Von neuen und alten Normalitäten in Graz

Gedanken zum Freiraum von Mitarbeiterinnen des Instituts für Städtebau der TU Graz

Gastbeitrag von Eva Schwab und Sabine Bauer

(Teil 1 von 2)

Gehsteige vermessen

Der Kreis beginnt sich zu schließen. Wir waren betroffen von den täglich steigenden Infektionszahlen, sind durch die Isolation gegangen und haben das Homeoffice gemeistert, haben die ersten Lockerungen erlebt und können nun – nach den aktuellen Ankündigungen der österreichischen Bundesregierung, die Maskenpflicht und Ausgangsreglementierungen weitgehend aufheben – berechtigterweise vom baldigen Beginn der vielfach herauf beschworenen „neuen“ Normalität träumen.

Wie wird sie nun aussehen, diese neue Normalität? Die Erfahrungen aus den ersten Lockerungen lassen die vielfältigen Argumente, warum die Covid-19 Krise die Chance auf gesellschaftliche Veränderungen hin zu mehr Nachhaltigkeit beinhaltet (nur als Beispiele seien genannt: Die Welt nach Corona, Drei Krisen gleichzeitig) gelinde gesagt ambitioniert erscheinen.

Die Möglichkeitsfenster, die während der Zeit der eingeschränkten Mobilität im Lockdown offen standen und dem Straßenraum eine neue Bedeutung und neue Nutzbarkeit als öffentlicher Freiraum gaben, mussten mit dem erneuten Anstieg des motorisierten Individualverkehrs (MIV) wieder geschlossen werden.

Menschenmassen stauten sich, um endlich wieder in Möbelhäusern und Baumärkten einkaufen zu können, Automassen wälzten sich über die entsprechenden Zufahrtsstraßen.

Ist daran etwas anders als an jedem normalen Samstag vor Corona?

Etwas anders sieht die Situation in der Innenstadt aus. Abseits der großzügig angelegten Einkaufsstraßen bemühen sich Menschen, auf den schmalen Gehsteigen Abstands- und Verkehrsregeln gleichermaßen einzuhalten – und scheitern entweder an dem einen oder dem anderen. Geschäftsinhaber*innen versuchen, unter Einhaltung der Abstandsregelung den Kund*innen einen angenehmen Einkauf zu ermöglichen und verlegen Ein- und Ausgänge oder markieren Wartezonen. Café-Betreiber*innen versuchen die optimale Verteilung ihrer Sitzgelegenheiten in den Schanigärten zu finden, um zumindest das Potential für genügend Umsatz zu schaffen. Und immer wieder merkt man: Das geht sich nicht aus! Der Raum in seiner derzeitigen Aufteilung reicht nicht aus, um den vielfältigen Anforderungen an ihn gerecht zu werden.

Aber dass Raum der wahre Luxus ist, wissen wir nicht erst seit der Corona Pandemie. Sie hat uns nur wieder einmal eindrücklich die ungleiche Verteilung und Zugänglichkeit der Ressource Raum in unseren Städten vor Augen geführt und sehr nachvollziehbar aufgezeigt, wie viel ausreichend (Frei)Raum mit körperlicher und seelischer Gesundheit zu tun hat.

Befinden wir uns also auch diesbezüglich in einer alten Normalität? Die Ahnung einer neuen zeigt sich in den oben genannten Beispielen vor allem darin, dass die altbekannte Raumaufteilung nicht länger unhinterfragt akzeptiert wird. Mehr noch als vorher beginnt die Diskussion um die faire Verteilung des Freiraums geführt zu werden. Die Erfahrungen der letzten Wochen motivieren Nutzer*innen auf der Suche nach Möglichkeiten, ein gutes urbanes Leben für alle zu schaffen, auch heilige Kühe wie die Priorisierung des MIV und die Selbstverständlichkeit des ruhenden Verkehrs im öffentlichen Raum zumindest diskursiv zu hinterfragen.

In diesen Auseinandersetzungen sehen wir die Ansprüche an den öffentlichen Freiraum wachsen. Er soll qualitativ hochwertig gestalteter Raum für urbanes Leben sein und trotzdem weiterhin tradierten Vorstellungen von Mobilität genüge tun – am besten mit Auto-Stellplätzen für alle direkt vor dem Haus oder dem Geschäft. Noch ist nicht klar, ob dieses Patt in der Prioritätenreihung durch die Erfahrung der letzten Wochen beeinflusst wird, in denen viele aufgrund des Lockdowns die Ruhe und den Platz auf den innerstädtischen Straßen genossen haben. Wir beobachten zumindest mit Interesse, wie Fragen der aktiven Mobilität und des öffentlichen Raums unter dem Eindruck der Corona-Krise Aufwind erfahren.

Ein Beispiel für das wachsende Interesse an diesen Diskussionen bildet die Masterarbeit von Daniela Mrazek, in der sie sich dem Gehen in der Stadt widmet. Sie hat dafür die Grazer Gehwege vermessen und diese dann in zwei Gruppen geteilt: diejenigen, die eine in der ÖNORM B1600 festgeschriebene Mindestbreite für Gehsteige von 1,50 m aufweisen, und diejenigen, die diese Anforderung nicht erfüllen. Das Ergebnis hat in Zeiten der COVID-19 Pandemie eine neue Bedeutung bekommen: Es handelt sich um eine Karte der Stadt Graz, in der gekennzeichnet ist, welche Gehsteige nicht genug Platz bieten, um den geforderten Mindestabstand von 1-1,50 m im Vorbeigehen einzuhalten. Das Facebook-Posting des Instituts für Städtebau zu diesem Thema wurde innerhalb kürzester Zeit um ein Vielfaches häufiger geliked und geteilt als Postings zu anderen Masterarbeiten. Auch die lokale Presse hat über die Erkenntnisse aus Daniela Mrazeks Arbeit berichtet.

(Abbildung 09.06.2020: Facebook, Institut für Städtebau TU Graz)
(Abbildung 09.05.2020: Kleine Zeitung Steiermark)

Das Thema der fußgängerfreundlichen Gestaltung und Nutzbarkeit des öffentlichen Raums ist also im Kontext der Pandemie wieder stärker ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt und die Diskussion darüber wird hoffentlich noch lange Zeit ein Teil der neuen Normalität bleiben. Doch inwiefern sind auch die Anforderungen, die wir an den Raum stellen, neu?

Hier geht es zu Teil 2…

Von neuen und alten Normalitäten in Graz

Gedanken zum Freiraum von Mitarbeiterinnen des Instituts für Städtebau der TU Graz

Gastbeitrag von Eva Schwab und Sabine Bauer

(Teil 2 von 2)

Straßenraum neu verteilen

Dazu ein paar Gedanken aus zwei unserer Lehrveranstaltungen im laufenden Semester, die sich anhand des Beispiels Zinzendorfgasse mit der Neuorganisation des Verkehrs und der Umgestaltung des innerstädtischen Straßenraums beschäftigen.

Die Grazer Zinzendorfgasse liegt in unmittelbarer Nähe der Karl-Franzens-Universität (der größten Grazer Universität). Sie besitzt eine kleinteilige Struktur von Geschäften und Lokalen und lebt von der großen Zahl an Studierenden, für die sie eine wichtige Verbindung zwischen der Universität und dem Stadtpark bzw. der Innenstadt darstellt. Außerhalb der Semester ist die Nutzer*innen-Frequenz allerdings deutlich geringer, wodurch die Geschäftstreibenden vor eine große Herausforderung gestellt werden, die sich auch in Leerständen manifestiert. Parkende Autos begrenzen den verfügbaren Raum in der schmalen Straße außerdem stark und verringern sowohl den nutzbaren Bewegungs- als auch (kommerziellen und konsumfreien) Aufenthaltsraum.

Die Zinzendorfgasse letzten Herbst. (Foto: Martin Grabner)
Die Zinzendorfgasse während des Lockdowns. (Foto: Viktoriya Yeretska)

Der Verein Zinzengrinsen, der aus Geschäftstreibenden der Straße und Anrainer*innen besteht, setzt sich seit einiger Zeit für eine Umgestaltung ein. Er arbeitet mittlerweile mit der Grazer Stadt- und Verkehrsplanung und einem lokalen Architekturbüro zusammen und ist an das Institut für Städtebau mit der Bitte herangetreten, ihn bei der Umgestaltung ihrer Straße zu einer Slow Street mit urbanen Qualitäten zu unterstützen.

Wir wollten dieser Bitte mit einem einwöchigen Workshop und einer Projektübung nachkommen, als mit Semesterbeginn die Krise mit all ihren Schwierigkeiten und Chancen wirksam wurde. So entschieden wir uns, den Workshop dem Thema des Physical Distancing (also der Schaffung von Voraussetzungen für körperliches Abstand halten, ohne das Erzeugen von Social Distancing) zu widmen.

Die Studierenden des Workshops haben dabei den Status Quo erhoben und ihn den (alten und neuen) Anforderungen gegenübergestellt. Schließlich wurden Vorschläge für eine (mehr oder minder) temporäre Adaption der Straße erarbeitet, die Einkaufen, Ausgehen und kulturelle Veranstaltungen unter Einhaltung der nötigen Abstandsregeln ermöglichen können. Dass damit mehr Raum von Fußgänger*innen, Radfahrer*innen und für den Aufenthalt in Anspruch genommen werden muss und dass dieser Raum nur unter Einschränkung des MIV verfügbar werden kann, ging aus der Analyse eindeutig hervor. Ebenso zog sich die Erkenntnis, dass diese Umverteilung die Chance mit sich bringt die Straße grundlegend neu zu denken und zu gestalten, wie ein roter Faden durch alle Arbeiten. (Details zur Lehrveranstaltung)

(Darstellungen: Jago Trelawny-Vernon)

Die Studierenden in der Projektübung arbeiten währenddessen an einem Konzept zur langfristigen Umgestaltung der Straße und einiger Erdgeschoss-Lokale, um der Nutzer*innensaisonalität zu begegnen und die Straße für vielfältige Gruppen interessant zu machen. Die Stärkung der unterschiedlichen Teilräume und ihrer Atmosphären sowie die Reduktion des ruhenden Verkehrs ist allen unterschiedlichen Studierendenprojekten gemeinsam. (Details zur Lehrveranstaltung)

(Darstellung: Dina Sauer und Paula Möller)

Betrachtet man nun diese beiden Ergebnisse, fällt schnell auf, dass sie sich bezüglich der Raumaufteilung nicht wesentlich unterscheiden. Sowohl bei der Entwicklung von kurz- als auch langfristiger Gestaltung zeigt sich, dass die gewünschte Erhöhung der urbanen Qualitäten mit breiteren, multifunktionalen Aufenthalts- und Bewegungsflächen nur durch eine Reduktion der Flächen für ruhenden Verkehr erreichbar ist. Damit sich Menschen sicher und frei bewegen sowie aufhalten können, braucht es nicht nur gute Gestaltung, es braucht auch entsprechend verfügbaren Raum. Für die Zinzendorfgasse kann also abgeleitet werden, dass gute Gestaltung eines menschenfreundlichen Raums nicht nur die kompakte Stadt der kurzen Wege unterstützt sondern gleichzeitig Physical Distancing ermöglicht bzw. vereinfacht.

Verallgemeinert könnte man sagen, dass gut gestalteter und vielfältig nutzbarer urbaner Raum menschlichen Maßstabs krisensicher ist – resilient, wie man es fachgerecht ausdrückt. Unsere Städte brauchen keine speziellen urbanen Räume, die COVID-19 sicher sind, sie brauchen qualitätsvolle Freiräume, die vielfache Nutzungen zulassen, die ökologische Kreisläufe fördern, in denen aktive Mobilität möglich ist und deren aktive Erdgeschosszonen Leben und Arbeiten in der Stadt unterstützen.

Der Verein Zinzengrinsen hat die Ergebnisse unserer Lehrveranstaltungen mit großem Interesse aufgenommen. Ob sie tatsächlich eine Umsetzung erfahren werden?

Auf Basis der aktuellen Verkehrsentwicklungen (also post-lockdown) kann man die Befürchtung entwickeln, dass die Fixierung auf das Auto als die primäre Mobilitätsform nach der Krise ungebrochen bleiben, oder sogar noch stärker werden könnte. Sollten sich die Fahrgastzahlen des unter der Pandemie stark in Mitleidenschaft gezogenen öffentlichen Nahverkehrs nicht wieder stabilisieren, besteht einerseits die Hoffnung, dass ehemalige Öffi-Fahrer*innen sich zukünftig aktiv mit dem Rad oder zu Fuß fortbewegen. Andererseits steht dem aber die Befürchtung gegenüber, dass sich eben diese zukünftig häufiger für den privaten PKW entscheiden. Das Bild des Autos als sicherer, privater Raum könnte durch die Angst vor COVID-19 zusätzlich gestärkt, und der Kampf um den öffentlichen (Verkehrs)Raum noch unerbittlicher werden.

An dieser Stellen geben einander neue und alte Normalität in Graz die Hand und der Kreis schließt sich tatsächlich: Wer traut sich, dem menschengerechten öffentlichen Freiraum den Vorrang zu geben?

Hier geht es zu Teil 1 des Beitrages…

Corinna – Keine(r) kommt raus! Urbaner Podcastspaziergang

Urbaner Podcastspaziergang des AAA (Bildschirmfoto: Daniel Münderlein)

Das Autonome Architektur Atelier in Bremen begreift urbane Spaziergänge als Mittel der Kommunikation zu und über städtische Belange. Dabei steht das gemeinsame Erleben und Vermitteln von interessanten Orten und Strecken in der Hansestadt an der Weser im Vordergrund. Da Corona die Durchführung von gemeinsamen Stadtspaziergängen in den letzten Monaten erschwerte, machte sich das AAA über alternative Möglichkeiten Gedanken. Das Ergebnis ist ein Urbaner Podcastspaziergang, welcher sich als audiovisuelle Dokumentation von städtischen Erkundungstouren versteht und im Sinne des Distanzhaltens stark frequentierte Orte ausspart, um sich abseits ausgetretener Pfade der Entdeckung von neuen und unbekannten Orte hinzugeben. Wer sich trotz Corona den urbanen Erkundungstouren anschließen möchte, kann dies nun durch den frei zugänglichen Podcast tun und sich sogar gezielt an bestimmten Zwischenstationen ein- und ausklinken.

Müll im Freiraum

Beitrag von Stefanie Hennecke

Die Schließung der Mensen, Kantinen, Restaurants, Bars und Cafés während des Lockdowns in Deutschland führte zu Umsatzsteigerungen in den Lebensmittelläden und zu Engpässen etwa bei Mehl und Hefe. Diejenigen, die nicht zu Hause backen und kochen wollten, nutzten den Außerhausverkauf, den von Tag zu Tag mehr Läden anboten. Erlaubt war die Abgabe von Essen und Getränken allerdings nur in Einwegverpackungen oder Pfandbehältern. Auch das gemeinsame Trinken auf dem Bürgersteig wurde mit dem schöner werdenden Wetter und der Länge der Schließungen immer beliebter. Für den Freiraum hatte das zur Folge, dass der liegen gelassene Müll auf den Straßen und in den Grünanlagen schlagartig zunahm und die vorhandenen Papierkörbe nicht mehr ausreichten. Nach einigen Wochen wurden notdürftig zusätzliche Säcke an den Mülleimern angebracht.

Alle Denkrichtungen, zu denen einen diese Fotos verleiten, sind ähnlich trostlos:

  • Welche Ignoranz bewegt Menschen dazu, Ihren Müll einfach im Park oder auf der Straße liegen zu lassen?
  • Welche verquere Idee von Barmherzigkeit steckt hinter der Geste, sein leeres Pfandgut auf der Straße oder im Park zu „spenden“?
  • Warum gelingt es in einem fortschrittlichen Land voller Stolz auf seine hochkulturelle und wissenschaftliche Tradition nicht, die Flut an Einwegverpackungen intelligent zu bändigen? (Siehe dazu die Kritik des Präsidenten des Verbands der Entsorgungswirtschaft im Tagesspiegel)
  • Warum gelingt es in einem wohlhabenden Land nicht, die dringend benötigten Freiräume mit einem durchweg hohen Pflegestandard – wozu auch eine gut funktionierende Müllentsorgung gehörte – instand zu halten?

(Fotos April 2020: Stefanie Hennecke)

Temporäre Spielstraßen

(Foto 10.05.2020: Stefanie Hennecke)

Beitrag von Stefanie Hennecke

Seit Anfang Mai können im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg an Sonntagen Straßen temporär für den Autoverkehr gesperrt werden, um während der pandemiebedingten Einschränkungen zusätzliche wohnungsnahe Freiräume in dicht bewohnten und mit Freiräumen unterversorgten Stadtquartieren anbieten zu können. Für eine Testphase bis Mitte Juni können in diesem Bezirk 19 solcher temporärer Spielstraßen von interessierten Anwohner*innen beantragt werden, inzwischen ermöglichen auch andere Bezirke wie Neukölln oder Pankow diese Möglichkeiten. Bedingung für die Genehmigung ist, dass sich ausreichend freiwillige Helfer*innen als „Kiezlots*innen“ dazu bereit erklären, ehrenamtlich die Straßensperrung zu überwachen.

Für die Zeit der Sperrung ist die Durchfahrt für Autos aber auch für Fahrräder nicht erlaubt. Bereits in den gesperrten Straßenabschnitten parkende Autos können begleitet von den Kiezlots*innen bei Bedarf wegfahren.

(Fotos 10.05.2020: Stefanie Hennecke)

Nach den Pop-up-Radwegen ist diese Möglichkeit der temporären Spielstraße ein zweiter Schritt, wie Berliner Bezirke die Umverteilung des Straßenraums aktiv vorantreiben. In einer dritten Stufe ist seit dem letzten Maiwochenende auf Antrag die temporäre Sperrung von Straßenteilstücken für ein Wochenende auch dann möglich, wenn sich Gastronomiebetreibende zusammenschließen und gemeinsam beantragen, Bürgersteig und Fahrbahn für die Außenbestuhlung nutzen zu wollen.

Die Umverteilung des Straßenraums in Berlin ist auch Gegenstand einer wissenschaftlichen Studie der TU Berlin und des Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC), die die ethischen Aspekte dieser Frage beleuchtet und an verschiedenen Beispiel-Szenarien für Berliner Straßen diskutiert.

Beim Besuch einer temporären Spielstraße nähe Südstern in Berlin am 10.5.2020 fielen mir zwei freiraumplanerisch relevante Aspekte ins Auge:

Delegation an Freiwillige

Die temporären Spielstraßen stehen und fallen mit der Bereitschaft ehrenamtlicher Helfer*innen, ihre Freizeit in Warnwesten an Straßenabsperrungen zu verbringen. Weder Polizei- noch Ordnungsamtkräfte waren vor Ort, um den Verkehrsversuch zu regulieren. Damit steht das Projekt auf sehr wackeligen Füßen und trägt den Charakter eines Zugeständnisses der Stadtverwaltung an einige Aktive. Eine politische Wende in der urbanen Verkehrspolitik manifestiert sich darin noch nicht. Ein weiteres Detail macht die Tendenz deutlich, die Sorge und Aushandlung um die Nutzung um den öffentlichen wohnungsnahen Freiraum als Angelegenheit der Anwohner*innen zu verstehen. Für die Zeit der temporären Sperrung wurde den Kiezlots*innen auch ein Schlüssel für die Öffnung von Hydranten überlassen, so dass Anwohner*innen die Gelegenheit nutzen konnten, Straßenbäume und öffentliche Freiflächen selbst zu wässern. Auch die öffentliche Pflege wird so in die Freiwilligkeit hineindelegiert.

(Foto 10.05.2020: Stefanie Hennecke)

Konflikt Fuß- und Radverkehr

Die Kiezlots*innen berichteten, dass die größten Konflikte mit Radfahrer*innen ausgetragen werden mussten, die sich weigerten, in der temporär gesperrten Zone vom Fahrrad abzusteigen und zu schieben. Offenbar fühlt man sich als Radfahrer*in intuitiv auf der Seite der „Guten“ in der Verkehrswendediskussion und sieht sich von Verkehrsversuchen zu Gunsten des Spiel- und Fußverkehrsnutzung nicht angesprochen. Ich habe dieses Phänomen an mir selber festgestellt, als ich zunächst ganz selbstverständlich in die Spielstraße hineingeradelt bin. Das unbeschwerte Kreuz- und Querrennen zwischen Hauszugang und Fahrbahn vor allem von Kindern ist aber nur möglich, wenn kein schneller Querungsverkehr, auch nicht von Fahrrädern, zur Gefahr wird. Erst unter dieser Bedingung kann der neue Freiraum Straße in ähnlicher Weise wie eine Wiese im Park genutzt werden.

Dass das Miteinander von Fuß- und Radverkehr im enger werdenden urbanen Straßenraum zu Konflikten führt, ist offensichtlich und wird z. B. vom Interessenverband des Fußverkehrs Fuß e.V. intensiv thematisiert. Die Aushandlung zwischen den verschiedenen Interessen aufgrund verschiedener Geschwindigkeiten muss geführt werden. Das kann aber immer nur in Relation zu dem sehr viel größeren und lebensgefährlicheren Konflikt zwischen Autoverkehr auf der einen und Fuß- und Radverkehr auf der anderen Seite diskutiert werden. Stünden in den Spielstraßen keine überdimensionierten und damit die Sicht behindernden Autos herum, wäre die Gefahr nämlich sehr viel geringer, dass Fuß- und Radverkehre kollidieren. Auch in Parkanlagen kommt das nur selten vor. 

Flatterbandtennis:

Beitrag von Stefanie Hennecke

Auch als die Spielplätze wieder geöffnet wurden, blieben die  öffentlichen Sport- und Bolzplätze in Berlin weiterhin geschlossen und das immer wieder aufs Neue verknotete Flatterband verwehrte den Nutzer*innen den Zutritt. Ähnlich wie in Ithaca, NY der Basketballkorb – siehe Beitrag von David Yearsley – wurde auf einem öffentlichen Tennisplatz zusätzlich das Netz abmontiert. Aber findige Spieler*innen eigneten sich zu diesem Zweck bereits Anfang April das Flatterband an, das sie eigentlich vom Spielen abhalten sollte.

(Fotos 11.04.2020: Stefanie Hennecke)

Wie notwendig ist die Straße als analoger Freiraum?

Der Sonderforschungsbereich der DFG „Re-Figuration von Räumen“ erforscht in Berlin unter anderem die Bedeutung der Straße als Sozialraum in dem Teilprojekt „Die Welt in meiner Straße: Ressourcen und Netzwerke von Stadtbewohner/-innen“ von Talja Blokland, Daniela Krüger und Robert Vief. In ihrem auch im Kontext der Freiraumplanung sehr lesenswerten SFB-Blogbeitrag haben sie ihre bisherigen Forschungsergebnisse im Kontext des Corona-Lockdowns reflektiert: „Nur weil wir es tun müssen, heißt das nicht, dass es richtig ist: warum #stayathome nicht zu einem moralischen Imperativ und soziale Isolation nicht zu einer Gewöhnung werden sollte

Geschlossene Bildungsfreiräume

(Foto 19.April 2020: Stefanie Hennecke)

Beitrag von Stefanie Hennecke

Weltweit wurden Schulen, (Volks-)Hochschulen und Universitäten im analogen Raum geschlossen und verlegten den Unterricht die digitale Welt.

(Fotos 19. und 20.April 2020: Stefanie Hennecke)

Inzwischen werden die Gebäude für den Unterricht und den Prüfungsbetrieb nach und nach wieder geöffnet. Die Forderung nach einem Abstand von 1,5 Metern stellt die verantwortlichen Direktorien aber vor große raum-logistische Herausforderungen. Zeitlich versetzte Pausen, Markierungen auf dem Schulhofgelände mit der Anweisung, ausschließlich innerhalb der Kreidekreise zu stehen und ein Einbahnstraßensystem beim Betreten, Durchqueren und Verlassen der Schule sind die Konsequenzen für die Freiräume auf dem Schulgelände. Das vor der Schule abgestellte Fahrrad kann nur durch einen Spaziergang außen rund um die Schule wieder erreicht werden.

(Fotos Mai 2020: Gregor Hennecke)

Rituale des Bringens und Abholens der Grundschulkinder durch Eltern werden aus hygienischen Überlegungen untersagt.

(Fotos 10.05.2020: Stefanie Hennecke)

Wie das bisherige Raummodell Schule und Hochschule in absehbarer Zeit unter der 1,50-Meter-Abstandbedingung wieder in Betrieb genommen werden kann, bleibt weiterhin völlig unklar. Das sind keine optimistisch stimmenden Aussichten für das kommende Schuljahr und Wintersemester. Vielleicht inspirieren sie aber Planer*innen zu neuen Schulraumkonzepten diesseits des digitalen Raums?

Tutto andrà bene

(Foto: Daniel Münderlein)

Irgendwann werden Historiker fragen: Was haben die Leute im Jahr 2020 gedacht, wie sie aus dem Zustand des „cocooning“ herauskommen wollen, in den sie durch Covid-19 geraten waren, und wie sie dann künftig leben wollen? Forscherinnen könnten in Regierungsmitteilungen und Medienberichten nach Antworten suchen und dort zum Großen und Ganzen fündig werden. Sie werden Einiges über Visionen für eine nachhaltige Zukunft lesen, über innovative Beteiligungsformate, über die Bedeutung von Wissenschaft, über Zukunftsräte und „Futures Literacy“ als Schulfach (Stefan Brandt, Direktor des ‚Futuriums‘, in seinem Beitrag „Jetzt die Zukunft erfinden“, DIE ZEIT, 22, 20.05.20, S. 37).

Na, das klingt ja wunderbar, finden die Historiker. Aber die Frage ist doch, was haben die Leute wirklich gedacht, im Dorf, in der Stadt? Wie sah es damals hinter den Kulissen aus, hinter den Bühnen, auf denen die große Erzählung gemeinschaftlich bewältigter Bedrohung aufgeführt wurde? Als das alles beherrschende Thema sich in mehrere Teile aufzulösen begann und Freigang wieder erlaubt war, haben die Leute dann begonnen nicht mehr nur von Tag zu Tag zu denken, mehr zu tun als gelegentlich gemeinsam zu singen? Haben sie damals damit begonnen, was Fotos von breiten Gängen zwischen Biertischen und Parkbänken nahelegen, Abstand als neuen Ausdruck menschlicher Nähe zu verstehen? Wie erklären sich unsere Historikerinnen Befunde verschiedener Video-Clips, wo Menschen gemeinsam spazieren gehen, im Abstand von zwei Metern zueinander, wo Tanz- und Fitness-Studios öffentliche Plätze in Beschlag nehmen, die mit Klebestreifen in Zweimeterraster eingeteilt sind, sich so den öffentlichen Raum mit Straßenmusikern und Straßenkünstlerinnen teilen, und zwar selbst in Ländern, wo Tanzen im Freien, anders als etwa in Argentinien und China, vor dem Jahr 2020 unüblich war?

Bei ihrer Suche nach Erklärungen könnten unsere fiktiven Geschichtswissenschaftlerinnen bei Durchsicht von Immobilien- und Finanzmitteilungen fündig werden. Unter dem Titel „Wie Deutschland während des Lockdowns shoppt“ veröffentlichte zum Beispiel eine eBay GmbH (28.05.2020) Ergebnisse ihrer Marktbeobachtungen und machte anhand veränderten Konsumverhaltens neue „Post-Lockdown-Lifestyles“ und Trends zu „einer neuen Outdoor-Quality-Time“ aus, die, so die Schlussfolgerung, dauerhaft eine wichtige Rolle spielen dürften. Zugelegt hatten, nachdem sich anfangs alle mit Papier (rätselhaft) und Desinfektionsmitteln (nachvollziehbar) eingedeckt hatten, „post-lockdown“ vor allem Fitnessgeräte und -kurse aller Art (sind das Leute, die meinen das Virus kommt nicht ins Haus?), Freizeit- und Sportgeräte, Fahrräder, Fahrradzubehör, usw. (vermutlich Leute, die sich im Freien vor Ansteckung sicher fühlen). In der Immobilienwirtschaft, so legen Anzeigen von Maklerbüros nahe, lassen sich ab Mitte des Jahres 2020 Trends beobachten, wonach sich Teile des Privat- und Arbeitsalltags wandeln und Menschen ihre Ansprüche an Wohnen, Arbeiten und Freizeitangebote dauerhaft ändern („Spielzimmer, Kino, Gemüsegarten“ von Sven Odia, FAZ Nr. 124, 29.05.20, Seite 13). Neben der Nachfrage nach flexiblen Raumaufteilungen in Wohnung, Haus und Garten zeichnen sich Trends zunehmenden Interesses an gemeinschaftlich zu organisierenden und zugleich individuell auszuübenden Tätigkeiten ab, wie (große Überraschung) das Gärtnern, das „Walking“, der gemeinsame Lauftreff, das Picknick in kleinen Gruppen. Die Lage ist, wie immer bei Immobilien, ausschlaggebend; im Wert steigen der Zugang zur Grünanlage und zum vielfältig nutzbaren Stadtplatz, die Nähe zu Naherholungsgebieten und Naturparks, und, wo möglich, die Verfügbarkeit eines Obst- und Gemüsegartens.

Nicht zu vernachlässigen ist, wie unsere Historiker herausgefunden haben, die Wetterberichte im Laufe der Zeit zu verfolgen. So lassen sich im Jahr 2020 interessante Beziehungen zwischen „Outdoor-Quality-Time“, Wärme und Sonnenschein ausmachen. Ob dieses Beziehungen sind, die dauerhaft gut gehen können?

Freiräume kartieren

Gastbeitrag von Flavia Mameli

Im Mai 2019 sorgte die ungewöhnliche Maßnahme eines Parkmanagers in Berlin für Aufsehen: Der Görlitzer Park, von Berlinern zärtlich Görli genannt, beliebt als Treffpunkt in Kreuzberg, aber auch berüchtigt als Marktplatz für Drogen, verfügte jetzt über mit rosa Sprühfarbe markierte Stehplätze für die Dealer. Der unkonventionelle Gestaltungseingriff brachte den Parkmanager in Erklärungsnot. In den lokalen Medien verteidigte er seine improvisierte Zonierung: „Dabei gehe es nicht um eine Legalisierung des Drogenverkaufs, vielmehr sollten die anderen Parkbesucher weniger gestört werden und nicht mehr ein Spalier laufen müssen.“

Rosa Markierungen für Dealer-Plätze im Görlitzer Park.

Damals, im Mai 2019, hätte wohl niemand geglaubt, welchen Einfluss die aktuelle Corona-Pandemie auf unsere Bewegungsfreiheit in urbanen Freiräumen haben würde. Im Mai 2020 postet das Weltwirtschaftsforum auf seiner Instagram-Seite das Foto einer Liegewiese in Brooklyn, New York City und man meint sich ironisch erinnert an das Bild der rosa Parkbuchten aus Kreuzberg: Fein säuberlich auf kreisrunde, isolierte Inseln verteilt, scheint das Parkleben in Brooklyn durchaus seinen gewohnten Gang zu gehen. Die Atmosphäre – so suggeriert es zumindest das Foto – ist entspannt und man genießt den Frühlingssonnenschein. Jeder für sich – alle gemeinsam.

Foto: REUTERS/Eduardo Munoz

Und auch an der Westküste der USA, in San Francisco, kommt die improvisierte Parkzonierung zum Einsatz, wie diese Drohnenaufnahmen zeigen.

In der Landschaftsarchitektur und Freiraumplanung werden Kontrolle, Abschottung und Sicherheit zumeist wesentlich subtiler verhandelt und „verleugnen damit geschickt ihren Verteidigungscharakter“  wie der Architekturkritiker Niklas Maak es treffend in seinem Buch Wohnkomplex. Warum wir andere Häuser brauchen beschreibt. Der Philosoph Michel Foucault würde den Fahrrad- und Joggingspuren, dem Stadtmobiliar, den Hecken und Zäunen wohl ebenfalls eine subtile Form von Kontrolle des öffentlichen Raums unterstellen. Freiraumgestaltung vermag sogar ungewollte Personengruppen oder ungeplante Aneignungen, die gar in Vandalismus enden könnten, im Dienste des reibungslosen Miteinanders des Platzes zu verweisen.

Foucault entwickelte 1975 seine Theorie der Regierbarkeit von Gesellschaften durch die Kontrolle von Bewegung und Position ihrer Individuen und betrachtete dazu u.a. die architektonische Entwicklungsgeschichte von Gefängnissen. Die weißen Kreise auf dem Rasen der öffentlichen Parks in den U.S.A. erscheinen wie ein harmlos improvisierter Versuch,  die Menschen zur sozialen Distanz anzuleiten. Doch was hätte Foucault zu den zu seiner Zeit noch ungeahnten Möglichkeiten der digitalen Überwachung gesagt? Sind wir in Zeiten von Corona nun endgültig in der Disziplinargesellschaft aufgegangen?

Überwachung wird heute vor allem als Open-Source Projekt betrieben. Sogenannte Self-Reporting Apps sollen Menschen warnen, die mit positiv getesteten Personen in Kontakt waren. In 2020 überwachen wir selbst unsere Bewegungen im öffentlichen Raum – für den guten Zweck. Und: Wir können uns jederzeit über die Zahlen der weltweiten Pandemieentwicklung informieren.

Screenshot der kumulierten bestätigten Corona-Fälle weltweit am 23.05.2020 auf der JHU Website. (Foto 23.05.2020: Flavia Mameli)

Aktivisten wie das Mapping Action Collective machen sich genau diese Technologien des community-basierten Mappings zunutze und verwenden digitale Daten und Karten, um Aktivisten zu unterstützen, die sich für soziale und ökologische Gerechtigkeit einsetzen. Bemerkenswert ist daran, dass das Kartieren – eigentlich das traditionelle Machtmittel „der Regierenden“ – im Sinne der Graswurzelbewegungen konterkariert wird.

Dabei ist der Mapping-Aktivismus durchaus keine ganz neue Disziplin: Künstler*innen und Aktivist*innen nutzen das DIY-Kartieren bereits seit den 1970er Jahren als Medium ihres ästhetischen Widerstands, wie etwa die Collagen von Öyvind Axel Christian Fahlström oder Soziogramme von Mark Lombardi zeigen.

Die Erzeugung visuellen Wissens, sei es von Staaten, Institutionen oder Aktivisten, wird zunehmend auch unter dem Begriff der Viskurse in den Sozial- und Kulturwissenschaften verhandelt und Visualisierungstools wie Entity Mapper werden für die qualitative Sozialforschung entwickelt. 

Die Digitalisierung bietet Aktivist*innen und Forschenden heute eine Vielzahl mehr Informationen, mehr Darstellungsmöglichkeiten und mehr Publikationskanäle. Die Grenzen von Überwachung und Widerstand sind dabei sicher noch längst nicht ausgelotet worden. Vor diesem Hintergrund ist die „Corona-Krise“ auch eine Zeit, die Diskurse über (Selbst-)Überwachung und (individuelle) Freiräume – sei es analog oder digital – noch einmal neu beleuchten wird.

In der Open Access-Reihe von transcript Bielefeld ist 2019 die Publikation This is Not an Atlas erschienen, die 40 „Counter-Kartographien“ umfasst. Das Werk von kollektiv orangotango+ kann auf der Verlagsseite kostenlos heruntergeladen werden.

Berlin als Hidden object map von Markus Wende und Marc Amann (CC BY-NC-ND 4.0).
Aus: This is not an Atlas, transcript Verlag Bielefeld.