Balkonien 2

Beitrag von Stefanie Hennecke

Der Balkon ist jetzt auch ein wichtiger Ort des nachbarschaftlichen Austausches geworden. Neben den Gesprächen von Balkon zu Balkon und vom Balkon zur Straße, die den Sicherheitsabstand garantieren, hat sich in Berlin in manchen Häusern das gemeinsame Beifallklatschen für die Beschäftigten im Gesundheitswesen um 19.00 Uhr als Ritual etabliert.

Hörprobe vom 25.4.2020, 19.01 Uhr

Im Internet findet man zahlreiche Filme zu Balkonflashmobs besonders aus Italien, in denen über die Balkone hinweg gemeinsam gesungen und musiziert wird oder wo die Nachbar*innen mit Gläsern, die an Bambusstangen befestigt werden, miteinander anstoßen.

In Berlin Schöneberg hat sich ein Balkon-Nachbarschaftskonzert schnell zu einem täglichen frühabendlichen Partyereignis mit wachsendem Publikum auf der Straße entwickelt. Es wurde aus Rücksichtnahme auf das Abstandsgebot ebenso schnell wieder eingestellt.

Von Balkonoffice bis Balkonien

Foto: Johanna Niesen, April in Göttingen

Beitrag von Johanna Niesen

Unser Balkon ist nur vier Quadratmeter groß, aber in Zeiten Coronas erfüllt er viele verschiedene Zwecke und ist Ort unterschiedlicher Aktivitäten. Die Überschneidungen des Gebrauchs der Wohnräume wird an unserem kleinen privaten Freiraum für mich besonders deutlich. Unser Balkon ist Balkonien, Kräutergarten, Homeoffice, Sonnenplatz, Sandkiste, Esszimmer und vieles mehr. Am Wochenende oder nachmittags spielt unsere Tochter hier mit ihrer (sehr kleinen) Sandkiste, planscht mit Wasser, wenn die Nachmittagssonne schön warm ist, trägt die Gummistiefel, die hier stehen durch die Gegend, sortiert die Steine, die wir irgendwann am Strand gesammelt und als Erinnerung mitgenommen haben. Mein Mann oder ich liegen in der Sonne und lesen (das kann nur einer machen, für zwei Liegestühle ist nicht genug Platz), entspannen und träumen von Urlaub. Abends wird hier des Öfteren Abendbrot gegessen, dann steht die Sonne so tief, dass der Sonnenschirm auch nichts mehr bringt. Nachmittags, wenn hier grade nicht gespielt wird, kann ich gut am kleinen Tisch unter dem Sonnenschirm arbeiten. Manchmal höre ich der Nachbarin unter uns beim Telefonieren zu, beobachte Menschen, die unten auf dem Gehweg vorbeilaufen, oder die Hummeln, die in den Balkonkästen unterwegs sind. Abends lassen wir manchmal den Abend hier ausklingen: es ist der einzige Ort in der Wohnung, wo wir ein Baby Phon brauchen, weil wir unsere Tochter sonst nicht hören würden, würde sie aufwachen. Es ist ein Raum, der ein bisschen Abstand bietet, wenn einem in der Wohnung die Decke auf den Kopf fällt, ein bisschen frische Luft, ein paar Sonnenstrahlen und das Gefühl eines Ortswechsels – zumindest ein bisschen…

(Foto April 2020: Johanna Niesen, Göttingen)