Von neuen und alten Normalitäten in Graz

Gedanken zum Freiraum von Mitarbeiterinnen des Instituts für Städtebau der TU Graz

Gastbeitrag von Eva Schwab und Sabine Bauer

(Teil 1 von 2)

Gehsteige vermessen

Der Kreis beginnt sich zu schließen. Wir waren betroffen von den täglich steigenden Infektionszahlen, sind durch die Isolation gegangen und haben das Homeoffice gemeistert, haben die ersten Lockerungen erlebt und können nun – nach den aktuellen Ankündigungen der österreichischen Bundesregierung, die Maskenpflicht und Ausgangsreglementierungen weitgehend aufheben – berechtigterweise vom baldigen Beginn der vielfach herauf beschworenen „neuen“ Normalität träumen.

Wie wird sie nun aussehen, diese neue Normalität? Die Erfahrungen aus den ersten Lockerungen lassen die vielfältigen Argumente, warum die Covid-19 Krise die Chance auf gesellschaftliche Veränderungen hin zu mehr Nachhaltigkeit beinhaltet (nur als Beispiele seien genannt: Die Welt nach Corona, Drei Krisen gleichzeitig) gelinde gesagt ambitioniert erscheinen.

Die Möglichkeitsfenster, die während der Zeit der eingeschränkten Mobilität im Lockdown offen standen und dem Straßenraum eine neue Bedeutung und neue Nutzbarkeit als öffentlicher Freiraum gaben, mussten mit dem erneuten Anstieg des motorisierten Individualverkehrs (MIV) wieder geschlossen werden.

Menschenmassen stauten sich, um endlich wieder in Möbelhäusern und Baumärkten einkaufen zu können, Automassen wälzten sich über die entsprechenden Zufahrtsstraßen.

Ist daran etwas anders als an jedem normalen Samstag vor Corona?

Etwas anders sieht die Situation in der Innenstadt aus. Abseits der großzügig angelegten Einkaufsstraßen bemühen sich Menschen, auf den schmalen Gehsteigen Abstands- und Verkehrsregeln gleichermaßen einzuhalten – und scheitern entweder an dem einen oder dem anderen. Geschäftsinhaber*innen versuchen, unter Einhaltung der Abstandsregelung den Kund*innen einen angenehmen Einkauf zu ermöglichen und verlegen Ein- und Ausgänge oder markieren Wartezonen. Café-Betreiber*innen versuchen die optimale Verteilung ihrer Sitzgelegenheiten in den Schanigärten zu finden, um zumindest das Potential für genügend Umsatz zu schaffen. Und immer wieder merkt man: Das geht sich nicht aus! Der Raum in seiner derzeitigen Aufteilung reicht nicht aus, um den vielfältigen Anforderungen an ihn gerecht zu werden.

Aber dass Raum der wahre Luxus ist, wissen wir nicht erst seit der Corona Pandemie. Sie hat uns nur wieder einmal eindrücklich die ungleiche Verteilung und Zugänglichkeit der Ressource Raum in unseren Städten vor Augen geführt und sehr nachvollziehbar aufgezeigt, wie viel ausreichend (Frei)Raum mit körperlicher und seelischer Gesundheit zu tun hat.

Befinden wir uns also auch diesbezüglich in einer alten Normalität? Die Ahnung einer neuen zeigt sich in den oben genannten Beispielen vor allem darin, dass die altbekannte Raumaufteilung nicht länger unhinterfragt akzeptiert wird. Mehr noch als vorher beginnt die Diskussion um die faire Verteilung des Freiraums geführt zu werden. Die Erfahrungen der letzten Wochen motivieren Nutzer*innen auf der Suche nach Möglichkeiten, ein gutes urbanes Leben für alle zu schaffen, auch heilige Kühe wie die Priorisierung des MIV und die Selbstverständlichkeit des ruhenden Verkehrs im öffentlichen Raum zumindest diskursiv zu hinterfragen.

In diesen Auseinandersetzungen sehen wir die Ansprüche an den öffentlichen Freiraum wachsen. Er soll qualitativ hochwertig gestalteter Raum für urbanes Leben sein und trotzdem weiterhin tradierten Vorstellungen von Mobilität genüge tun – am besten mit Auto-Stellplätzen für alle direkt vor dem Haus oder dem Geschäft. Noch ist nicht klar, ob dieses Patt in der Prioritätenreihung durch die Erfahrung der letzten Wochen beeinflusst wird, in denen viele aufgrund des Lockdowns die Ruhe und den Platz auf den innerstädtischen Straßen genossen haben. Wir beobachten zumindest mit Interesse, wie Fragen der aktiven Mobilität und des öffentlichen Raums unter dem Eindruck der Corona-Krise Aufwind erfahren.

Ein Beispiel für das wachsende Interesse an diesen Diskussionen bildet die Masterarbeit von Daniela Mrazek, in der sie sich dem Gehen in der Stadt widmet. Sie hat dafür die Grazer Gehwege vermessen und diese dann in zwei Gruppen geteilt: diejenigen, die eine in der ÖNORM B1600 festgeschriebene Mindestbreite für Gehsteige von 1,50 m aufweisen, und diejenigen, die diese Anforderung nicht erfüllen. Das Ergebnis hat in Zeiten der COVID-19 Pandemie eine neue Bedeutung bekommen: Es handelt sich um eine Karte der Stadt Graz, in der gekennzeichnet ist, welche Gehsteige nicht genug Platz bieten, um den geforderten Mindestabstand von 1-1,50 m im Vorbeigehen einzuhalten. Das Facebook-Posting des Instituts für Städtebau zu diesem Thema wurde innerhalb kürzester Zeit um ein Vielfaches häufiger geliked und geteilt als Postings zu anderen Masterarbeiten. Auch die lokale Presse hat über die Erkenntnisse aus Daniela Mrazeks Arbeit berichtet.

(Abbildung 09.06.2020: Facebook, Institut für Städtebau TU Graz)
(Abbildung 09.05.2020: Kleine Zeitung Steiermark)

Das Thema der fußgängerfreundlichen Gestaltung und Nutzbarkeit des öffentlichen Raums ist also im Kontext der Pandemie wieder stärker ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt und die Diskussion darüber wird hoffentlich noch lange Zeit ein Teil der neuen Normalität bleiben. Doch inwiefern sind auch die Anforderungen, die wir an den Raum stellen, neu?

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Von neuen und alten Normalitäten in Graz

Gedanken zum Freiraum von Mitarbeiterinnen des Instituts für Städtebau der TU Graz

Gastbeitrag von Eva Schwab und Sabine Bauer

(Teil 2 von 2)

Straßenraum neu verteilen

Dazu ein paar Gedanken aus zwei unserer Lehrveranstaltungen im laufenden Semester, die sich anhand des Beispiels Zinzendorfgasse mit der Neuorganisation des Verkehrs und der Umgestaltung des innerstädtischen Straßenraums beschäftigen.

Die Grazer Zinzendorfgasse liegt in unmittelbarer Nähe der Karl-Franzens-Universität (der größten Grazer Universität). Sie besitzt eine kleinteilige Struktur von Geschäften und Lokalen und lebt von der großen Zahl an Studierenden, für die sie eine wichtige Verbindung zwischen der Universität und dem Stadtpark bzw. der Innenstadt darstellt. Außerhalb der Semester ist die Nutzer*innen-Frequenz allerdings deutlich geringer, wodurch die Geschäftstreibenden vor eine große Herausforderung gestellt werden, die sich auch in Leerständen manifestiert. Parkende Autos begrenzen den verfügbaren Raum in der schmalen Straße außerdem stark und verringern sowohl den nutzbaren Bewegungs- als auch (kommerziellen und konsumfreien) Aufenthaltsraum.

Die Zinzendorfgasse letzten Herbst. (Foto: Martin Grabner)
Die Zinzendorfgasse während des Lockdowns. (Foto: Viktoriya Yeretska)

Der Verein Zinzengrinsen, der aus Geschäftstreibenden der Straße und Anrainer*innen besteht, setzt sich seit einiger Zeit für eine Umgestaltung ein. Er arbeitet mittlerweile mit der Grazer Stadt- und Verkehrsplanung und einem lokalen Architekturbüro zusammen und ist an das Institut für Städtebau mit der Bitte herangetreten, ihn bei der Umgestaltung ihrer Straße zu einer Slow Street mit urbanen Qualitäten zu unterstützen.

Wir wollten dieser Bitte mit einem einwöchigen Workshop und einer Projektübung nachkommen, als mit Semesterbeginn die Krise mit all ihren Schwierigkeiten und Chancen wirksam wurde. So entschieden wir uns, den Workshop dem Thema des Physical Distancing (also der Schaffung von Voraussetzungen für körperliches Abstand halten, ohne das Erzeugen von Social Distancing) zu widmen.

Die Studierenden des Workshops haben dabei den Status Quo erhoben und ihn den (alten und neuen) Anforderungen gegenübergestellt. Schließlich wurden Vorschläge für eine (mehr oder minder) temporäre Adaption der Straße erarbeitet, die Einkaufen, Ausgehen und kulturelle Veranstaltungen unter Einhaltung der nötigen Abstandsregeln ermöglichen können. Dass damit mehr Raum von Fußgänger*innen, Radfahrer*innen und für den Aufenthalt in Anspruch genommen werden muss und dass dieser Raum nur unter Einschränkung des MIV verfügbar werden kann, ging aus der Analyse eindeutig hervor. Ebenso zog sich die Erkenntnis, dass diese Umverteilung die Chance mit sich bringt die Straße grundlegend neu zu denken und zu gestalten, wie ein roter Faden durch alle Arbeiten. (Details zur Lehrveranstaltung)

(Darstellungen: Jago Trelawny-Vernon)

Die Studierenden in der Projektübung arbeiten währenddessen an einem Konzept zur langfristigen Umgestaltung der Straße und einiger Erdgeschoss-Lokale, um der Nutzer*innensaisonalität zu begegnen und die Straße für vielfältige Gruppen interessant zu machen. Die Stärkung der unterschiedlichen Teilräume und ihrer Atmosphären sowie die Reduktion des ruhenden Verkehrs ist allen unterschiedlichen Studierendenprojekten gemeinsam. (Details zur Lehrveranstaltung)

(Darstellung: Dina Sauer und Paula Möller)

Betrachtet man nun diese beiden Ergebnisse, fällt schnell auf, dass sie sich bezüglich der Raumaufteilung nicht wesentlich unterscheiden. Sowohl bei der Entwicklung von kurz- als auch langfristiger Gestaltung zeigt sich, dass die gewünschte Erhöhung der urbanen Qualitäten mit breiteren, multifunktionalen Aufenthalts- und Bewegungsflächen nur durch eine Reduktion der Flächen für ruhenden Verkehr erreichbar ist. Damit sich Menschen sicher und frei bewegen sowie aufhalten können, braucht es nicht nur gute Gestaltung, es braucht auch entsprechend verfügbaren Raum. Für die Zinzendorfgasse kann also abgeleitet werden, dass gute Gestaltung eines menschenfreundlichen Raums nicht nur die kompakte Stadt der kurzen Wege unterstützt sondern gleichzeitig Physical Distancing ermöglicht bzw. vereinfacht.

Verallgemeinert könnte man sagen, dass gut gestalteter und vielfältig nutzbarer urbaner Raum menschlichen Maßstabs krisensicher ist – resilient, wie man es fachgerecht ausdrückt. Unsere Städte brauchen keine speziellen urbanen Räume, die COVID-19 sicher sind, sie brauchen qualitätsvolle Freiräume, die vielfache Nutzungen zulassen, die ökologische Kreisläufe fördern, in denen aktive Mobilität möglich ist und deren aktive Erdgeschosszonen Leben und Arbeiten in der Stadt unterstützen.

Der Verein Zinzengrinsen hat die Ergebnisse unserer Lehrveranstaltungen mit großem Interesse aufgenommen. Ob sie tatsächlich eine Umsetzung erfahren werden?

Auf Basis der aktuellen Verkehrsentwicklungen (also post-lockdown) kann man die Befürchtung entwickeln, dass die Fixierung auf das Auto als die primäre Mobilitätsform nach der Krise ungebrochen bleiben, oder sogar noch stärker werden könnte. Sollten sich die Fahrgastzahlen des unter der Pandemie stark in Mitleidenschaft gezogenen öffentlichen Nahverkehrs nicht wieder stabilisieren, besteht einerseits die Hoffnung, dass ehemalige Öffi-Fahrer*innen sich zukünftig aktiv mit dem Rad oder zu Fuß fortbewegen. Andererseits steht dem aber die Befürchtung gegenüber, dass sich eben diese zukünftig häufiger für den privaten PKW entscheiden. Das Bild des Autos als sicherer, privater Raum könnte durch die Angst vor COVID-19 zusätzlich gestärkt, und der Kampf um den öffentlichen (Verkehrs)Raum noch unerbittlicher werden.

An dieser Stellen geben einander neue und alte Normalität in Graz die Hand und der Kreis schließt sich tatsächlich: Wer traut sich, dem menschengerechten öffentlichen Freiraum den Vorrang zu geben?

Hier geht es zu Teil 1 des Beitrages…