Ein Stimmungsbild aus Christchurch in Neuseeland

Ein Beitrag von Daniel Münderlein
(Fotos und Hintergrundinformationen wurden freundlicherweise von Andreas Wesener bereitgestellt)

Trotz seiner idyllischen Lage auf der Südinsel von Neuseeland ist die Stadt Christchurch mittlerweile erfahren im Umgang mit Krisensituationen. Bedingt durch tektonische Prozesse wurde Christchurch in der Vergangenheit durch verschiedene Erdbeben erschüttert, welche insbesondere in den Jahren 2010 und 2011 für dramatische stadtstrukturelle Veränderungen sorgten. Der ‚central business district‘ verlor in Folge der Naturkatastrophe um die 800 Gebäude und einige Bereiche der Stadt wurden zu ‚red zones‘ erklärt und aus Sicherheitsgründen vollständig aus der Nutzung genommen. Diese Beschädigungen sowie die Maßnahmen zur Krisenbewältigung resultierten in einem unmittelbaren Verlust von urbaner Qualität sowie einem Gefühl von Leere. Für Christchurch wurde so die Dystopie einer Stadt ohne Stadtzentrum konkrete Realität.

„The feeling of emptiness is overwhelming”

(Wesener 2015, S.2)

Im Umgang mit dieser traumatischen Situation fiel den städtischen Freiräumen rasch eine besondere Bedeutung zu. Improvisierte Aneignungsprozesse, Streetart, temporärer Urbanismus, Pop-up Urbanism sowie organisierte Zwischennutzungen wie Tanzflächen und Gemeinschaftsgärten wurden rasch wichtige Bestandteile einer informellen Krisenbewältigungsstrategie, welche aus der Zivilbevölkerung initiiert wurden und stadtübergreifende Strahlkraft erlangten. Zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen widmen sich diesen Post-Earthquake Phänomenen im Kontext von Resilienzforschung verbunden mit der Frage nach der Widerstandsfähigkeit von Städten und urbanen Gemeinschaften.  Soziale Netzwerke sowie dem Stiften von Sinn durch kollaborative Praktiken und Aneignungsprozesse im Freiraum scheint eine besondere Bedeutung zuzufallen.

Die aktuelle COVID-19 Pandemie in Christchurch reiht sich vor diesem Hintergrund in eine Reihe von Krisensituationen ein und bietet Anschlussfähigkeit an Diskurse, welche städtische Nähe und Dichte kritisch hinterfragen. Zum einen ist stadträumliche Dichte eine Voraussetzung für soziale Interaktionen aber zum anderen erscheint sie im Kontext mit Erdbeben und Pandemien als Risikofaktor. Christchurch orientiert sich in der Krisenbewältigung an dem Motto ‚being together but apart‘ und die Regierung initiierte im Umgang mit COVID-19 einen strickten ‚lock down‘. Neuseeland ist auf Grund seiner isolierten Lage sowie den einzigartigen Ökosystemen besonders empfindlich gegenüber importierten Krankheitserregern oder Viren. Die Regierung handelte unverzüglich und erließ im März ein umfassendes Reiseembargo, welches internationalen Flugverkehr sowie nationales Reisen innerhalb des Landes unterband.  Weiterhin wurden zahlreiche Infektionstests durchgeführt, um ein detailliertes Bild der räumlichen Verteilung der Pandemie zu gewinnen. Die Maßnahmen erweisen sich momentan als effizient und die Infektionszahlen scheinen unter Kontrolle. Über die zukünftige Entwicklung von COIVD-19 sowie die Auswirkungen auf Stadt- und Freiraumplanung wird weiterhin intensiv diskutiert.

(Fotos: Andreas Wesener)