Planungswissenschaftliche Arbeitsfragen im Umgang mit der Covid-19 Pandemie

Heidelberg Open Space
Warten im Freiraum (Foto: Daniel Münderlein)

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Covid-19 Pandemie wurde in erster Linie aus dem Bereich der medizinischen Forschung, insbesondere der Epidemiologie, getragen, um Eindämmungs- und Mitigationsstrategien zu entwickeln und argumentativ stützen zu können. Die wohl raumwirksamste Bedeutung aus dem entwickelten Strategienarsenal besitzen die Ausgangsbeschränkungen bzw. der Lock Down, welcher auf diesem Blog bereits anhand verschiedener Beispiele intensiv dokumentiert wurde. Während der letzten Monate wurde oder wird die Hälfte der Weltbevölkerung dazu angehalten zu Hause zu bleiben (Sandford 2020). Trotz dieser gravierenden Tragweite der Ausgangsbeschränkungen, lassen sich im Hinblick auf das Leben im öffentlichen Raum unterschiedliche Auswirkungen beobachten. Der Lockdown in Regionen wie Wuhan in China oder in Norditalien wurde sehr restriktiver umgesetzt, während in Mitteleuropa und insbesondere in Skandinavien stark an das Verantwortungsbewusstsein der Einzelperson appelliert wurde und individuelle Entscheidungsfreiräume offenblieben.
Vor diesem Hintergrund entsteht seit einigen Monaten ebenfalls ein reger wissenschaftlicher Diskurs zum Umgang mit Covid-19 und auch anderen zukünftigen Pandemien in Architektur, Stadt-, Freiraum- und Landschaftsplanung. Aufgrund der dynamischen Entwicklungsprozesse werden bisher eher Statements und Kommentare abgegeben, wobei in jüngster Vergangenheit auch wissenschaftliche Fachartikel entstehen (Alter 2020; Florida 2020; Null, S., Smith, H. 2020; Roberts 2020; van der Berg 2020). Dieser Blog versteht sich ebenfalls als Plattform, welcher Informationen sammelt, bündelt und aufbereitetet.
Trotz vieler Prognosen zu den Auswirkungen der Pandemie auf Planungshaltungen, Planungskultur und Planungsaufgaben lassen sich aktuell eher Arbeitsfragen formulieren als fundierte Antworten finden:

  • Wird sich unser Verhältnis zum öffentlichen Raum durch die Covid-19 Pandemie verändern?
  • Wie lange werden die Veränderungen überhaupt andauern?
  • Wird sich ein verändertes Nutzungsverhalten im öffentlichen Raum versteigen oder relativiert sich dieses in Zukunft wieder?
  • Werden öffentliche Räume in Zukunft anders gestaltet oder dimensioniert werden, um für ähnliche Situationen gewappnet zu sein?

Obgleich sich die räumliche Planung mit der gedanklichen Vorwegnahme von raumwirksamen Handeln befasst, werden sich viele Fragen zum „Freiraum in der Krise“ erst nach den gesammelten Erfahrungen beantworten lassen. Vor diesem Hintergrund deuten sich erst die Konturen eines planungswissenschaftlichen Diskurses an, welchen es insbesondere vor dem Hintergrund der Themenfelder Public Health, Umweltgerechtigkeit und Resilienz zu führen gilt. Die Sammlung von präzisen Arbeitsfragen dient somit dem Verständnis der rahmengebenden Diskurslinien und kann ebenfalls als Analyseraster für Einzelbefunde und Erfahrungsberichte dienen. In dem Fachartikel „The Impact of COVID-19 on Public Space: A Review of the Emerging Questions werden Arbeitsfragen gesammelt und gemäß den Kategorien Design, Wahrnehmung und Nutzung sowie Ungleichheiten bzw. Segregation sortiert und gebündelt. Der daraus resultierende Fragenkatalog soll in diesem Beitrag kurz vorgestellt werden, da dieser auch für die auf diesem Blog gesammelten Beiträge strukturelle Rahmenbedingungen schaffen kann.

Design & Gestaltung:

  • Gilt es Straßen und Plätze grundlegend umzugestalten?
  • Erlangt das Thema Public Health eine höhere Priorität in Planung und Architektur durch Pandemie?
  • Werden Grünflächen wie Parks und Gärten in Zukunft anders zu gestalten sein und genutzt werden?
  • Wie sieht die Zukunft von großen und weitläufigen öffentlichen Räumen aus?
  • Wird eine neue Typologie für öffentliche Räume benötigt?
  • Werden sich die temporären Veränderungen der Pandemie in der Zukunft verstetigen?
  • Wie entwickeln sich Mikro-Mobilitäts- und Sharing-Konzepte?
  • Wie verändern sich öffentliche Verkehrsmittel?


Wahrnehmung, Nutzung und Verhalten:

  • Können wir in Zukunft weniger Menschen im öffentlichen Raum beobachten?
  • Wird sich unser Verhalten im öffentlichen Raum verändern?
  • Wird sich das Gefühl für Freiraumkapazitäten verändern?
  • Werden öffentliche Freiräume in Zukunft weniger genutzt und anders reglementiert?
  • Werden wir Einschränkungen der individuellen Freiheit erleben?
  • Wird sich unsere Wahrnehmung von öffentlichem Raum verändern?

Ungleichheit und Segregation:

  • Wie werden die besonderen Bedürfnisse von vulnerablen Gruppen in zukünftige Gestaltungsprozesse einfließen und sich in Nutzung und Regulierung widerspiegeln?
  • Werden Städte im Globalen Süden den informellen Straßenhandel eindämmen oder reglementieren?
  • Wird die Pandemie die Entwicklung des globalen Siedlungssystems dauerhaft unterbrechen oder beinträchtigen?

(Honey-Roses et al. 2020, S. 4)

Die etwas überstrapazierte Forderung von Krise als Chance, hat jedoch auch vor dem Hintergrund der vorgestellten Arbeitsfragen bestand. Die genaue Beschaffenheit und Gestaltung der Post-Covid-19 Freiräume bleibt Gegenstand intensiver Diskussionen und lokaler Aushandlungsprozesse. Die Tragweite von Public Health wird sich in Zukunft jedoch nicht nur auf Fragen nach Wohlbefinden und Lebensqualität beschränken, sondern die Gestaltung und Unterhaltung von krisenfesten und widerstandsfähigen Freiräume einschließen.

Literaturverzeichnis

Alter, L. (2020). Urban design after the coronavirus. https://​www.treehugger.com​/​urban-​design/​urban-​design-​after-​coronavirus.html.

Florida, R. (2020). We’ll Need To Reopen Our Cities. But Not Without Making Changes First., CityLab.

Honey-Roses, J., Anguelovski, I., Bohigas, J., Chireh, V., Daher, C., Konijnendijk, C., Litt, J., Mawani, V., McCall, M., Orellana, A., Oscilowicz, E., Sánchez, U., Senbel, M., Tan, X., Villagomez, E., Zapata, O. & Nieuwenhuijsen, M. (2020). The Impact of COVID-19 on Public Space: A Review of the Emerging Questions.

Null, S., Smith, H. (2020). COVID-19 Could Affect Cities for Years. Here Are 4 Ways They’re Coping Now., TheCityFix: World Resource Institute (WRI).

Roberts, D. (2020). How to make a city livable during lockdown., Vox.

Sandford, A. (2020). Coronavirus: Half of humanity now on lockdown as 90 countries call for confinement, Euronews.

van der Berg, R. (2020). How Will COVID-19 Affect Urban Planning?, TheCityFix.