Freiräume kartieren

Gastbeitrag von Flavia Mameli

Im Mai 2019 sorgte die ungewöhnliche Maßnahme eines Parkmanagers in Berlin für Aufsehen: Der Görlitzer Park, von Berlinern zärtlich Görli genannt, beliebt als Treffpunkt in Kreuzberg, aber auch berüchtigt als Marktplatz für Drogen, verfügte jetzt über mit rosa Sprühfarbe markierte Stehplätze für die Dealer. Der unkonventionelle Gestaltungseingriff brachte den Parkmanager in Erklärungsnot. In den lokalen Medien verteidigte er seine improvisierte Zonierung: „Dabei gehe es nicht um eine Legalisierung des Drogenverkaufs, vielmehr sollten die anderen Parkbesucher weniger gestört werden und nicht mehr ein Spalier laufen müssen.“

Rosa Markierungen für Dealer-Plätze im Görlitzer Park.

Damals, im Mai 2019, hätte wohl niemand geglaubt, welchen Einfluss die aktuelle Corona-Pandemie auf unsere Bewegungsfreiheit in urbanen Freiräumen haben würde. Im Mai 2020 postet das Weltwirtschaftsforum auf seiner Instagram-Seite das Foto einer Liegewiese in Brooklyn, New York City und man meint sich ironisch erinnert an das Bild der rosa Parkbuchten aus Kreuzberg: Fein säuberlich auf kreisrunde, isolierte Inseln verteilt, scheint das Parkleben in Brooklyn durchaus seinen gewohnten Gang zu gehen. Die Atmosphäre – so suggeriert es zumindest das Foto – ist entspannt und man genießt den Frühlingssonnenschein. Jeder für sich – alle gemeinsam.

Foto: REUTERS/Eduardo Munoz

Und auch an der Westküste der USA, in San Francisco, kommt die improvisierte Parkzonierung zum Einsatz, wie diese Drohnenaufnahmen zeigen.

In der Landschaftsarchitektur und Freiraumplanung werden Kontrolle, Abschottung und Sicherheit zumeist wesentlich subtiler verhandelt und „verleugnen damit geschickt ihren Verteidigungscharakter“  wie der Architekturkritiker Niklas Maak es treffend in seinem Buch Wohnkomplex. Warum wir andere Häuser brauchen beschreibt. Der Philosoph Michel Foucault würde den Fahrrad- und Joggingspuren, dem Stadtmobiliar, den Hecken und Zäunen wohl ebenfalls eine subtile Form von Kontrolle des öffentlichen Raums unterstellen. Freiraumgestaltung vermag sogar ungewollte Personengruppen oder ungeplante Aneignungen, die gar in Vandalismus enden könnten, im Dienste des reibungslosen Miteinanders des Platzes zu verweisen.

Foucault entwickelte 1975 seine Theorie der Regierbarkeit von Gesellschaften durch die Kontrolle von Bewegung und Position ihrer Individuen und betrachtete dazu u.a. die architektonische Entwicklungsgeschichte von Gefängnissen. Die weißen Kreise auf dem Rasen der öffentlichen Parks in den U.S.A. erscheinen wie ein harmlos improvisierter Versuch,  die Menschen zur sozialen Distanz anzuleiten. Doch was hätte Foucault zu den zu seiner Zeit noch ungeahnten Möglichkeiten der digitalen Überwachung gesagt? Sind wir in Zeiten von Corona nun endgültig in der Disziplinargesellschaft aufgegangen?

Überwachung wird heute vor allem als Open-Source Projekt betrieben. Sogenannte Self-Reporting Apps sollen Menschen warnen, die mit positiv getesteten Personen in Kontakt waren. In 2020 überwachen wir selbst unsere Bewegungen im öffentlichen Raum – für den guten Zweck. Und: Wir können uns jederzeit über die Zahlen der weltweiten Pandemieentwicklung informieren.

Screenshot der kumulierten bestätigten Corona-Fälle weltweit am 23.05.2020 auf der JHU Website. (Foto 23.05.2020: Flavia Mameli)

Aktivisten wie das Mapping Action Collective machen sich genau diese Technologien des community-basierten Mappings zunutze und verwenden digitale Daten und Karten, um Aktivisten zu unterstützen, die sich für soziale und ökologische Gerechtigkeit einsetzen. Bemerkenswert ist daran, dass das Kartieren – eigentlich das traditionelle Machtmittel „der Regierenden“ – im Sinne der Graswurzelbewegungen konterkariert wird.

Dabei ist der Mapping-Aktivismus durchaus keine ganz neue Disziplin: Künstler*innen und Aktivist*innen nutzen das DIY-Kartieren bereits seit den 1970er Jahren als Medium ihres ästhetischen Widerstands, wie etwa die Collagen von Öyvind Axel Christian Fahlström oder Soziogramme von Mark Lombardi zeigen.

Die Erzeugung visuellen Wissens, sei es von Staaten, Institutionen oder Aktivisten, wird zunehmend auch unter dem Begriff der Viskurse in den Sozial- und Kulturwissenschaften verhandelt und Visualisierungstools wie Entity Mapper werden für die qualitative Sozialforschung entwickelt. 

Die Digitalisierung bietet Aktivist*innen und Forschenden heute eine Vielzahl mehr Informationen, mehr Darstellungsmöglichkeiten und mehr Publikationskanäle. Die Grenzen von Überwachung und Widerstand sind dabei sicher noch längst nicht ausgelotet worden. Vor diesem Hintergrund ist die „Corona-Krise“ auch eine Zeit, die Diskurse über (Selbst-)Überwachung und (individuelle) Freiräume – sei es analog oder digital – noch einmal neu beleuchten wird.

In der Open Access-Reihe von transcript Bielefeld ist 2019 die Publikation This is Not an Atlas erschienen, die 40 „Counter-Kartographien“ umfasst. Das Werk von kollektiv orangotango+ kann auf der Verlagsseite kostenlos heruntergeladen werden.

Berlin als Hidden object map von Markus Wende und Marc Amann (CC BY-NC-ND 4.0).
Aus: This is not an Atlas, transcript Verlag Bielefeld.