„Ich habe Nachbarn Teil 1 und 2“

Vorbemerkung von Johanna Niesen

Nachbarschaft in Zeiten der Covid19-Pandemie bekam aufgrund von Kontaktbeschränkungen und der Tatsache, dass viele Menschen sehr viel Zeit in (und um) die eigenen vier Wände verbrachten, eine andere Relevanz. Vor allem zu Beginn der Maßnahmen im März und April waren neue Formen der Nachbarschaftsaktivitäten zu beobachten. Menschen unterstützen sich gegenseitig in Form von organisierten oder spontanen Nachbarschaftshilfen oder tauschten sich über den Gartenzaun oder von Balkon zu Balkon aus. Der folgende Text einer Studierenden entstand bei der Dokumentation der eigenen Wohnsituation im Rahmen des Seminars „Wohnpraktiken in der Verflechtung von Innen- und Außenräumen in Zeiten der Corona-Krise“ und fängt eine Nachbarschaftsgeschichte in Zeiten dieser Ausnahmesituation ein.

Gastbeitrag von Antje Halfter

Ich habe Nachbarn

Es ist Mitte der Woche zwei nach dem Schließen der Geschäfte. Die Selbstisolation zeigt so langsam Wirkung aus unerwarteter Richtung. Von Draußen, um genau zu sein. Als passionierte Couchpotato bin ich zwar grundsätzlich dem „Leben da draußen“ nicht böse gesonnen, aber ich finde es im Allgemeinen nicht so tragisch, wenn das Leben auch draußen bleibt, während ich in meinen vier Wänden einen etwas anderen Rhythmus nachgehe. So kann ich bei Bedarf mich der restlichen Menschheit anschließen, habe aber meine Ruhe oder die Freiheit denselben Song fünfzehn Mal hintereinander zu hören, ohne das Gefühl zu haben, dass er meinen Nachbarn zu den Ohren raushängt. Dass es meinen Mitmenschen und speziell meinen Nachbarn durchaus anders geht, habe ich durch die scheinbar aus Papier geschaffenen Wände nun des Öfteren vernommen, dem jedoch nicht weiter Beachtung geschenkt. Bis zu diesem Tag, denn ich hörte durch meine Musik hindurch einen dumpfen Knall und ein recht enthusiastisch formulierter und vorgetragenen Fluch meiner Nachbarin, die rechts neben mir wohnt. Nun neugierig geworden und etwas besorgt stellte ich die Musik leiser und hörte eine männliche Stimme etwas lauter fragen, was passiert ist und noch alles heile sei. Nicht jedoch aus der Wohnung besagter Nachbarin, sondern aus der Wohnung direkt über mir. Die Antwort folgte nach einem kurzen Zögern. Anscheinend stand ein Topf mit Suppe nicht länger gerade auf der Herdplatte, sondern lag in der nahegelegenen Spüle und hatte auf dem Weg dorthin seinen Inhalt durch das halbe Zimmer verteilt.

Anscheinend war aber nicht nur ich auf den Zwischenfall und das kleine Gespräch über die Stockwerke hinweg aufmerksam geworden, denn eine weitere Nachbarin aus meiner Etage meldete sich zu Wort um zu fragen, wie das passieren konnte. Die erste Nachbarin war trotz der ärgerlichen Situation über das rege Interesse doch amüsiert und antwortete, dass sie eigentlich die Suppe probieren wollte, von ihrem Handy aber etwas abgelenkt worden sei und dann unglücklicherweise mit dem Kochlöffel den Topf etwas von der Herdplatte geschoben hatte. Im Anschluss kippte der Topf und rollte weg. Ein vierter Nachbar aus dem Erdgeschoss meldete sich, um zu fragen, ob sie denn noch Suppe hätte oder jetzt etwas anderes zu Mittag machen müsste. Er hätte sonst noch etwas Dosensuppe auf Vorrat, seine Mutter wäre in Sorge, dass er verhungern würde, wenn er nicht mindestens zehn Dosen Fertigsuppe im Haus hätte. Nach einigem Hin und Her wurde ein Karton vor die Wohnungstür meiner Nachbarin gestellt und jeder, der diese Unterhaltung verfolgt hatte, kam in den ersten Stock und hinterließ Lebensmittel. Dafür, dass ich selten meine Nachbarn persönlich treffen, geschweige denn ihre Namen kenne, waren es doch erstaunlich viele Dosensuppen, die sich nach einigen Minuten in dem Karton angesammelt hatten. 

Ich habe Nachbarn – Zweiter Teil

Dafür das meine Nachbarschaft relativ kontaktscheu ist und sich maximal durch Wände unterhält, entwickeln sich während der Corona-Krise erstaunliche Szenen. Als Hintergrund ist es wichtig zu wissen, dass ich im ersten Stock eines im Innenhof gelegenen Mehrparteienhauses lebe, in dem es primär Ein- und Zweizimmerwohnungen gibt. Entsprechend leben maximal zwei Leute in einer Wohnung und viele sind vom Alter her 20 bis 30 Jahre alt und Studenten oder Berufsanfänger. Insgesamt also eine eher homogene Bewohnerstruktur, auch wenn sich Herkunft, Vorlieben und berufliche Orientierung stark unterscheiden. Wie auch immer, normalerweise geht man sich aus dem Weg oder grüßt kurz, wenn man sich doch mal im Innenhof oder im Treppenhaus begegnet. Trifft man sich dagegen auf der Straße oder gar im Supermarkt, kennt man sich auf einmal nicht mehr.

Genau diese Nachbarschaft hat während der Corona-Krise eine gemeinsame Tradition entwickelt. Beinahe jeden Abend gegen 18, 19 Uhr versammelt man sich im Innenhof, stellt sich in zwei Meter Abständen im Kreis und quatscht miteinander. Kern des ganzen sind zwei Nachbarinnen im Erdgeschoss, die in ihrem Vorgarten stehen und sich über die Hecke hinweg mit den Leuten unterhalten, die entweder von der Arbeit oder vom Einkaufen kommen. Es bildet sich innerhalb von gut fünfzehn Minuten eine kleinere Ansammlung von etwa acht bis zwölf Leuten, die sich über das ständige Tragen von Masken beklagen und immer wieder einer Krankenschwester ihr Mitleid bekunden, die neuesten Öffnungszeiten von Geschäften austauschen, über die Nachbarschaftshilfe eine Dame aus dem zweiten Stock mit Lebensmitteln versorgen und noch viele andere Themen besprechen, die sie gerade bewegen, während trotzdem konsequent darauf geachtet wird den Abstand zu wahren. Die Menschen aus den oberen Stockwerken stellen sich gerne auf den Balkon oder ans Fenster und nehmen ebenfalls an dem Gespräch teil oder hören nur zu.

Richtig Fahrt aufgenommen hat diese neue Tradition interessanterweise erst als die Geschäfte sich wieder öffneten und damit eigentlich dieses allein in der Wohnung sein fast vorbei war. Dennoch scheint es ein Defizit an nachbarschaftlicher Kommunikation gegeben zu haben, die diese Treffen beheben. Und die Damen aus dem Erdgeschoss stellen mittlerweile sogar Desinfektionsmittel auf einen Tisch in eine Heckenlücke, damit man gefahrlos die herumlaufenden Hunde der Nachbarn streicheln kann, da diese für eine nicht unerhebliche Menge an Entertainment sorgen.