Spielplätze: von der Schließung bis zur Öffnung

(Foto 21.03.2020: Stefanie Hennecke)

Beitrag von Stefanie Hennecke

Jetzt, Mitte Juni 2020, erscheint der weitgehende Lockdown des öffentlichen Raums schon wieder weit entfernt. Gehwege, Parks und Spielplätze sind voller Menschen. Die Fotoserie in diesem Blogbeitrag dokumentiert rückblickend die administrativen Stadien der Schließung und Öffnung der Spiel- und Sportplätze in Berlin Schöneberg anhand der an den Eingängen angebrachten offiziellen Schilder und deren inoffiziellen oder gar naturwüchsigen Ergänzungen:

16. März 2020: Die Spiel- und Sportplätze werden geschlossen. Das frisch laminierte Schild leuchtet vor dem Hintergrund der üblichen Spielplatzbeschilderung, die in ihrer Ramponiertheit den Pflegestandard öffentlicher Grünanlagen repräsentiert und deren Wortwahl als „Geschützter Spielplatz“ nun eine interessante Bedeutungsverschiebung erhält. Wer wird in dieser Zeit vor wem geschützt? (Alles wird gut, wir bleiben zu Hause!)

Ergänzt wurde das Schild, das die Sperrung anzeigt, durch eine mit Klebeband an einem Schaukelpfosten angebrachte Botschaft in kindlicher Handschrift, das in dramatischer Weise das öffentliche Kinderspiel mit dem „letzten“ Krankenhausbett koppelt.

(Fotos 21.3.2020: Stefanie Hennecke)

Während die Gehwege sich schnell wieder füllten oder nie richtig leerten, wurde das Spielplatzverbot weitgehend eingehalten und Sämlinge wuchsen auf den ungenutzten Sandflächen. Der Hopfen verlieh dem laminierten, in der strahlenden Maisonne langsam vergilbenden Schild unterdessen einen Hauch von Romantik. Weniger romantisch war der Anblick der immer wieder aufs Neue verknoteten Absperrbänder.

(Fotos 27.4.2020: Stefanie Hennecke)

4. Mai 2020: Die Spielplätze wurden nach genau 50 Tagen wieder geöffnet. Interessanterweise blieben die räumlich an die Spielplätze gekoppelten Bolzplätze weiterhin geschlossen, so dass ab diesem Zeitpunkt der Spielraum erweitert aber gleichzeitig in der Nutzung verdichtet wurde: die nicht mehr zu Hause Bleibenden drängten sich auf weniger Raum als vorher. Das neue, Mitte Juni nun auch bereits wieder vergilbte Schild erklärt die überall einzuhaltenden Abstands- und Hygieneregeln und spricht die in dieser Zeit häufig zu hörende Warnung aus, dass eine erneute Schließung droht, wenn nicht alle vernünftig sind.

(Foto 4.5.2020: Stefanie Hennecke)

Abstandsregeln 2: Gesperrte Spielplätze oder gesperrte Straßen?

Gesperrter Spielplatz in Kassel (Foto: Daniel Münderlein)

Beitrag von Stefanie Hennecke

Eine erste Maßnahme des gesellschaftlichen Shutdown in Deutschland war die Absperrung von Spiel- und Sportplätzen. Mit dem Argument, dass zu viele Menschen bei dem schöner werdenden Wetter die Kontaktvermeidungsgebote missachten würden, wurden Orte des öffentlichen Inkontakttretens gesperrt. Seitdem steht Kindern und Jugendlichen kein speziell für sie gestalteter Freiraum in der öffentlichen Sphäre oder im halböffentlichen Bereich von Vereinssportplätzen oder Schulhöfen zur Verfügung. Diese Einschränkung des real nutzbaren Raumes für den Aufenthalt erscheint paradox, wenn andererseits das Gebot der Stunde ist, Abstand voneinander zu halten.

Die Sperrung von öffentlichen Freiräumen könnte auch noch weitergehen, so die Drohung, wenn sich nicht alle regelgerecht verhalten. So forderte in Berlin die Polizeigewerkschaft die Schließung von Parkanlagen, wenn die Distanzregeln nicht eingehalten werden (Newsblog des Tagesspiegel online am 1.4.2020). Das veraltete pädagogische Modell der „wenn-dann“-Drohung scheint allgemein gesellschaftsfähig und akzeptiert. Gleichzeitig werden aber alle Menschen in Deutschland dazu aufgefordert, sich nach wie vor im Freien aufzuhalten, um die Immunabwehr zu stärken und fit und gesund zu bleiben.

Wie soll das funktionieren?

Aus Perspektive der Freiraumplanung wäre eine alternative Möglichkeit zur immer weiteren Einschränkung von Freiraum über Verbote die radikale Erweiterung des nutzbaren Freiraums. Dies würde auch besser zur gebotenen individuellen Gesundheitsfürsorge passen.

Warum werden nicht alle verfügbaren Freiräume – Sportplätze, Schulhöfe, Spielplätze, Friedhöfe – ab sofort ganztägig geöffnet und zur individuellen Bewegung zur Verfügung gestellt?

Warum werden nicht einzelne Straßen für gewisse Zeiten am Tag oder in der Woche für den motorisierten Individualverkehr gesperrt und für alle, die sich zu Fuß oder zumindest ohne Motor fortbewegen wollen, damit gefahrlos nutzbar? Warum wird dieses Modell bislang nur zaghaft für die temporäre Schaffung von zusätzlichen Fahrradwegen verfolgt? (Siehe dazu Felix Hackenbruck, Tagesspiegel 9.4.2020)

In Kassel sollte am 24. April 2020 eigentlich ein Verkehrsversuch starten (z. B. HNA-Bericht dazu): Für einige Wochen wäre die Untere Königstraße zwischen dem Holländischen Platz und dem Stern für den MIV gespertt gewesen, um den Raum alternativ nutzen zu können. Dieses Experiment wurde wegen der Pandemie abgesagt. Eine Durchführung wäre aber gerade in dieser Zeit ein Gewinn für die Menschen in einem dicht bewohnten Stadtviertel mit nur sehr wenigen öffentlichen Freiräumen gewesen.

Die Stadt New York City hat vorgemacht, dass das geht und sperrte ab Anfang April zeitgleich mit der Schließung der Spielplätze einzelne Straßen für den Autoverkehr, um den Menschen die Möglichkeit des gefahrlosen Aufenthalts im Freien zu ermöglichen (nbc New York).

Die Kontrolle über das Abstandhalten der Individuen voneinander übernimmt gerade der Staat in dem vorwegnehmenden Urteil, dass die Einzelnen sich ansonsten gewiss verantwortungslos verhalten würden. Es käme auf den Versuch an, etwas anderes auszuprobieren.