Schließung der Goetheanlage in Kassel

Gastbeitrag von Dr. Frank Lorberg, Kassel

Schild an einem Zugang zur Goetheanlage (Foto 01.05.2020: Frank Lorberg)

Die aktuelle Covid-19 Epidemie berührt Fragen zum Selbstverständnis der Freiraumplanung. Im Widerspruch zur paternalistischen Grünplanung, die vorgibt, besser als die von ihren Entscheidungen betroffenen Menschen zu wissen, was diese bräuchten, erhebt die emanzipatorische Freiraumplanung den Anspruch, dass die Menschen selbstverantwortlich mit ihren Freiräumen umgehen können und Planungsämter allenfalls treuhänderisch für die öffentlichen Freiräume zuständig sind. Damit sind die Verfügung über Freiräume, deren Qualität und Brauchbarkeit zentrale Themen der Freiraumplanung. Dieser Anspruch bedeutet in Krisenzeiten, einerseits zu analysieren, wer die Krise wie definiert, d. h. zu fragen, ob das Problem überhaupt besteht, unter welchen Annahmen es plausibel erscheint, oder ob es anders formuliert werden müsste, und andererseits zu beobachten, wie Menschen sich unter den geänderten Bedingungen in Freiräumen verhalten und welche Freiräume sie wozu nutzen, um aus diesen empirischen Analysen planerische Konzepte zu entwickeln, die die Handlungsmöglichkeiten der Menschen in Freiräumen unter den spezifischen Bedingungen der Krise erweitern. Dazu bedarf es unter anderem der Kritikfähigkeit, die vor allem aus Beobachtungsgabe, Kreativität und Vernunft besteht.

Erfreulicherweise wurden, nachdem die Hessische Landesregierung am 04. Mai 2020 die Sperrung von Spielplätzen aufgehoben hatte, in Kassel die Goetheanlage und der Stadthallengarten wieder geöffnet. Die Grünanlagen waren über anderthalb Monate lang für Nutzer*innen verschlossen. Was war geschehen? In Reaktion auf Covid-19 wurden am 16. März 2020 in Deutschland die Schulen geschlossen, was für die meisten Schüler*innen schlicht schulfrei bedeutete. Da die Tage sonnig und für die Jahreszeit ungewöhnlich heiß waren, strömten viele Jugendliche in die Grünanlagen. So auch in Kassel. In der Goetheanlage im Vorderen Westen, dem Stadtteil Kassels mit der höchsten Einwohner*innendichte und wenigen privaten Freiräumen, versammelten sich viele junge Leute und feierten am 17. und 18. März bis in die milde Nacht hinein. Da die Versammlungen, die nach der Infektionsschutzverordnung verboten sind, von der Polizei nicht dauerhaft aufgelöst werden konnten, ließ die Stadtverwaltung am 19. März die gesamte Grünanlage für alle Bewohner*innen sperren und untersagte ebenso den Zutritt zum Stadthallengarten. Damit waren zwei wichtige Grünanalgen im Vorderen Westen für Nutzer*innen verschlossen, während der Aschrottpark und das Tannenwäldchen, die sich auf den Kuppen von zwei Hügeln befinden, geöffnet blieben. Diese weiterhin zugänglichen Grünanlagen verfügen im Unterschied zu den gesperrten Grünanlagen nur über kleine ebene Abschnitte und deutlich weniger Ruhebänke. Trotz dieser geringeren Aufenthaltsqualität hatten die Sperrungen zur Folge, dass Bewohner*innen des Vorderen Westens – Familien, Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Senior*innen – zum Aufenthalt im Freien auf den Aschrottpark und das Tannenwäldchen auswichen. Die Maßnahmen führten letztlich zur Konzentration der Freiraumnutzungen sowohl in den Grünanlagen als auch auf den Gehwegen, da vor allem die gesperrten Grünanlagen gewöhnlich als Durchgangsraum für Fußgänger*innen dienen und von Jogger*innen genutzt werden.

Die Situation auf den zu engen Gehwegen, auf denen der empfohlene Sicherheitsabstand von 1,5 Metern nur schwer einzuhalten ist, wurde und wird immer noch dadurch verstärkt, dass im Straßenfreiraum die Fahrbahnen weiterhin dem Automobilverkehr vorbehalten bleiben und Fußgänger*innen verpflichtet sind, den Gehweg zu nutzen, auch wenn er überfüllt ist. In einem vom Geschosswohnungsbau dominierten Quartier mit hoher Einwohner*innendichte sind wohnungsnahe Freiräume, die vor den Gefahren des Automobilverkehrs geschützt sind, gerade für Familien mit kleinen Kindern wichtig, für die sich nach der Schließung der Grünanlagen die Wege auf den engen Gehwegen verlängert hatten. Die gesperrten Grünanlagen wurden regelmäßig vom Personal des Ordnungsamtes kontrolliert, das Nutzer*innen, die in den annähernd menschenleeren Anlagen unterwegs waren, zum Verlassen aufforderte. Dies ist hinsichtlich der Abstandsregeln widersinnig, da die Wahrscheinlichkeit, das Virus zu verbreiten, hier deutlich geringer ist, als in den rege genutzten Grünanlagen und auf den Gehwegen.

Interessant ist darüber hinaus die Beobachtung, dass in den geöffneten Grünanlagen die Jugendlichen, die dort ebenso wie in der Goetheanlage hätten sich versammeln und feiern können, dies nicht taten. Die Stadtverwaltung hätte also von einem Lernprozess und der Einsicht der Jugendlichen ausgehen können und dementsprechend Goetheanlage wie Stadthallengarten wieder für die Allgemeinheit öffnen können. Dies ist aber nicht geschehen; Stadthallengarten und Goetheanlage blieben fast zwei Monate lang geschlossen. Die Anfrage des Autors vom 21. April 2020 ans Ordnungsamt Kassel nach den Gründen der selektiven Sperrung der Grünanlagen, in dem auch auf die aktuelle Freiraumsituation und auf das verantwortungsbewusste Verhalten der Nutzer*innen hingewiesen wurde, ist bislang nicht beantwortet worden. Wie ist das Verhalten der Stadtverwaltung zu verstehen? Könnte es sein, dass der Stadtverwaltung das Vertrauen in die Einsichtsfähigkeit der Bürger*innen fehlt? Ein Vertrauen, das sie umgekehrt von Bürger*innen für ihre Entscheidungen, die hinsichtlich von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit verantwortungsbewusst getroffen werden sollen, einfordert.

Vertrauen ist ein zentrales Element der Demokratie. Im wechselseitigen Spiel demokratischer Entscheidungen wird politische Macht und das Gewaltmonopol – beides gefährliche Instrumente, wie man aus der Geschichte lernen kann – der Exekutive befristet überlassen und von dieser dem demokratischen Souverän, den Bürger*innen zurückgegeben – immer im Vertrauen, dass die Macht nicht gegen die Demokratie ergriffen wird. Dieses Vertrauen, dass die Bürger*innen eigenverantwortlich mit Macht umgehen können und urteilsfähig sind, scheint auf Seiten der Stadtverwaltung verloren gegangen und durch Disziplinierung und Kontrolle ersetzt worden zu sein. Je länger aber die Einschränkung von öffentlichen Freiräumen dauerten, desto deutlicher regte sich dagegen politischer Widerspruch sowohl implizit im alltäglichen Verhalten der Bürger*innen, indem z.B. immer mehr Menschen die gesperrte Goetheanlage betreten haben, als auch explizit in fachlichen und planungspolitischen Diskussionen über die Notwendigkeit von Freiräumen – gerade in Zeiten von Epidemien.

Von Balkonoffice bis Balkonien

Foto: Johanna Niesen, April in Göttingen

Beitrag von Johanna Niesen

Unser Balkon ist nur vier Quadratmeter groß, aber in Zeiten Coronas erfüllt er viele verschiedene Zwecke und ist Ort unterschiedlicher Aktivitäten. Die Überschneidungen des Gebrauchs der Wohnräume wird an unserem kleinen privaten Freiraum für mich besonders deutlich. Unser Balkon ist Balkonien, Kräutergarten, Homeoffice, Sonnenplatz, Sandkiste, Esszimmer und vieles mehr. Am Wochenende oder nachmittags spielt unsere Tochter hier mit ihrer (sehr kleinen) Sandkiste, planscht mit Wasser, wenn die Nachmittagssonne schön warm ist, trägt die Gummistiefel, die hier stehen durch die Gegend, sortiert die Steine, die wir irgendwann am Strand gesammelt und als Erinnerung mitgenommen haben. Mein Mann oder ich liegen in der Sonne und lesen (das kann nur einer machen, für zwei Liegestühle ist nicht genug Platz), entspannen und träumen von Urlaub. Abends wird hier des Öfteren Abendbrot gegessen, dann steht die Sonne so tief, dass der Sonnenschirm auch nichts mehr bringt. Nachmittags, wenn hier grade nicht gespielt wird, kann ich gut am kleinen Tisch unter dem Sonnenschirm arbeiten. Manchmal höre ich der Nachbarin unter uns beim Telefonieren zu, beobachte Menschen, die unten auf dem Gehweg vorbeilaufen, oder die Hummeln, die in den Balkonkästen unterwegs sind. Abends lassen wir manchmal den Abend hier ausklingen: es ist der einzige Ort in der Wohnung, wo wir ein Baby Phon brauchen, weil wir unsere Tochter sonst nicht hören würden, würde sie aufwachen. Es ist ein Raum, der ein bisschen Abstand bietet, wenn einem in der Wohnung die Decke auf den Kopf fällt, ein bisschen frische Luft, ein paar Sonnenstrahlen und das Gefühl eines Ortswechsels – zumindest ein bisschen…

(Foto April 2020: Johanna Niesen, Göttingen)

Das Post-Corona Zeitalter?!

Beitrag von Daniel Münderlein

Aktuell sind verschiedene Lockerungen im Umgang mit der Covid-19 Pandemie zu beobachten, welche für viele Menschen als Indiz für die erhoffte Rückkehr zur Normalität aufgefasst werden. Trotz allem bleibt die Frage bestehen, wann die Corona wirklich vorbei sein wird und welche Welt uns danach erwartet.  Hinsichtlich der zeitlichen Entwicklung der Pandemie existieren unterschiedliche Prognosen.

Gemeinhin wird vermutet, dass erst die Fertigstellung der Impfstoffentwicklung einen wichtigen Meilenstein im Umgang mit Corona darstellt. Auch die Erlangung von Herdenimmunität, also der Erkrankung und Genesung von einem größeren Teil der Bevölkerung, könnte einen bedeutsamen Schritt auf der Rückkehr zur Normalität darstellen. Wie lange nun die Einführung eines Impfstoffes auf sich warten lässt oder die Ausbildung von Immunität in größeren Teilen der Bevölkerung andauert, vermag aktuell wohl niemand zu prognostizieren. Dies liegt zum einen an dem hohen Infektionspotential von Corona und zum anderen begründet es sich aus dem grundsätzlichen Charakter von Pandemien. Diese sind in ihrer Natur und in ihrem Verlauf einzigartig und können daher auch nicht auf der Grundlage von Erfahrungswerten beurteilt werden. So kann auch der mögliche Erfolg von Eindämmungsmaßnahmen, wie dem ‚Phyiscal Distancing‘ und die, auf diesem Blog umfangreich dokumentierte, Einschränkung der Nutzung des öffentlichen Raumes nicht konsequent evaluiert werden, da keine entsprechenden Vergleichswerte existieren.  

In Anbetracht dieses gesellschaftlichen Schwebezustandes und des aktuellen Ausnahemodus hat es sich das Zukunftsinstitut zur Aufgabe gemacht, über die Welt nach Corona nachzudenken. Zu diesem Zweck werden verschiedene Zukunftsbilder entwickelt, welche mögliche „Zukünfte“ in einem Post-Corona Zeitalter beschreiben.

  • Szenario 1: Die totale Isolation – Alle gegen alle
  • Szenario 2: System-Crash – Permanenter Krisenmodus
  • Szenario 3: Neo-Tribes – Der Rückzug ins Private
  • Szenario 4: Adaption – Die resiliente Gesellschaft

(Quelle: Nach Corona: Kommt die resiliente Gesellschaft?)

Beitrag „Nach Corona: Kommt die resiliente Gesellschaft?“ (Bildschirmfoto: Daniel Münderlein)

Methodisch stützt sich das Institut weniger eine Prognose von Unvorhersehbarem, sondern auf eine gedankliche Rückschau aus der Zukunft in die aktuelle Gegenwart. Mit dieser Betrachtung in Form einer Re-Gnose geht nicht nur die aktuell verbreitete Identifikation von Gefahren, Risiken und Probleme einher, sondern es gelingt auch ein optimistischer Blick in die Zukunft. Dieser beruht zum Beispiel auf einem Sprung in der Weiterentwicklung und Etablierung von digitalen Kulturtechniken und digitalen Bildungsangeboten, sowie in einer Neugewichtung des multilokalen Arbeitens. Auch eine Wiederzuwendung zu lokalen Wirtschaftsressourcen und kurzen Wertschöpfungsketten wird diskutiert. Für den Erholungssektor könnte das Post-Corona Zeitalter die Reduzierung von Fernreisen sowie die Wiederentdeckung von regionalen Erholungsangeboten und -destinationen bedeuten.

In der entsprechenden Publikation des Zukunftsinstituts wird Corona als Möglichkeit aufgefasst, sich intensiv mit der Zukunft bzw. möglichen „Zukünften“ auseinander zu setzen und sich zu vergegenwärtigen, dass die pandemische Tiefenkrise nicht zwangsläufig eine Schockstarre sein muss. Als gesellschaftlicher Schönheitsschlaf betrachtet, bietet diese verschiedene Optionen zur Entwicklung neuer zukunftstauglicher Visionen sowie der Reinterpretation aktueller ökonomischer, ökologischer und sozialer Narrative.

Fassaden-Demo

Fassaden-Demo (Foto: Johanna Niesen)

Beitrag von Johanna Niesen

Demonstrieren und Protestieren wurde von den Straßen ins Internet verschoben – wie so vieles, das dieser Tage online stattfindet. Aber auch verschiedene Oberflächen des urbanen Freiraums werden momentan vermehrt zu Trägern politischer auf die Coronakrise bezogener Parolen und Forderungen. Plakate sind auf Mülleimer, Werbeaufsteller und Hauswände geklebt, der Asphalt der Gehwege wird mit Kreide beschrieben und Banner hängen aus Fenstern und an Fassaden von Wohnhäusern – viele mit dem Hashtag #LeaveNoOneBehind.

(Fotos April 2020: Johanna Niesen, Göttingen)

Neue Möglichkeiten

Beitrag von Stefanie Hennecke

Trotz all der Einschränkungen in der Zeit der Pandemie, eröffnen sich an manchen Stellen neue Möglichkeiten. Viele Vorträge, Konferenzen, Veranstaltungen zu Themen der Freiraumplanung sind kurzfristig abgesagt worden. Einige Institutionen haben Ihre Reihen aber auch ins Netz verlegt, wo sie jetzt online für diejenigen zugänglich sind, die nicht vor Ort leben.

So zum Beispiel die Vortragsreihe „California Dreaming“ des Zentralinstituts für Kunstgeschichte in München. Die Reihe bietet für die Landschaftsarchitektur und Freiraumplanung viele interessante Vorträge immer montags von 18.30-20.00 Uhr via Videoschaltung: Programm.

Anders Demonstrieren

Beitrag von Stefanie Hennecke

(Bildschirmfoto 24.4.2020: Stefanie Hennecke)

Eine wichtige politische Funktion des öffentlichen Freiraums ist derzeit außer Kraft gesetzt. Er darf seit Mitte März in Deutschland nur noch sehr eingeschränkt als Ort des politischen Protestes genutzt werden. Auch wenn die Nutzung für Demonstrationen in der Geschichtsschreibung der öffentlichen Parks und Plätze oft eine Randnotiz ist, die meist eher die entstandenen Schäden an Hecken und Rasenflächen betont als den gesellschaftlichen Mehrwert der Möglichkeit der Ausübung demokratischer Grundrechte auf unverbauten innerstädtischen Flächen, so ist Möglichkeit der Versammlung zum politischen Meinungsaustausch doch ein konstituierendes Element für öffentliche Grünflächen.

Hennecke, Stefanie 2012: Der Park als politischer Raum – Ein Rückblick auf Nutzungskonzepte und Nutzungsgeschichten öffentlicher Parkanlagen. In: Stadt + Grün/Das Gartenamt, 61. Jg., Februar 2012, S. 7-12.

Das Demonstrieren im öffentlichen Raum wurde in den ersten Erlassen zur Bekämpfung der Pandemie in Deutschland seit Mitte März mit dem Verweis auf einzuhaltende Abstandregeln weitgehend untersagt. Mit den Lockerungen sind seit dem 20. April 2020 nun in einigen Bundesländern wieder Versammlungen von bis zu 50 Personen erlaubt, wenn Abstandsregeln eingehalten werden.

Am 1. Mai 2020 wurde zum Tag der Arbeit unter diesen Bedingungen in vielen Städten kleinere Demonstrationen im öffentlichen Raum abgehalten, einige Gruppen verlegten das Demonstrieren ins private Auto und veranstalteten einen Autokorso (Pressemitteilung Berlin 30.4.2020). Der Deutsche Gewerkschaftsbund hielt seine Großdemonstration allerdings im Internet ab (DGB).

Auch der schon seit Langem für den 26. April 2020 geplante globale Klimastreik von Fridays for Future wurde als Internetdemonstration durchgeführt (siehe Bildschirmfoto des Livestreams). Die Bewegung Fridays for Future (FFF) entwickelte sich aus dem individuellen Schulstreik, den die schwedische Schülerin Greta Thunberg im August 2018 begann. In Deutschland wurde FFF im März 2019 zu einer großen Schulstreik- und Demonstrations-Bewegung und entfaltete ihre bisher größte Mobilisierungskraft zum Globalen Klimastreiktag am 20. September 2019 mit weltweit mehreren Hundertausenden Teilnehmer*innen in vielen Städten. Jetzt sind die Schulen geschlossen, können also nicht bestreikt werden und die Möglichkeit für öffentliche und medienwirksame Massenproteste ist ausgesetzt. Der globale Klimastreik wurde am 26. April 2020 also ins Internet verlegt und die Teilnehmer*innenzahl über Netzklicks während des Livestreams und Voranmeldungen in einem Internetportal ermittelt.

Stellvertretend für die Menschen legten die Aktivisti*innen auf  der Wiese vor dem Reichstag in Berlin als Zeichen des Massenprotests 15.000 vorab von Protestierenden selbst gefertigte, gesammelt ausgedruckte und für 24 Stunden in Quarantäne genommene Plakate aus, die über Drohnenfotos ein Gefühl der Vielen im Regierungsviertel erzeugten. Die physische Präsenz im analogen Raum scheint für das Demonstrieren nicht verzichtbar (Internetauftritt FFF).

Eine ähnliche Stellvertreterdemonstration fand bundesweit am 24. April mit Stühlen statt, die Gastronomiebetreiber*innen auf öffentlichen Plätzen aufstellten, um auf die ihre wirtschaftliche Existenz bedrohende Lage aufmerksam zu machen. (z. B. Berichterstattung im WDR)

Die Bilder dieser Demonstration wecken Erinnerungen an die Aufstellung von frei beweglichen und kostenfrei nutzbaren Stühlen im öffentlichen Raum, wie es in den 1970er Jahren beliebt war. Inzwischen sind etwa die weißen mit Metalldraht bespannten die Stühle, die man sich je nach Sonnenstand und Gruppengröße platzieren konnte, vom Marienplatz in München längst verschwunden. Sie würden den dichten Strom der Menschen in der überfüllten Fußgängerzone nur behindern. In Zürich auf dem Sechseläutenplatz wurden in den letzten Jahren aber neue robuste und frei verstellbare „öffentliche Stühle“ aufgestellt.

Die von der Gastronomie im öffentlichen Raum angebotenen Sitzgelegenheiten sind hingegen immer mit der Pflicht zum Konsum verbunden. Hier entzünden sich seit vielen Jahren intensive Diskussionen über den öffentlichen Raum und seine Kommerzialisierung oder Rückeroberung …

(Bildschirmfoto 24.4.2020: Stefanie Hennecke)

Abstandsregeln 3: Gesperrte Bänke

Beitrag von Inken Formann

Gesperrte Bänke in der Louisenstraße in Bad Homburg
(Foto 28.04.2020: Inken Formann)

Die Nutzung von Bänken ist in Zeiten von Corona in den städtischen Freiräumen reglementiert. Die Stadt Bad Homburg hat in der Haupteinkaufsstraße eine Lösung zur Wahrung des Abstands zwischen Erholungssuchenden gefunden, die sie sich perfiderweise als Geschenk tarnt.

Regenbogenfenster

Regenbogenfenster (Foto: Johanna Niesen)

Beitrag von Johanna Niesen

Es ist schon fast zu einem Wettstreit geworden: wer hat den schönsten, größten buntesten Regenbogen im Fenster. Es wirkt so, als sei diese Aktion von Eltern gestartet worden um ihre Kinder zu beschäftigen und um ihnen auf den täglichen Spaziergängen anhand der Regenbogen erklären zu können, dass auch andere Familien Abstand halten müssen, andere Kinder nicht in die Kita gehen dürfen, ihre Freunde / Freundinnen nicht sehen können und auch die Großeltern nicht besuchen.

(Fotos April 2020: Johanna Niesen, Göttingen)

Der epidemiologische Blick auf den öffentlichen Raum

Flatten The Curve (Foto: Daniel Münderlein)

Beitrag von Daniel Münderlein

Mit Begriffen wie ‚Flatten the curve‚ oder ‚Social Distancing‘ sind epidemiologische Maßnahmen zum Umgang bzw. zur Eindämmung der COVID-19 Pandemie in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Die Disziplin der Epidemiologie stützt sich primär auf den Umgang mit statistischen Daten und bereitet diese in Form von Graphen und Diagrammen auf. Der epidemiologische Blick beinhaltet einerseits raumbezogene Komponenten wie die Einhaltung von konkret dimensionierten Abständen zum Infektionsschutz und andererseits begreift dieser Gesellschaft auch als Netzwerk von sozialen Verbindungen, welche als mögliche Ausbreitungswege der Pandemie fungieren können. Wenn wir daher über die Bedeutung von öffentlichem Raum im Kontext von COVID-19 sprechen, gilt es demnach nicht nur über Distanzierung, Verringerung von persönlicher Mobilität oder Homeoffice nachzudenken, sondern auch theoretische Raummodelle im Hinterkopf zu behalten. In diesem Zusammenhang lassen sich mindestens drei verschiedene Konzepte von Raum unterscheiden.

  • Öffentlicher Raum als Diskursraum: Die Bedeutung von öffentlichem Raum als Möglichkeitsrum für politische Auseinandersetzungen oder freie Meinungsäußerung ist im Zuge der Eindämmungsmaßnahmen in den Hintergrund getreten, da Menschenansammlungen vermieden und Kontakte minimiert werden sollen.

  • Öffentlicher Raum als Kontaktraum: Im Kontext mit COVID-19 wird öffentlicher Raum stärker als Kontaktraum mit Bedrohlichem definiert, da dort latente und nicht erkennbare Infektionspotentiale auf den Menschen lauern. Öffentlicher Raum erfährt somit eine partielle Umdeutung, indem er weniger für lebendiges urbanes Leben steht und stärker als Quelle von gesundheitlicher Gefahr und Bedrohung dargestellt wird.

  • Öffentlicher Raum als Intensitäts- und Bewegungsraum: Der pulsierende und dem Leben zugewandte öffentliche Raum scheint während der Pandemie zu erstarren und fungiert in medialer Berichterstattung als Chiffre für Stille, Einsamkeit und Entschleunigung.

In einem Podcast der Bundesstiftung für Baukultur wird von einer neuen Erwartungshaltung an ArchitektInnen und PlanerInnen gesprochen, welche in einem epidemiologischen Gestaltungsanspruch für öffentliche Räume besteht. COVID-19 wird in diesem Zusammenhang mit Sicherheit auch dem Aufgabenfeld Public Health neue Relevanz verleihen. Während der Freiraumplanung disziplingeschichtlich eine gewisse pädagogische und erzieherische Qualität anhaftet, wird diese möglicherweise im Zuge der Pandemie um eine disziplinarische Komponente ergänzt, um gesunde und lebenswerte Freiräume aufrecht zu erhalten und weiterzuentwickeln. Der Freiraumplanung könnte in diesem Zusammenhang die Aufgabe zufallen, FreiraumnutzerInnen zu einem gesunden Freiraumverhalten zu disziplinieren. Das erneute Austarieren von Nähe und Distanz könnte Bestandteil zukünftiger Planungen werden. Auch das Verhältnis von freien nicht codierten Räumen als Nährboden für individuelle Aneignungsprozesse sowie Freiräumen, welche offensiv eine gewisse Nutzung vorgeben, könnte gemäß dem epidemiologischen Blick neu überdacht werden. Möglicherweise können durch Gestaltungs- und Planungsprozesse auch hohe Nutzungsintensitäten zeitlich entzerrt werden, um dem Aufeinandertreffen vieler Menschen auf engem Raum vorzubeugen.

Alles wird gut, wir bleiben zu Hause

Beitrag von Stefanie Hennecke

(Foto 05.04.2020: Matthias Seidel)

In einem Berliner Miethaus der Gründerzeit ist Anfang April 2020 neben einem von Kindern ausgemalten Regenbogenvordruck zu lesen: „Alles wird gut. Wir bleiben zuhause“. Der Regenbogen schwebt über einem Einfamilienhaus im Grünen.

(Foto 05.04.2020: Matthias Seidel)

Die Kombination von Bild und Text mutet wie ein Abgesang auf die Errungenschaften der modernen Freiraumplanung an. Dass alle Kinder unabhängig vom Einkommen der Eltern oder dem Geschlecht in der dichten Stadt im Freien spielen können, ohne Aufsicht aber dennoch sicher etwa vor den Gefahren des zunehmenden Verkehrs, war seit dem beginnenden 20. Jahrhundert eine zentrale Begründung für die Einrichtung von Spielplätzen und öffentlichen Parkanlagen. Die Freiraumplanung sieht es seit ihren Anfängen als eine ihrer Aufgaben an, die gerechte Verteilung und angemessene Ausstattung der grünen Infrastruktur für das verdichtete Wohnen einzufordern.

Das Gegenmodell dazu, das Einfamilienhaus im Grünen, ist zwar nach wie vor der Wunschtraum vieler. Unbestreitbar ist aber auch, dass dieser Wunschtraum notwendigerweise einer kleinen Minderheit vorbehalten bleiben wird, im Angesicht des Klimawandels nicht nachhaltig ist und für die große Masse das Wohnen anders organisiert werden muss. Dass mit dem Ziel der Eindämmung der Covid-19-Pandemie das „Zuhausebleiben“ eine Zeitlang für sinnvoll erachtet wird, ist nachvollziehbar. Dass dieser Akt der Selbstbeschränkung aber mit dem Regenbogen über dem romantischen Häuschen aus vergangenen Zeiten sowie der Hoffnung auf das umfassende „Gutwerden“ verbunden wird, macht besorgt. Ebenso dass diese Aussagen den ausmalenden Kindern in den Mund gelegt werden. Die demokratischen Errungenschaften des grünen innerstädtischen Freiraums sollten nicht mit so lieblichen und letztlich elitär-konservativen Bildbeigaben in Quarantäne genommen werden.