Regenbogenfenster

Regenbogenfenster (Foto: Johanna Niesen)

Beitrag von Johanna Niesen

Es ist schon fast zu einem Wettstreit geworden: wer hat den schönsten, größten buntesten Regenbogen im Fenster. Es wirkt so, als sei diese Aktion von Eltern gestartet worden um ihre Kinder zu beschäftigen und um ihnen auf den täglichen Spaziergängen anhand der Regenbogen erklären zu können, dass auch andere Familien Abstand halten müssen, andere Kinder nicht in die Kita gehen dürfen, ihre Freunde / Freundinnen nicht sehen können und auch die Großeltern nicht besuchen.

(Fotos April 2020: Johanna Niesen, Göttingen)

Alles wird gut, wir bleiben zu Hause

Beitrag von Stefanie Hennecke

(Foto 05.04.2020: Matthias Seidel)

In einem Berliner Miethaus der Gründerzeit ist Anfang April 2020 neben einem von Kindern ausgemalten Regenbogenvordruck zu lesen: „Alles wird gut. Wir bleiben zuhause“. Der Regenbogen schwebt über einem Einfamilienhaus im Grünen.

(Foto 05.04.2020: Matthias Seidel)

Die Kombination von Bild und Text mutet wie ein Abgesang auf die Errungenschaften der modernen Freiraumplanung an. Dass alle Kinder unabhängig vom Einkommen der Eltern oder dem Geschlecht in der dichten Stadt im Freien spielen können, ohne Aufsicht aber dennoch sicher etwa vor den Gefahren des zunehmenden Verkehrs, war seit dem beginnenden 20. Jahrhundert eine zentrale Begründung für die Einrichtung von Spielplätzen und öffentlichen Parkanlagen. Die Freiraumplanung sieht es seit ihren Anfängen als eine ihrer Aufgaben an, die gerechte Verteilung und angemessene Ausstattung der grünen Infrastruktur für das verdichtete Wohnen einzufordern.

Das Gegenmodell dazu, das Einfamilienhaus im Grünen, ist zwar nach wie vor der Wunschtraum vieler. Unbestreitbar ist aber auch, dass dieser Wunschtraum notwendigerweise einer kleinen Minderheit vorbehalten bleiben wird, im Angesicht des Klimawandels nicht nachhaltig ist und für die große Masse das Wohnen anders organisiert werden muss. Dass mit dem Ziel der Eindämmung der Covid-19-Pandemie das „Zuhausebleiben“ eine Zeitlang für sinnvoll erachtet wird, ist nachvollziehbar. Dass dieser Akt der Selbstbeschränkung aber mit dem Regenbogen über dem romantischen Häuschen aus vergangenen Zeiten sowie der Hoffnung auf das umfassende „Gutwerden“ verbunden wird, macht besorgt. Ebenso dass diese Aussagen den ausmalenden Kindern in den Mund gelegt werden. Die demokratischen Errungenschaften des grünen innerstädtischen Freiraums sollten nicht mit so lieblichen und letztlich elitär-konservativen Bildbeigaben in Quarantäne genommen werden.