Eine kurze – unheimeliche – Geschichte

Der leere Universitätscampus in Kassel (Foto 26.6.2020: Stefanie Hennecke)

Gastbeitrag von Harald Kegler

Es war einmal ein Freiraum: Am 24. Juni 1970 beschloss der Hessische Landtag die Gründung der ersten und einzigen Gesamthochschule (GH). Es bestand die Absicht, einen akademischen Raum besonderer Art zu schaffen, der abwich vom etablierten, sozial selektiven, didaktisch auf Hörigkeit und strikte Disziplinarität ausgerichteten Lehrbetrieb zu einer wahrhaft reformorientierten Hochschule der freien Wissensaneignung. Sicher, so idealtypisch lief es dann nicht, aber der Anspruch war gesetzt. Und dieser bot Studierenden tatsächlich die Chance, nonkonform zu lernen und kritisch in die gesellschaftlichen Prozesse beim Bauen und Planen einzugreifen, zu „alternativen Problemlösungen“ beizutragen, wie es in den programmatischen Konzepten vor 50 Jahren hieß.

Es ist einmal: In Kassel ist inzwischen aus der GH eine Universität geworden. Der akademische Freiraum schwand stückweise, doch blieb noch vieles von der Anfangseuphorie. Das Projektstudium oder die Lerngemeinschaft gehörten dazu. Ein unscheinbares Virus, das die sich im Zuge der Globalisierung und Neoliberalisierung bietenden Freiräume selbst lernend nutzte, versetzte die Welt in eine selbstverordnete Schockstarre. Das ganze hochgerüstete System der globalen Vernetzung, dieser propagierte Welt-Freiraum, wurde zur Falle. Eine kleine Unachtsamkeit und das Virus verbreitete sich schlagartig um die Welt – zunächst im globalen Norden, und dann immer weiter. Überall dort, wo die sozialen Schwachstellen der Gesellschaft offene Flanken boten, setzte es sich fest. Insbesondere dort, wo neoliberale Sorglosigkeit, Privatisierungsorgien im Gesundheitsbereich, soziale Spaltung und verheerendes Politikmissmanagement herrsch(t)en, steigen die Infektionszahlen rasant an. Dabei ist das Virus gar nicht automatisch tödlich, wie die Relation zwischen Infektionszahlen und Todesfällen zeigt. Im Straßenverkehr sind fast genauso viele Tote zu beklagen, was einer weltweiten Pandemie nicht nachsteht.

Es wird einmal gewesen sein: Die Hessische Landesregierung hatte – in einer verständlichen Ad-hoc-Reaktion – den Lockdown für die Hochschulen (wie in anderen Bundesländern auch) verhängt. Der Lehrbetrieb an der Universität Kassel erstarrte. Während Spargelstecher ins Land gelassen wurden – weil sie „systemrelevant“ sind (sic) – wurde der neuen Kollegin aus den USA, die bereits 6 Wochen Quarantäne verlebte, die Einreise verwehrt. Universität wurde als nicht systemrelevant taxiert. Wie bedauerlich. Die alte Universität verwaist. Natur kehrt zurück an den Ort, der eigens für die Studierenden betoniert worden war, Räume mit schlechter Akustik stehen leer. Der persönliche Kontakt im alten Raum ist obsolet geworden. Die Universität, die es gab, gibt es nicht mehr. Skater üben in den einstigen Frei-Räumen akademischer Begegnung. Es wurden bereits Nachnutzungskonzepte erstellt für die einstige Wirkungsstätte universitären Lernens. Nach 50 Jahren war der Betrieb am Ort eingestellt worden. Neues zog an dessen Stelle. Ahnungen beschleichen die Betroffenen: Scheint es abwegig, dass sich im verewigten Lockdown ein Test für die Disziplinierung eines womöglich gesellschaftsverändernden Freiraumakteurs anbahnte? Doch das ist wirklich abwegig. Nach 50 Jahren begann ein Versuch, neue Freiräume zu erkunden. Es war einmal eine Gesamthochschule, die sich anschickte, neue Wege zu beschreiten, soziale Hürden zu überwinden, alternative Problemlösungen für das Ganze zu ersinnen und nonkonforme Menschen zu fördern. Das war einmal systemrelevant. Und da sie nicht gestorben ist, hat es im Irgendwo neue Räume des akademischen Freiseins gegeben …

1,5 Meter-Design

Über Begegnungen, Distanz und deren Gestaltung

Gastbeitrag von Raamwerk – Studio für Kunst,Sozial, Kommerz

Britta Wagemann, Jero van Nieuwkoop, Marie-Sophie Kammler & Samson Kirschning

Distanz und Gestaltung

Werner, 75 Jahre alt, kauft zum ersten Mal seit langer Zeit wieder selbst ein. Trotz Einkaufshilfe will er endlich mal wieder selbst im Supermarkt herumstöbern. Ein bisschen schüchtern und angespannt betritt er den Laden. Joghurt, Obst und vielleicht mal ein Bierchen heute Abend? Während er nachdenklich mit seinem Einkaufswagen vor dem Regal steht, greift ein anderer Besucher nach ein paar Bier, direkt an Werner vorbei. Gerade als der Mann die Flaschen greift, fängt er auch noch an zu husten. In den Ellenbogen zu husten geht anscheinend nicht. Der verängstigte Werner, der bereits Lungenprobleme hat, ist frustriert. Er fängt an zu schimpfen: „Eineinhalb Meter! Wie schwierig kann es sein.“

Der Frühling 2020 zeichnet ein merkwürdiges Bild: Die Menschen schleichen umeinander herum und geben sich (mal mehr oder weniger) Mühe, die wegen der Virus-Pandemie gebotenen 1,5 Meter Abstand einzuhalten. Gar nicht so einfach. Ob im Supermarkt oder auf der Straße, plötzlich finden wir uns in einem permanenten Prozess des Abwägens wieder. Wie viel sind eigentlich 1,5 Meter? Plötzlich spielen die Selbst- und Raumwahrnehmung eine verstärkte Rolle und was vor Kurzem noch eine Sache der Höflichkeit war, ist heute taktlos – sogar gefährlich. Mit dieser veränderten Situation umzugehen fordert uns alle. Empathie und Geduld sind notwendig. Unsere Motivation bestimmte Auflagen streng einzuhalten, war zu Beginn der Ausnahmesituation überwiegend hoch, aber nach und nach erschlafft sie sichtlich. Wie bei einem Muskel folgt auf die außerordentliche Anspannung unweigerlich eine Entspannung, hier die beginnenden “Lockerungen” der Ausgangsbeschränkungen.

Und nicht zuletzt wird deutlich: Die Distanzgebote sind auch eine Frage der Gestaltung. Ähnlich wie sich Wasser seinen Weg vorbei an Hindernissen sucht, sprudelt die menschliche Kreativität durch die vorgegebenen Einschränkungen. Es ist beeindruckend: Im privaten wie im öffentlichen Raum wird improvisiert wie lange nicht mehr. Der öffentliche Raum, der unser (Zusammen-) Leben ebenso prägt wie er durch soziale Regeln geprägt wird, muss plötzlich angepasst werden: In vielen Supermärkten mahnen Abstands-Streifen auf dem Boden zu Vorsicht und Distanz. Niemand darf den Laden ohne Einkaufswagen betreten, um ohne Nachdenken zu müssen auf Abstand zu bleiben. Und in jedem Moment, in dem wir die Distanz doch nicht einhalten können, werden wir durch Plastikscheiben getrennt. Fast liebevoll und menschlich wirken die selbstgebauten, provisorischen Konstruktionen um Kassen und Theken. Sie sind gebaut um zu schützen und beißen sich gleichzeitig mit der Ästhetik des einheitlichen und meist biederen Designs des Ladens. Wir stellen fest, dass Kreativität und Gestaltungswille durch besondere Situationen, besonders herausgefordert sind, neue Lösungen zu entwickeln. Den gesetzlichen Beschränkungen in Zeiten der Pandemie wird mit kreativem Pragmatismus und ad-hoc Gestaltung begegnet, durch die unser gewohntes Umfeld neue Impulse und Formen bekommt.

Raamwerk gestaltet Begegnungen

Auch Raamwerk, als selbsterklärtes “Studio für Kunst, Sozial, Kommerz”, hat die Corona- Zeit als mögliches Experimentierfeld für die Neugestaltung bestimmter Aspekte in der Gestaltung des öffentlichen Raums direkt angenommen. Kreiert wurde eine Reihe von gestalterischen Interventionen, um unsere Selbstwahrnehmung wie auch unser Raumgefühl im Zusammenleben ganz bewusst zu erleben und zum Neudenken anzuregen.

Die Händchenhaltverlängerung

(Foto: Studio Raamwerk)

Wir brauchen Kontakt, und 1,5 Meter Abstand zu halten ist schwer. Wieviel sind eigentlich 1,5 Meter und inwieweit sind wir selbst und der öffentliche Raum überhaupt dazu in der Lage diesen Abstand konstant einzuhalten? Wie verändert das unsere Begegnungen und was, wenn wir einer Person eigentlich nah sein möchten? Diese und weitere Fragen, konnten Passant*innen bereits zu Beginn der Pandemie selbst ausprobieren. Die 1,5 Meter langen und rosaroten Rundhölzer wurden von Raamwerk an bestimmten Stellen im öffentlichen Raum positioniert und verliehen. Durch die Händchenhaltverlängerung haben Menschen die Möglichkeit miteinander spazieren zu gehen ohne einander direkt an der Hand zu halten. Den Abstand derart plastisch zu sehen, war für viele Passant*innen irritierend, sorgte aber gleichzeitig für schöne Begegnungen, zwischenmenschliche Interaktion und inspirierte den gesehenen Abstand nachzuahmen – im Park, im Supermarkt oder in der Straßenbahn.

Die Corona-Kabine aka Spuckschutz

(Foto: Studio Raamwerk)

Wir wollen Begegnungen, wollen uns näher sein als im Videocall. Mit der Corona-Kabine macht Raamwerk eine Not zur Tugend und schafft ein neues Begegnungsmöbel. Der rollbare Tisch ist durch große Fensterscheiben in Viertel unterteilt und bietet den Benutzer*innen die Möglichkeit zusammen an einem Tisch zu sitzen und sich auszutauschen, zu arbeiten oder zu essen. So wurde das Möbelstück unter anderem für die Aufnahme eines Podcasts zu dem diesjährigen, alternativ gestalteten MADE Festival eingesetzt. Während die Händchenhaltverlängerung als universelles und schnelles Vermittlungswerkzeug benutzt wird, bietet die Corona-Kabine die Möglichkeit sich in geschütztem Rahmen länger und tiefer inhaltlich auszutauschen. Die Mobilität des Begegnungsmöbels ermöglicht es, dieses Setting schnell und unkompliziert herzustellen. Wo auch immer man die Kabine aufstellt, ist ein Rahmen geschaffen, um unkonventionelle Begegnungen zu ermöglichen, sowie Raamwerk es gerne macht. Sicher aber nah und natürlich immer rosarot.

Das Freiluft-Experiment

(Abbildung: Studio Raamwerk)

Ein aufgrund der Kontaktbeschränkungen auf nächstes Jahr verschobenes Raamwerk-Projekt ist das großangelegte Freiluftexperiment zur Gestaltung des öffentlichen Raumes in der Kasseler Innenstadt. Hier ist der untere Teil der städtischen Fußgängerzone, der gleichzeitig die Transitzone zwischen Innenstadt und Hauptcampus der Universität bildet, für den motorisierten Durchgangsverkehr befahrbar. Während der obere Teil eben jener Straße frisch neu gestaltet und mit großen Boulevards zum Flanieren ausgestattet wurde, müssen sich Passant*innen, Kund*innen der vielen internationalen Lebensmittelgeschäfte und Studierende hier auf den viel zu engen Gehwegen dicht an dicht drängen. Ausgehend von dieser Beobachtung hat Raamwerk ein Netzwerk ins Leben gerufen, um den öffentlichen Raum, der hier exemplarisch für viele ähnliche Ecken der Stadt steht, in ein Freiluft-Experiment auf Zeit zu transformieren. Über einen Zeitraum von mehreren Wochen soll hier gemeinsam ausprobiert werden, wie sich die Qualität des Ortes verändern würde, wenn auch die Fahrbahnen als Aufenthaltsort für Fußgänger*innen mit bespielt werden dürfte. Und gerade die Corona-Zeit macht die bestehenden vielfältigen Problematiken noch einmal deutlicher. 1,5 Meter Abstand sind auf den Gehwegen nicht einzuhalten und die Fragen werden lauter: Vielerorts werden die Forderungen nach mehr Platz für Fußgänger*innen gestellt. Sollte das Konzept “Gehweg” nicht vielleicht grundsätzlich überdacht und zu Shared Space Mischnutzungen der Straße übergegangen werden, wie sie in unterschiedlicher Form auch schon vor der Einführung des Autos existierten? Die aktuell stark diskutierten Formen der Mischnutzung haben den gemeinsamen Grundgedanken, die unterschiedlichen Verkehrsteilnehmer*innen gleichberechtigt koexistieren zu lassen. Dies wiederum erfordert eine entsprechende Selbst- und Raumwahrnehmung, ein Bewusstsein für mich und andere. In der Schweiz spricht man hier von sogenannten Begegnungszonen.

Raamwerk fasst den Begriff der Begegnungszone für das Freiluft-Experiment weiter, als nur in Bezug auf Verkehrsteilnehmer*innen und bildet den kreativen Knotenpunkt, der Partner*innen aus der Stadtverwaltung, lokale Gewerbetreibende, die Universität sowie soziokulturelle Akteur*innen der Stadt miteinander vernetzt. Die gestalterische Aufgabe besteht für Raamwerk hier im Sichtbarmachen bestehender Schwierigkeiten, in der Vermittlung von Themen und Anliegen der unterschiedlichen Akteur*innen und der Gestaltung von neuen Begegnungen.

Timing ist alles – und der richtige Zeitpunkt ist jetzt!

Kontakt mit fremden Lebenswirklichkeiten schafft Empathie und ist ein erster Schritt, um zu reflektieren und zu verstehen wie wir mit Veränderung umgehen müssen. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben und timing ist alles: Es ist Zeit, unser Umfeld (und damit auch unsere Städte) revolutionär anders zu nutzen und zu gestalten. Das wird gerade mehr als deutlich.

Um den Grundriss und die Funktionen der Stadt neu zu denken, ist es wichtig sicherzustellen, dass Bürger*innen der Stadt auch als solche verstanden werden und nicht allein als Konsument*innen. Die Schwierigkeit besteht schließlich nicht darin neue Ideen zu entwickeln, sondern vielmehr darin, den alten zu entkommen. Deshalb ist es wichtig, heute die Weichen für einen gesunden und nachhaltigen systemischen Wandel zu stellen und auf unterschiedlichen Ebenen anzugehen. Stadtgestaltung sollte in erster Linie (wieder) zugunsten des menschlichen, kulturellen und sozialen Miteinanders geplant werden. Das Wohlbefinden der Bürger*innen und ein umweltfreundliches, nachhaltiges Handeln müssen dabei im Zentrum stehen.

Die Fragen, denen wir uns dabei zu stellen haben, sind weitreichend und erfordern Mut. Angefangen mit der Frage danach, wie Mobilität und ein sozialerer öffentlicher Raum miteinander einhergehen können, über die wahrgemachte Einbeziehung von Bürger*innen in den Planungsprozess, bis hin zur “Demokratisierung der Straße”. Neugestaltungen aus einer anderen Perspektive umzusetzen, würde bedeuten weniger Platz für Autos und mehr Platz für andere Verkehrsteilnehmende einzuplanen. Neubauprojekte würden z. B. aus der Sicht von Radfahrer*innen oder Fußgänger*innen geplant werden. Es würde aus Sicht von Bürger*innen, zusammen mit Bürger*innen gestaltet, statt Gestaltung von oben herab umzusetzen. Der Ansatz, den Raamwerk und andere Initiativen in der Stadtplanung bereits verfolgen, arbeitet damit, kleinste Eingriffe einfach umzusetzen und so die Motive zum Neudenken bewusster und greifbarer zu machen. Planung und Gestaltung können von den Erfahrungen regelmäßiger Trial-and-Error-Prozesse viel lernen und es entstehen passendere Projekte für die Bürger*innen.

Selbst Lust es mal auszuprobieren? Hier ein paar Anhaltspunkte: Parkplätze umnutzen. Straßen für motorisierten Verkehr sperren. Anreize schaffen, für Bürger*innen, die das Auto stehen lassen. Mehr autofreie Tage.Mehr Straßenfeste. Kurz gesagt; Interventionen, die das individuelle aber auch kollektive Verständnis zum öffentlichen Raum beeinflussen. Mehr Platz für Menschen statt für Maschinen. Denn unsere Mobilität wird nicht lahmgelegt, wenn wir das Auto stehen lassen. Vielmehr fordert es uns auf nach Alternativen zu suchen und eröffnet neue Möglichkeiten. Was wir brauchen, sind neue konsumfreie Begegnungsräume und die Umwandlung des öffentlichen Raumes in einen öffentlichen Aufenthaltsraum.

Vielleicht ist es in der Corona-Zeit geboren worden, das 1,5 Meter-Design und bestenfalls gibt es uns Mut Neues auszuprobieren. Denn manchmal müssen wir raus aus der Komfortzone um zu merken, dass eine Alternative viel komfortabler ist, als vermutet.

Abstandsregeln 2: Gesperrte Spielplätze oder gesperrte Straßen?

Gesperrter Spielplatz in Kassel (Foto: Daniel Münderlein)

Beitrag von Stefanie Hennecke

Eine erste Maßnahme des gesellschaftlichen Shutdown in Deutschland war die Absperrung von Spiel- und Sportplätzen. Mit dem Argument, dass zu viele Menschen bei dem schöner werdenden Wetter die Kontaktvermeidungsgebote missachten würden, wurden Orte des öffentlichen Inkontakttretens gesperrt. Seitdem steht Kindern und Jugendlichen kein speziell für sie gestalteter Freiraum in der öffentlichen Sphäre oder im halböffentlichen Bereich von Vereinssportplätzen oder Schulhöfen zur Verfügung. Diese Einschränkung des real nutzbaren Raumes für den Aufenthalt erscheint paradox, wenn andererseits das Gebot der Stunde ist, Abstand voneinander zu halten.

Die Sperrung von öffentlichen Freiräumen könnte auch noch weitergehen, so die Drohung, wenn sich nicht alle regelgerecht verhalten. So forderte in Berlin die Polizeigewerkschaft die Schließung von Parkanlagen, wenn die Distanzregeln nicht eingehalten werden (Newsblog des Tagesspiegel online am 1.4.2020). Das veraltete pädagogische Modell der „wenn-dann“-Drohung scheint allgemein gesellschaftsfähig und akzeptiert. Gleichzeitig werden aber alle Menschen in Deutschland dazu aufgefordert, sich nach wie vor im Freien aufzuhalten, um die Immunabwehr zu stärken und fit und gesund zu bleiben.

Wie soll das funktionieren?

Aus Perspektive der Freiraumplanung wäre eine alternative Möglichkeit zur immer weiteren Einschränkung von Freiraum über Verbote die radikale Erweiterung des nutzbaren Freiraums. Dies würde auch besser zur gebotenen individuellen Gesundheitsfürsorge passen.

Warum werden nicht alle verfügbaren Freiräume – Sportplätze, Schulhöfe, Spielplätze, Friedhöfe – ab sofort ganztägig geöffnet und zur individuellen Bewegung zur Verfügung gestellt?

Warum werden nicht einzelne Straßen für gewisse Zeiten am Tag oder in der Woche für den motorisierten Individualverkehr gesperrt und für alle, die sich zu Fuß oder zumindest ohne Motor fortbewegen wollen, damit gefahrlos nutzbar? Warum wird dieses Modell bislang nur zaghaft für die temporäre Schaffung von zusätzlichen Fahrradwegen verfolgt? (Siehe dazu Felix Hackenbruck, Tagesspiegel 9.4.2020)

In Kassel sollte am 24. April 2020 eigentlich ein Verkehrsversuch starten (z. B. HNA-Bericht dazu): Für einige Wochen wäre die Untere Königstraße zwischen dem Holländischen Platz und dem Stern für den MIV gespertt gewesen, um den Raum alternativ nutzen zu können. Dieses Experiment wurde wegen der Pandemie abgesagt. Eine Durchführung wäre aber gerade in dieser Zeit ein Gewinn für die Menschen in einem dicht bewohnten Stadtviertel mit nur sehr wenigen öffentlichen Freiräumen gewesen.

Die Stadt New York City hat vorgemacht, dass das geht und sperrte ab Anfang April zeitgleich mit der Schließung der Spielplätze einzelne Straßen für den Autoverkehr, um den Menschen die Möglichkeit des gefahrlosen Aufenthalts im Freien zu ermöglichen (nbc New York).

Die Kontrolle über das Abstandhalten der Individuen voneinander übernimmt gerade der Staat in dem vorwegnehmenden Urteil, dass die Einzelnen sich ansonsten gewiss verantwortungslos verhalten würden. Es käme auf den Versuch an, etwas anderes auszuprobieren.