Stadttiere oder Tierstädte?

Gastbeitrag von Mieke Roscher

(Foto 19.5.2020: Mieke Roscher, Bremen)

Letztes Jahr hat unsere Vermieter den Hinterhof „hübsch“ gemacht, ein paar Zierbeete angelegt und vor allem einen kleinen Baum in die Mitte des Hofes gepflanzt. Dieses Frühjahr sind dort zwei dicke Tauben eingezogen, eigentlich viel zu schwer für das zarte Bäumchen, aber sie schätzen wohl, dass der Hof nicht oft genutzt wurde und der Vermieter in Berlin im Corona-Lockdown ausharrte. Der Vermieter, so viel sei verraten, war bei seiner Inspektion jetzt nicht mehr so begeistert. Rotkehlchen wären schön gewesen, hätten wahrscheinlich auch in sein ästhetisches Empfinden eines Bremer Hinterhofes gepasst, auch Meisen wären wohl eine Zierde gewesen, aber nicht Tauben. Dabei hatten die nur die Gelegenheit am Schopf gegriffen, einmal nicht verjagt zu werden und sich einen schönen Platz gesucht, 200 Meter Luftlinie zur Weser, Grünanlagen nebenan, Katzendichte überschaubar. Was will „Taube“ mehr.

So wie diese Tauben scheinen auch andere Tiere die Gunst der Stunde einer Menschenwelt in Quarantäne genutzt zu haben, um mehr oder weniger attraktive Orte aufzusuchen, zu erkunden oder gar zu besetzten, die für sie eigentlich nicht vorgesehen waren. Bilder von Bergziegen in walisischen Dörfern, die damit beschäftigt sind die Grünrabatten zu stutzen, Pumas, die in Santiago de Chile Parkhäuser erkunden, Coyoten, die die verlassen Straßen von San Francisco und Chicago auf der Suche nach Beute durchstreifen, machten die Runde.

Anders als unser Vermieter sind aber die meisten Menschen entzückt darüber, dass plötzlich Rehe, gar nicht mehr scheu, vor ihren Fenstern die Blumen abfressen oder freuen sich über Affen, die auf Thailands Straßen geradezu zügellos ihrem animalischen Wesen freien Lauf lassen . Sie werden nicht nur geduldet. Es scheint etwas Tröstendes darin zu liegen, dass wenigsten die Tiere noch ihren Spaß haben.

Vor gut 20 Jahren hatten die Kulturgeografen Chris Wilbert und Chris Philo von den sogenannten „Animal Spaces“ und „Beastly Places“ gesprochen und unter ersteren die den Tieren vom Menschen zugewiesenen Orte und Landschaften verstanden, also die Tierparks, die Weiden und Ställe, aber auch die Laboratorien und Schlachthäuser. Beastly Places sind hingegen jene Orte menschlicher Nutzung und Planung, die sich Tiere selbst aneignen.

Vor Corona waren die Posterchildren dieser Beastly Places wohl die von Wildschweinen in Berlin gründlich durchgegrabenen Vorgärten oder die von Waschbären in Kassel geräuberten Mülltonnen. Mit dem Lockdown, der in Deutschland natürlich nie ein solcher war, aber wir leben nun mal in einer globalen Welt und da wird gerne das Worst-case Vokabular übernommen, schien sich die ganze Welt in Beastly Places zu verwandeln. Zumindest suggerierten dies die Bilder, die aus den wirklich vom Lockdown betroffenen Gebieten über die Medien auf allen Kanälen zu uns kamen. Dass Tiere dabei die Ordnung des von Landschaftsgärtner*innen, Landschaftsarchitekt*innen und Hobbypflanzer*innen geplanten Ideals einer Menschenstadt mitunter sichtbar durcheinanderbrachten, wurde, außer von den unmittelbar Betroffenen, vor allem mit Amüsement, Heiterkeit und Wohlgefallen aufgenommen. „Das sind die Bilder, die wir momentan brauchen“, entfuhr es mehr als einmal Moderator*innen durchaus seriöser Nachrichtensendungen. Bilderstrecken gab es auch in vielen Zeitungen und Zeitschriften (etwa beim Guardian oder in National Geographic).

Solche Züge nahm die Vorstellung einer Welt an, die zwar aus den Fugen geraten zu sein scheint, aber in der immerhin die Tiere ihre Freude haben, dass bald gefälschte Bilder zirkulierten die vortäuschen sollten, dass nun endlich wieder Delfine in den Lagunen Venedigs zu sehen wären oder dass Elefanten in chinesischen Teeplantagen ihren Rausch ausschlafen würden. Schnell gab es offensichtliche Überzeichnungen, etwa die Darstellung von sogenannten Spreedelfinen.

Was hier zu beobachten ist, ist einerseits eine Hoffnungsnarrative, in der in der tierlichen Aneignung menschlicher Räume eine Rückkehr in eine normalere, natürlichere Zeit suggeriert wird, mit der der Corona-Pandemie also etwas Gutes abgewonnen werden soll, anderseits, und dass zeigen insbesondere die Überzeichnungen auf eine humorvolle Art und Weise, dass sich die Natur die von Menschen zu lange dominierte Welt zurückholen würde.

Diese Vorstellung ist natürlich nicht nur positiv beladen. Jede Menge Horror- und Apokalypsefilme beginnen genau mit so einem Szenario. Von Planet of the Apes zu 28 Days later oder I am Legend. Die Welt ist radikal von Menschen entvölkert, überlebt haben aber die Tiere, Halbwesen oder Zombies. In diesem Tabula Rasa-Bild, das nicht Neuanfang, sondern allenfalls totale Vernichtung suggeriert, die sich insbesondere in den Städten zeigt, die nur noch Ruinen sind, gibt es keinen Neuanfang, jedenfalls nicht für die Menschheit: Beastly Places in der Totale. Wie wichtig aber die Verquickung von Raum, Landschaften und Tieren für unsere Vorstellung von Welt ist, zeigt sich in beiden Bildern. Sowohl Ordnung wie Unordnung, Raumaneignung und -verlust lassen sich mit einem tierlichen Gegenüber besser erzählen. Hier in Bremen scheint zumindest vorübergehend wieder Ordnung eingezogen zu sein. Die Tauben haben sich jetzt, zur Freude des Vermieters, einen neuen Platz gesucht und in Nachbars Garten neues Domizil bezogen: In den Wipfeln eines Ahorns, außerhalb der Reichweite des Menschen – oder zumindest des Vermieters.

Literatur: Philo, Chris / Wilbert, Chris (2000): Animal Spaces, beastly Places: An introduction, in: Dies. (Hg.), Animal Spaces, Beastly Places: New geographies of human-animal relations, London, S. 1–34.