radverkehrs- und Mobilitätsgesetz in Deutschland. Dem erfolgreichen Radentscheid folgten zahlreiche Initiativen in anderen Kommunen in Deutschland, auch in Kassel.

Diesen Initiativen geht es um eine Umverteilung des ausschließlich für den motorisierten Verkehr genutzten Straßenraums. Fahrrad- und Fußverkehr sollen mehr Raum erhalten. Für den ruhenden Verkehr und für die Fahrstreifen genutzte Flächen sollen dafür reduziert werden (Siehe z. B. Agora Verkehrswende: und deren kürzlich veröffentlichtes Infographik-Comic: „Abgefahren“

Mitten in diese Diskussionen und politischen Aktivitäten platzt nun die Corona-Pandemie und Kommunen weltweit ermöglichen in kürzester Zeit Schritte, die zuvor noch in unendlich weiter Ferne zu liegen schienen :

Aus der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá wird bereits am 18. März 2020 gemeldet, dass ergänzend zu den bereits bestehenden 550 Kilometern Fahrradwegen nun wegen der Covid-19-Pandemie weitere 117 Kilometer an temporären Fahrradwegen eingerichtet werden, um eine gesunde, sichere und ansteckungsfreie Fortbewegung mit dem Fahrrad in der Stadt zu ermöglichen. (Davon berichtet der Weblog Zukunft Mobilität. Die Fahrradwege entstehen durch die Sperrung von Fahrspuren zwischen 6.00 und 19.30 Uhr.

Auch in Berlin wurden bereits am 25. März 2020 im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg testweise temporäre neue Fahrradstreifen eingerichtet (Vgl. die Berichterstattung des Vereins Changing Cities dazu). Nach einer erfolgreichen Testphase diskutieren nun alle Berliner Bezirke weitere Möglichkeiten für den kurzfristigen Ausbau der Fahrradinfrastruktur, was auf der Basis des Fahrradgesetzes rechtlich leichter umzusetzen ist. Und mehrere Petitionen und offene Briefe fordern in diesen Tagen bundesweit von der Politik (offener Brief IASS-Potsdam), den Kommunen (Petition Faire Straßen), oder dem Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (Offener Brief Changing Cities) weitere Maßnahmen zum Ausbau von Fuß- und Radverkehr.

Die hinter diesen Initiativen stehende Argumentation führt an, dass die Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs ein Ansteckungsrisiko berge. Das Radfahren oder Zufußgehen fördere hingegen die Abwehrkräfte und die allgemeine Gesundheit. Das aber nur, wenn man sich sicher und angstfrei durch die Stadt bewegen könne und sich gegenseitig beim Warten an Ampeln oder während des Überholens nicht zu Nahe komme. Diese Argumente überzeugen offenbar auch die Kommunalpolitik, so dass es inzwischen auch in zahlreichen anderen Kommunen zu ähnlichen Aktivitäten gekommen ist, wie ein Newsletter des Vereins Changing Cities berichtet.

Durch die Berichterstattung über die Corona-Krise an den Rand der Wahrnehmung gerückt wurde übrigens die Verabschiedung der Novelle der Straßenverkehrsordnung in Deutschland am 23. März 2020. Neu sind jezt verbindliche Abstandsregeln für das Überholen von Fahrrädern im Straßenverkehr von 1,5 Metern innerorts und 2 Metern außerorts festgelegt worden, die auch in Nach-Coronazeiten noch gelten werden (Siehe BMVI).