Temporäre Spielstraßen

(Foto 10.05.2020: Stefanie Hennecke)

Beitrag von Stefanie Hennecke

Seit Anfang Mai können im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg an Sonntagen Straßen temporär für den Autoverkehr gesperrt werden, um während der pandemiebedingten Einschränkungen zusätzliche wohnungsnahe Freiräume in dicht bewohnten und mit Freiräumen unterversorgten Stadtquartieren anbieten zu können. Für eine Testphase bis Mitte Juni können in diesem Bezirk 19 solcher temporärer Spielstraßen von interessierten Anwohner*innen beantragt werden, inzwischen ermöglichen auch andere Bezirke wie Neukölln oder Pankow diese Möglichkeiten. Bedingung für die Genehmigung ist, dass sich ausreichend freiwillige Helfer*innen als „Kiezlots*innen“ dazu bereit erklären, ehrenamtlich die Straßensperrung zu überwachen.

Für die Zeit der Sperrung ist die Durchfahrt für Autos aber auch für Fahrräder nicht erlaubt. Bereits in den gesperrten Straßenabschnitten parkende Autos können begleitet von den Kiezlots*innen bei Bedarf wegfahren.

(Fotos 10.05.2020: Stefanie Hennecke)

Nach den Pop-up-Radwegen ist diese Möglichkeit der temporären Spielstraße ein zweiter Schritt, wie Berliner Bezirke die Umverteilung des Straßenraums aktiv vorantreiben. In einer dritten Stufe ist seit dem letzten Maiwochenende auf Antrag die temporäre Sperrung von Straßenteilstücken für ein Wochenende auch dann möglich, wenn sich Gastronomiebetreibende zusammenschließen und gemeinsam beantragen, Bürgersteig und Fahrbahn für die Außenbestuhlung nutzen zu wollen.

Die Umverteilung des Straßenraums in Berlin ist auch Gegenstand einer wissenschaftlichen Studie der TU Berlin und des Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC), die die ethischen Aspekte dieser Frage beleuchtet und an verschiedenen Beispiel-Szenarien für Berliner Straßen diskutiert.

Beim Besuch einer temporären Spielstraße nähe Südstern in Berlin am 10.5.2020 fielen mir zwei freiraumplanerisch relevante Aspekte ins Auge:

Delegation an Freiwillige

Die temporären Spielstraßen stehen und fallen mit der Bereitschaft ehrenamtlicher Helfer*innen, ihre Freizeit in Warnwesten an Straßenabsperrungen zu verbringen. Weder Polizei- noch Ordnungsamtkräfte waren vor Ort, um den Verkehrsversuch zu regulieren. Damit steht das Projekt auf sehr wackeligen Füßen und trägt den Charakter eines Zugeständnisses der Stadtverwaltung an einige Aktive. Eine politische Wende in der urbanen Verkehrspolitik manifestiert sich darin noch nicht. Ein weiteres Detail macht die Tendenz deutlich, die Sorge und Aushandlung um die Nutzung um den öffentlichen wohnungsnahen Freiraum als Angelegenheit der Anwohner*innen zu verstehen. Für die Zeit der temporären Sperrung wurde den Kiezlots*innen auch ein Schlüssel für die Öffnung von Hydranten überlassen, so dass Anwohner*innen die Gelegenheit nutzen konnten, Straßenbäume und öffentliche Freiflächen selbst zu wässern. Auch die öffentliche Pflege wird so in die Freiwilligkeit hineindelegiert.

(Foto 10.05.2020: Stefanie Hennecke)

Konflikt Fuß- und Radverkehr

Die Kiezlots*innen berichteten, dass die größten Konflikte mit Radfahrer*innen ausgetragen werden mussten, die sich weigerten, in der temporär gesperrten Zone vom Fahrrad abzusteigen und zu schieben. Offenbar fühlt man sich als Radfahrer*in intuitiv auf der Seite der „Guten“ in der Verkehrswendediskussion und sieht sich von Verkehrsversuchen zu Gunsten des Spiel- und Fußverkehrsnutzung nicht angesprochen. Ich habe dieses Phänomen an mir selber festgestellt, als ich zunächst ganz selbstverständlich in die Spielstraße hineingeradelt bin. Das unbeschwerte Kreuz- und Querrennen zwischen Hauszugang und Fahrbahn vor allem von Kindern ist aber nur möglich, wenn kein schneller Querungsverkehr, auch nicht von Fahrrädern, zur Gefahr wird. Erst unter dieser Bedingung kann der neue Freiraum Straße in ähnlicher Weise wie eine Wiese im Park genutzt werden.

Dass das Miteinander von Fuß- und Radverkehr im enger werdenden urbanen Straßenraum zu Konflikten führt, ist offensichtlich und wird z. B. vom Interessenverband des Fußverkehrs Fuß e.V. intensiv thematisiert. Die Aushandlung zwischen den verschiedenen Interessen aufgrund verschiedener Geschwindigkeiten muss geführt werden. Das kann aber immer nur in Relation zu dem sehr viel größeren und lebensgefährlicheren Konflikt zwischen Autoverkehr auf der einen und Fuß- und Radverkehr auf der anderen Seite diskutiert werden. Stünden in den Spielstraßen keine überdimensionierten und damit die Sicht behindernden Autos herum, wäre die Gefahr nämlich sehr viel geringer, dass Fuß- und Radverkehre kollidieren. Auch in Parkanlagen kommt das nur selten vor. 

Freiräume kartieren

Gastbeitrag von Flavia Mameli

Im Mai 2019 sorgte die ungewöhnliche Maßnahme eines Parkmanagers in Berlin für Aufsehen: Der Görlitzer Park, von Berlinern zärtlich Görli genannt, beliebt als Treffpunkt in Kreuzberg, aber auch berüchtigt als Marktplatz für Drogen, verfügte jetzt über mit rosa Sprühfarbe markierte Stehplätze für die Dealer. Der unkonventionelle Gestaltungseingriff brachte den Parkmanager in Erklärungsnot. In den lokalen Medien verteidigte er seine improvisierte Zonierung: „Dabei gehe es nicht um eine Legalisierung des Drogenverkaufs, vielmehr sollten die anderen Parkbesucher weniger gestört werden und nicht mehr ein Spalier laufen müssen.“

Rosa Markierungen für Dealer-Plätze im Görlitzer Park.

Damals, im Mai 2019, hätte wohl niemand geglaubt, welchen Einfluss die aktuelle Corona-Pandemie auf unsere Bewegungsfreiheit in urbanen Freiräumen haben würde. Im Mai 2020 postet das Weltwirtschaftsforum auf seiner Instagram-Seite das Foto einer Liegewiese in Brooklyn, New York City und man meint sich ironisch erinnert an das Bild der rosa Parkbuchten aus Kreuzberg: Fein säuberlich auf kreisrunde, isolierte Inseln verteilt, scheint das Parkleben in Brooklyn durchaus seinen gewohnten Gang zu gehen. Die Atmosphäre – so suggeriert es zumindest das Foto – ist entspannt und man genießt den Frühlingssonnenschein. Jeder für sich – alle gemeinsam.

Foto: REUTERS/Eduardo Munoz

Und auch an der Westküste der USA, in San Francisco, kommt die improvisierte Parkzonierung zum Einsatz, wie diese Drohnenaufnahmen zeigen.

In der Landschaftsarchitektur und Freiraumplanung werden Kontrolle, Abschottung und Sicherheit zumeist wesentlich subtiler verhandelt und „verleugnen damit geschickt ihren Verteidigungscharakter“  wie der Architekturkritiker Niklas Maak es treffend in seinem Buch Wohnkomplex. Warum wir andere Häuser brauchen beschreibt. Der Philosoph Michel Foucault würde den Fahrrad- und Joggingspuren, dem Stadtmobiliar, den Hecken und Zäunen wohl ebenfalls eine subtile Form von Kontrolle des öffentlichen Raums unterstellen. Freiraumgestaltung vermag sogar ungewollte Personengruppen oder ungeplante Aneignungen, die gar in Vandalismus enden könnten, im Dienste des reibungslosen Miteinanders des Platzes zu verweisen.

Foucault entwickelte 1975 seine Theorie der Regierbarkeit von Gesellschaften durch die Kontrolle von Bewegung und Position ihrer Individuen und betrachtete dazu u.a. die architektonische Entwicklungsgeschichte von Gefängnissen. Die weißen Kreise auf dem Rasen der öffentlichen Parks in den U.S.A. erscheinen wie ein harmlos improvisierter Versuch,  die Menschen zur sozialen Distanz anzuleiten. Doch was hätte Foucault zu den zu seiner Zeit noch ungeahnten Möglichkeiten der digitalen Überwachung gesagt? Sind wir in Zeiten von Corona nun endgültig in der Disziplinargesellschaft aufgegangen?

Überwachung wird heute vor allem als Open-Source Projekt betrieben. Sogenannte Self-Reporting Apps sollen Menschen warnen, die mit positiv getesteten Personen in Kontakt waren. In 2020 überwachen wir selbst unsere Bewegungen im öffentlichen Raum – für den guten Zweck. Und: Wir können uns jederzeit über die Zahlen der weltweiten Pandemieentwicklung informieren.

Screenshot der kumulierten bestätigten Corona-Fälle weltweit am 23.05.2020 auf der JHU Website. (Foto 23.05.2020: Flavia Mameli)

Aktivisten wie das Mapping Action Collective machen sich genau diese Technologien des community-basierten Mappings zunutze und verwenden digitale Daten und Karten, um Aktivisten zu unterstützen, die sich für soziale und ökologische Gerechtigkeit einsetzen. Bemerkenswert ist daran, dass das Kartieren – eigentlich das traditionelle Machtmittel „der Regierenden“ – im Sinne der Graswurzelbewegungen konterkariert wird.

Dabei ist der Mapping-Aktivismus durchaus keine ganz neue Disziplin: Künstler*innen und Aktivist*innen nutzen das DIY-Kartieren bereits seit den 1970er Jahren als Medium ihres ästhetischen Widerstands, wie etwa die Collagen von Öyvind Axel Christian Fahlström oder Soziogramme von Mark Lombardi zeigen.

Die Erzeugung visuellen Wissens, sei es von Staaten, Institutionen oder Aktivisten, wird zunehmend auch unter dem Begriff der Viskurse in den Sozial- und Kulturwissenschaften verhandelt und Visualisierungstools wie Entity Mapper werden für die qualitative Sozialforschung entwickelt. 

Die Digitalisierung bietet Aktivist*innen und Forschenden heute eine Vielzahl mehr Informationen, mehr Darstellungsmöglichkeiten und mehr Publikationskanäle. Die Grenzen von Überwachung und Widerstand sind dabei sicher noch längst nicht ausgelotet worden. Vor diesem Hintergrund ist die „Corona-Krise“ auch eine Zeit, die Diskurse über (Selbst-)Überwachung und (individuelle) Freiräume – sei es analog oder digital – noch einmal neu beleuchten wird.

In der Open Access-Reihe von transcript Bielefeld ist 2019 die Publikation This is Not an Atlas erschienen, die 40 „Counter-Kartographien“ umfasst. Das Werk von kollektiv orangotango+ kann auf der Verlagsseite kostenlos heruntergeladen werden.

Berlin als Hidden object map von Markus Wende und Marc Amann (CC BY-NC-ND 4.0).
Aus: This is not an Atlas, transcript Verlag Bielefeld.

Abstand oder: Das Gefühl für die Distanz

(Foto: Michael Strobl)

Gastbeitrag von Matthias Seidel

Sehr bald, nachdem die Sars-Cov-2-Pandemie Mitteleuropa erreicht hatte, wurde klar: Sich einander nicht zu nahe zu kommen, Abstand zu halten, ist eine der wenigen gesicherten Möglichkeiten, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Als räumliches Maß dafür hat sich in Deutschland eine Distanz von 1,50 m durchgesetzt. Empfohlen waren anfangs kurzzeitig auch 2 m, während gleichzeitig etwa in dem schwer getroffenen Italien wie auch in Österreich 1 m für ausreichend gehalten wurden. Doch hat man sich gesellschaftlich erst einmal auf ein Maß geeinigt, stellt sich tagtäglich die Frage der Umsetzung: Wie kann die Einhaltung dieser Abstandsregeln in der Praxis gelingen? Woran kann jede*r Einzelne sich denn orientieren, um das rechte Maß zu erreichen und dann zu halten? 

Diese Fragen haben mittlerweile insbesondere Ladenbesitzer, im Zuge der schrittweisen Wiederöffnung ihrer Geschäfte, mit Markierungen auf dem Boden beantwortet. Dabei wird jedoch entsprechend dieser spezifischen Situationen immer linear operiert: für eine Reihe von Menschen, die sich geduldig anstellen und dabei einander nicht zu nahe kommen sollen. Was aber ist in der Fläche? Und gar im Raum? 

Aus ganz eigenem Erleben drängten sich mir diese Fragen schon sehr bald auf. Denn trotz des Beginns des Lockdown in Deutschland konnte ich weiterhin einen Vorteil der Erdgeschosszone in Berliner Straßen nutzen – nämlich das Arbeiten am Rande des öffentlichen Raums, quasi auf dem Gehweg. Das hat in jahrelanger Praxis insgesamt zu ganz eigenen Erfahrungen geführt, ist nochmal deutlich anders als Home-Office auf dem eigenen Balkon [wie z. B. im Beitrag von Johanna Niesen zu diesem Blog vom 12. Mai 2020 erwähnt], und könnte an sich den Stoff für einen eigenen Text zu sozialer Kontaktaufnahme und Kontaktpflege aber auch zu Konflikten und Problemlagen des Zusammenlebens im städtischen Raum und Alltag hergeben. 

Für den hier relevanten aktuellen Zusammenhang aber ist die Beobachtung ausschlaggebend, die ich alltäglich vor meinem schon seit Anfang März geschlossenen Ladenlokal machen konnte: Eindeutig ist, dass es den Passant*innen an Erfahrungswerten für Distanzen schlicht fehlt. Kaum eine*r hatte ein „Gefühl“ dafür, was 1,50 m Abstand für räumliches Sich-begegnen tatsächlich bedeutet. Jede*r, der sich mit dem Rad bewegt, hat das leidvoll verinnerlicht, angesichts viel zu nah vorbeirasender PKW und LKW [wo mittlerweile innerorts 1,50 m Abstand vorgeschrieben sind, siehe die jüngste StVO Novelle]. Aber als Fußgänger*in waren solche Distanzgebote im bisherigen Leben gar nicht existent – und sind daher auch nicht erlernt oder eingeübt worden. In den vor Ort geführten Gesprächen mit Nachbar*innen oder Bekannten habe ich das eine oder andere Mal die jeweiligen Einschätzungen mithilfe eines Maßbands oder Zollstocks überprüft. Es ergab sich, dass die meisten 1,50 m wie 2 m empfanden, gemessene 2 m sogar eher wie deren 3…

So ist die Idee entstanden, eine Visualisierung in Form einer Urban Intervention mit minimalen Mitteln vor dem eigenen Arbeits- und Lebensraum anzulegen: Das „Social-Distancing-Grid“. Um eine Orientierung zu bieten, die in alle drei Raumdimensionen greift, wählte ich das Mittel des Rasters: Durch weiße Kreuze aus textilem Klebeband habe ich entlang der Ladenfront sowie in Richtung Bordstein jeweils das Maß von 1,50 m markiert, gemessen von Kreuzungspunkt zu Kreuzungspunkt. So sind 12 Felder [à jeweils 2,25 m²] entstanden. Zusätzlich habe ich das Raster an einer Stelle um ein Kreuz auf 1,50 m Höhe ergänzt. Die Möglichkeit dazu bietet sich an der Straßenlaterne: Sie hat genau 3 m Abstand von der Fassade, sodass sie einen Verweis auf die dritte Dimension passgenau aufnehmen kann. Das Maß auch in die Höhe abzutragen, ist im Umfeld von zu Fuß Gehenden in der Tat auch von Bedeutung: Denn es kommt eben nicht nur im Gespräch mit einem Gegenüber vor – quasi auf Augenhöhe – dass man z.B. feuchter ausspricht, als es einem lieb ist. Für den auf dem Sims des bodentiefen Schaufensters Sitzenden zählt auch, in welcher Höhe die verstärkt vorbeitrabenden [Neo-]Jogger*innen ihre diversen Tröpfchen und Aerosole unwillkürlich absondern. Es wird dabei klar: Der Unterschied von Sitz- zu Laufhöhe ist deutlich zu gering, hinsichtlich des empfohlenen Mindestabstands…

Wie in einer Plangrafik hätte ich nun die Maße auf dem Pflaster eintragen können, um das Verständnis und eine leichtere Zugänglichkeit zur Absicht des Rasterfelds bei den Vorbeigehenden zu fördern. Dabei hätte ich auch noch den Abstand von 2,12 m leicht zeigen können, diagonal von Punkt zu Punkt: Denn bei 1,50 m Seitenlänge ist das dann jener mathematisch leicht zu ermittelnde Abstand [1,5 x 1,41 (Wurzel aus 2) = 2,12]. Doch zugunsten einer weniger didaktischen und vielmehr auf dialogische Erklärungen ausgerichteten Herangehensweise habe ich darauf verzichtet. Zudem erzeugt das Rasterfeld ohne Beschriftung eine leicht rätselhafte Anmutung – und steigert dessen Wirkung eher noch. Nicht zu vergessen, dass sich so auch ein Verweis auf Inhalte ergibt, die es normalerweise hinter der Ladentür zu entdecken gibt: drj art projects ist ein Ausstellungsraum für konzeptuelle und minimale Kunst + Architektur.

So hat das Rasterfeld zudem auch eine perspektivische Funktion für künftige Ausstellungseröffnungen oder dergleichen: Bei Zusammenkünften kleiner bis mittelgroßer Gruppen von Besucher*innen werden sich alle, die sich dann im Freien versammeln, leicht vergegenwärtigen können, welchen Abstand einzuhalten eigentlich sinnvoll ist – selbst wenn das allgemeine Bewusstsein dafür im Alltag derzeit bereits wieder zu verschwinden scheint.

Balkonien 2

Beitrag von Stefanie Hennecke

Der Balkon ist jetzt auch ein wichtiger Ort des nachbarschaftlichen Austausches geworden. Neben den Gesprächen von Balkon zu Balkon und vom Balkon zur Straße, die den Sicherheitsabstand garantieren, hat sich in Berlin in manchen Häusern das gemeinsame Beifallklatschen für die Beschäftigten im Gesundheitswesen um 19.00 Uhr als Ritual etabliert.

Hörprobe vom 25.4.2020, 19.01 Uhr

Im Internet findet man zahlreiche Filme zu Balkonflashmobs besonders aus Italien, in denen über die Balkone hinweg gemeinsam gesungen und musiziert wird oder wo die Nachbar*innen mit Gläsern, die an Bambusstangen befestigt werden, miteinander anstoßen.

In Berlin Schöneberg hat sich ein Balkon-Nachbarschaftskonzert schnell zu einem täglichen frühabendlichen Partyereignis mit wachsendem Publikum auf der Straße entwickelt. Es wurde aus Rücksichtnahme auf das Abstandsgebot ebenso schnell wieder eingestellt.

Freiraumnutzung durch Obdachlose in der Krise

Beitrag von Stefanie Hennecke

Anknüpfend an den Bericht zu den Zu-Verschenken-Kisten zeigt die folgende Foto-Galerie einen sogenannten „Gabenzaun“ in Berlin Schöneberg. Hier können Kleidung, Gegenstände und Lebensmittel für Obdachlose deponiert und von diesen mitgenommen werden. Von diesen Gabenzäunen gibt es zahlreiche in ganz Berlin, wie der Blog Notes of Berlin berichtet.

Berliner Gabenzaun (Fotos 26.4.2020: Stefanie Hennecke)

Die Obdachlosen durften sich in vielen Ländern in der Anfangsphase der Corona-Krise ebenso wie alle anderen nicht mehr im öffentlichen Freiraum aufhalten. Aus Frankreich wurde berichtet, dass Bußgelder an Obdachlose verteilt wurden noch bevor Turnhallen und leer stehende Hotels für sie geöffnet wurden (Westdeutsche Zeitung 20.3.2020), in Berlin wurden Obdachlose in eine Jugendherberge ohne die sonst üblichen Ostergäste einquartiert. (Pressemeldung Berlin.de vom 23.4.2020) Las Vegas hingegen nutzte die Markierungen eines offenen Parkdecks, um ein Obdachlosenasyl unter Einhaltung der Abstandsregeln einzurichten und erzeugte damit dystopische Bilder der Verregelung des Informellen (The Guardian am 31.3.2020).

Alles wird gut, wir bleiben zu Hause

Beitrag von Stefanie Hennecke

(Foto 05.04.2020: Matthias Seidel)

In einem Berliner Miethaus der Gründerzeit ist Anfang April 2020 neben einem von Kindern ausgemalten Regenbogenvordruck zu lesen: „Alles wird gut. Wir bleiben zuhause“. Der Regenbogen schwebt über einem Einfamilienhaus im Grünen.

(Foto 05.04.2020: Matthias Seidel)

Die Kombination von Bild und Text mutet wie ein Abgesang auf die Errungenschaften der modernen Freiraumplanung an. Dass alle Kinder unabhängig vom Einkommen der Eltern oder dem Geschlecht in der dichten Stadt im Freien spielen können, ohne Aufsicht aber dennoch sicher etwa vor den Gefahren des zunehmenden Verkehrs, war seit dem beginnenden 20. Jahrhundert eine zentrale Begründung für die Einrichtung von Spielplätzen und öffentlichen Parkanlagen. Die Freiraumplanung sieht es seit ihren Anfängen als eine ihrer Aufgaben an, die gerechte Verteilung und angemessene Ausstattung der grünen Infrastruktur für das verdichtete Wohnen einzufordern.

Das Gegenmodell dazu, das Einfamilienhaus im Grünen, ist zwar nach wie vor der Wunschtraum vieler. Unbestreitbar ist aber auch, dass dieser Wunschtraum notwendigerweise einer kleinen Minderheit vorbehalten bleiben wird, im Angesicht des Klimawandels nicht nachhaltig ist und für die große Masse das Wohnen anders organisiert werden muss. Dass mit dem Ziel der Eindämmung der Covid-19-Pandemie das „Zuhausebleiben“ eine Zeitlang für sinnvoll erachtet wird, ist nachvollziehbar. Dass dieser Akt der Selbstbeschränkung aber mit dem Regenbogen über dem romantischen Häuschen aus vergangenen Zeiten sowie der Hoffnung auf das umfassende „Gutwerden“ verbunden wird, macht besorgt. Ebenso dass diese Aussagen den ausmalenden Kindern in den Mund gelegt werden. Die demokratischen Errungenschaften des grünen innerstädtischen Freiraums sollten nicht mit so lieblichen und letztlich elitär-konservativen Bildbeigaben in Quarantäne genommen werden.

Die Ästhetik des erstarrten Freiraums

Gesperrte Parkanlage (Foto: Daniel Münderlein)

Beitrag von Daniel Münderlein

Die raumwirksamen Konsequenzen der COVID-19 Pandemie zeichnen Bilder von dystopischen Geisterstädten, welche den gewohnten Vorstellungen von pulsierenden und lebendigen Freiräumen entgegenstehen. Leere Bürgersteige, abgesperrte Schulhöfe und Spielplätze oder geschlossene Parkanlagen sind die Folge von Auflagen wie ‚Phyiscal Distancing‘ sowie Ausgangsbeschränkungen, welche von der Exekutive zielstrebig und offensiv durchgesetzt werden. Erstarrte und entleerte Freiräume sowie das staatlich verordnete Freiraumfasten sind somit räumliche manifestierte Auswüchse epidemiologischer Schutz- und Mitigationsstrategien.

Der städtische Ruhepuls hat sich in den letzten Wochen drastisch verringert, was geneigten StadtspaziergängerInnen und UrbanistInnen jedoch auch die Möglichkeit neuer Betrachtungen bietet.  Der Kurzfilm Lockdown Berlin bettet diese Ausnahmeästhetik der erstarrten Freiräume der Millionenmetropole in zwanzig stimmungsvolle Minuten voller eindrücklicher Momentaufnahmen. Dieser cineastische Zugang erklärt die surreale Atmosphäre des Erstarrten städtischen Lebens zum Leitmotiv und zelebriert die einzigarte Ästhetik der Einsamkeit aus dem Lockdown.

Abstandsregeln 1: Neue Fahrradwege zur Vermeidung von Ansteckung

Fahrradfahrer halten Abstand in der Karlsaue in Kassel (Foto: Daniel Münderlein)

Beitrag von Stefanie Hennecke

In den letzten Jahren fanden viele Aktivitäten zur Förderung des Fuß- und Fahrradverkehrs in Deutschland aber auch weltweit statt. Im Jahr 2016 war in Berlin ein Volksentscheid zur Förderung des Fahrradverkehrs, der so genannte Radentscheid erfolgreich. Im Juni 2018 verabschiedete das Land Berlin das erste Radverkehrs- und Mobilitätsgesetz in Deutschland. Dem erfolgreichen Radentscheid folgten zahlreiche Initiativen in anderen Kommunen in Deutschland, auch in Kassel.

Diesen Initiativen geht es um eine Umverteilung des ausschließlich für den motorisierten Verkehr genutzten Straßenraums. Fahrrad- und Fußverkehr sollen mehr Raum erhalten. Für den ruhenden Verkehr und für die Fahrstreifen genutzte Flächen sollen dafür reduziert werden (Siehe z. B. Agora Verkehrswende: und deren kürzlich veröffentlichtes Infographik-Comic: „Abgefahren“

Mitten in diese Diskussionen und politischen Aktivitäten platzt nun die Corona-Pandemie und Kommunen weltweit ermöglichen in kürzester Zeit Schritte, die zuvor noch in unendlich weiter Ferne zu liegen schienen :

Aus der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá wird bereits am 18. März 2020 gemeldet, dass ergänzend zu den bereits bestehenden 550 Kilometern Fahrradwegen nun wegen der Covid-19-Pandemie weitere 117 Kilometer an temporären Fahrradwegen eingerichtet werden, um eine gesunde, sichere und ansteckungsfreie Fortbewegung mit dem Fahrrad in der Stadt zu ermöglichen. (Davon berichtet der Weblog Zukunft Mobilität. Die Fahrradwege entstehen durch die Sperrung von Fahrspuren zwischen 6.00 und 19.30 Uhr.

Auch in Berlin wurden bereits am 25. März 2020 im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg testweise temporäre neue Fahrradstreifen eingerichtet (Vgl. die Berichterstattung des Vereins Changing Cities dazu). Nach einer erfolgreichen Testphase diskutieren nun alle Berliner Bezirke weitere Möglichkeiten für den kurzfristigen Ausbau der Fahrradinfrastruktur, was auf der Basis des Fahrradgesetzes rechtlich leichter umzusetzen ist. Und mehrere Petitionen und offene Briefe fordern in diesen Tagen bundesweit von der Politik (offener Brief IASS-Potsdam), den Kommunen (Petition Faire Straßen), oder dem Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (Offener Brief Changing Cities) weitere Maßnahmen zum Ausbau von Fuß- und Radverkehr.

Die hinter diesen Initiativen stehende Argumentation führt an, dass die Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs ein Ansteckungsrisiko berge. Das Radfahren oder Zufußgehen fördere hingegen die Abwehrkräfte und die allgemeine Gesundheit. Das aber nur, wenn man sich sicher und angstfrei durch die Stadt bewegen könne und sich gegenseitig beim Warten an Ampeln oder während des Überholens nicht zu Nahe komme. Diese Argumente überzeugen offenbar auch die Kommunalpolitik, so dass es inzwischen auch in zahlreichen anderen Kommunen zu ähnlichen Aktivitäten gekommen ist, wie ein Newsletter des Vereins Changing Cities berichtet.

Durch die Berichterstattung über die Corona-Krise an den Rand der Wahrnehmung gerückt wurde übrigens die Verabschiedung der Novelle der Straßenverkehrsordnung in Deutschland am 23. März 2020. Neu sind jezt verbindliche Abstandsregeln für das Überholen von Fahrrädern im Straßenverkehr von 1,5 Metern innerorts und 2 Metern außerorts festgelegt worden, die auch in Nach-Coronazeiten noch gelten werden (Siehe BMVI).