Science-Fiction-Motive im Corona-Alltag

Beitrag von Friederike Meyer-Roscher

15 Feuerwehr- und Polizeiautos fahren am 21. März 2020 durch München und eine Computerstimme ermahnt die Anwohner*innen über einen Lautsprecher, zu Hause zu bleiben:

„Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, derzeit gelten strenge Ausgangsbeschränkungen. Bleiben Sie zu Hause. Der Gang zur Arbeit, zum Arzt oder zum Lebensmitteleinkauf ist weiterhin möglich. Zuwiderhandlungen werden hart bestraft“ (Bericht auf www.br.de)

(Video 21.03.2020: Friederike Meyer-Roscher)

Das erinnert an Lautsprecherdurchsagen, wie Sie in Science-Fiction-Filmen vorkommen. Typischerweise werden sie in den Filmen von automatisierten Fahrzeugen oder Robotern verbreitet, die sich durch die regnerischen oder von Smog belasteten Straßen der Megacities bewegen und bei Zuwiderhandlungen unmittelbar bestrafend eingreifen.

So beispielsweise in einer Szene aus Blade Runner 2049 (USA 2017, Regisseur Denis Villeneuve, Timecode 00:15:15, EAN 4 030521 748446, deutsche Sprache): Die Gasse ist fast menschenleer, es regnet stark und ist neblig, die Computerstimme eines massiven Fahrzeugs befiehlt in Dauerschleife: „Achtung, Abstand halten!“

Ein weiteres Beispiel findet sich im Science-Fiction-Film Elysium, als der Hauptdarsteller auf dem Weg zur Arbeit ist. (USA 2013, Regisseur Neill Blomkamp, Timecode 00:05:59, EAN 4 030521 730649, deutsche Sprache). Die Lautsprecherdurchsage fordert: „Bitte bilden Sie eine geordnete Schlange. Ihr Bus ist da.“ Der Hauptdarsteller wird etwas später in der Schlange stehend von Robotern kontrolliert und zeigt nicht umgehend den Inhalt seines Rucksacks. Daraufhin wird er mit Gewalt dazu gezwungen: „Bürger zeigt zivilen Ungehorsam. (…) Die Null-Toleranz-Regel gilt für alle Bürger.“

Auch andere dystopische Aspekte der eingeschränkten Freiraumnutzung erinnern an Motive des Science-Fiction-Films: In vielen bekannten Einstellungen sind ganze Städte weitestgehend verwaist wie in Kampf der Welten (USA 1953, Regisseur Byron Haskin)/Krieg der Welten (USA 2005, Regisseur Steven Spielberg)/I Am Legend (USA 2007, Regisseur Francis Lawrence).

In anderen Science-Fiction-Filmen hat sich die Natur die anthropologisch geprägten Räume bereits zurückerobert wie in Oblivion (USA 2013, Regisseur Joseph Kosinski) oder After Earth (USA 2013, Regisseur M. Night Shyamalan). Hier sind in der Handlung immer Naturkatastrophen oder Invasionen vorangegangen.

In dem 2009 erschienen Film Surrogates (USA, Regisseur Jonathan Mostow) halten sich die Menschen ausschließlich in ihren Wohnungen auf und gehen aus Sicherheitsgründen nicht mehr in den Außenraum. Lediglich ihre Surrogates (Roboter, die sie mit ihren Gedanken steuern) bewegen sich im öffentlichen Raum. Die Emotionen der Surrogates können ihre Besitzer ebenfalls empfinden; der öffentliche Raum wird jedoch nur virtuell wahrgenommen und nicht real.  Ein weiteres typisches Motiv im Sci-Fi ist die Unterscheidung zwischen „arm“ und „reich“ in Bezug auf die Möglichkeiten der Freiraumnutzung. Nur die „Reichen“ können sich grüne private Oasen leisten, wie z.B. in Elysium (s.o.). In den Tagen des Shutdowns seit Mitte März 2020 sind ebenfalls diejenigen im Vorteil, die Zugang zu einem privat nutzbaren Garten haben oder die ein Haus auf dem Land besitzen. In den Münchner Stadtteilen Maxvorstadt, Schwabing oder im Lehel beispielsweise sind wohl viele aufs Land „verschwunden“. Das aktuelle Parkplatzangebot führt zu dieser Vermutung.

Die Ästhetik des erstarrten Freiraums

Gesperrte Parkanlage (Foto: Daniel Münderlein)

Beitrag von Daniel Münderlein

Die raumwirksamen Konsequenzen der COVID-19 Pandemie zeichnen Bilder von dystopischen Geisterstädten, welche den gewohnten Vorstellungen von pulsierenden und lebendigen Freiräumen entgegenstehen. Leere Bürgersteige, abgesperrte Schulhöfe und Spielplätze oder geschlossene Parkanlagen sind die Folge von Auflagen wie ‚Phyiscal Distancing‘ sowie Ausgangsbeschränkungen, welche von der Exekutive zielstrebig und offensiv durchgesetzt werden. Erstarrte und entleerte Freiräume sowie das staatlich verordnete Freiraumfasten sind somit räumliche manifestierte Auswüchse epidemiologischer Schutz- und Mitigationsstrategien.

Der städtische Ruhepuls hat sich in den letzten Wochen drastisch verringert, was geneigten StadtspaziergängerInnen und UrbanistInnen jedoch auch die Möglichkeit neuer Betrachtungen bietet.  Der Kurzfilm Lockdown Berlin bettet diese Ausnahmeästhetik der erstarrten Freiräume der Millionenmetropole in zwanzig stimmungsvolle Minuten voller eindrücklicher Momentaufnahmen. Dieser cineastische Zugang erklärt die surreale Atmosphäre des Erstarrten städtischen Lebens zum Leitmotiv und zelebriert die einzigarte Ästhetik der Einsamkeit aus dem Lockdown.